Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches, Psyche

Positiv ist mehr

Mit positiven Gedanken der depressiven Stimmung entgegenwirken, auch wenn sie sich bereits nachts in deine Träume eingeschlichen hat? Ist das überhaupt möglich?
Um darauf zu antworten, will ich erst einmal eine Liste der guten Dinge zusammenstellen. Die Liste des Negativen darf allerdings dabei nicht fehlen.
Eins vorweg: Alle Beispiele und Vergleiche mit dem anderen Land betreffen die Zeit vor meiner Aussiedlung nach Deutschland. Darüber, wie es in Russland heute aussieht, will ich nicht spekulieren, dazu fehlt mir die eigene Erfahrung. Allerdings, demnach, was ich so alles im Netz lese, sehe und höre, wage ich zu bezweifeln, dass es wesentlich besser geworden ist.

Positiv


  1. An erster Stelle – meine Familie und ich sind der Diktatur entkommen und leben in einem freien, demokratischen Land;
  2. Ich habe zwei wunderbare Kinder und zwei nicht minder wunderbare Enkelkinder;
  3. Meine Lebensart muss ich nicht verheimlichen, so wie ich bin, so ist es gut, und so werde ich respektiert;
  4. Auch meinen Beruf konnte ich in Deutschland ausüben. (Jetzt befinde ich mich im Ruhestand und gebe zu – ich vermisse meine Arbeit);
  5. Zwei meiner Bücher sind veröffentlicht worden (und etliche Kurzgeschichten in Anthologien und im Internet). Die Feedbacks, die ich bekomme, sind großartig. Was will eine Autorin mehr? Und ich kann weiterschreiben, wann immer und worüber ich will – im Netz, auf meiner Homepage, im Blog;
  6. Ich habe viele gute FreundInnen, nicht nur bei Facebook und Co., sondern auch im wahren Leben.
  7. Ich habe eine gemütliche Wohnung, in der ich mich wohlfühle.
Dagmar Roder und Rosa Ananitschev

Negativ ⇒ mit Gegenwirkung


  1. Überdimensionale Sorgen um eines meiner Kinder (als Folge der traumatischen Erlebnisse nach seiner Geburt).
    ➡ Dagegen hilft immer wieder sich vor Augen zu führen, dass dieses Kind mit seinem Leben zurechtkommt und den eigenen Weg geht, dass meine Sorgen doch unbegründet sind, wenn auch nachvollziehbar. Würden meine Kinder in Russland leben, müsste ich noch viel mehr Angst um sie haben!
  2. Wiederkehrende Flashbacks in Form zersplitterter Erinnerungen, die sich nicht deuten und nicht einmal zusammenfügen lassen.
    Ich habe gelernt, damit umzugehen, versuche nicht mehr, krampfhaft (wie anfangs) die Puzzleteile aneinander zu reihen, um die Erinnerung endlich zu fassen und zu verstehen. Ich lasse es einfach geschehen und dann ist der ‚Spuk‘ auch schneller vorbei.
  3. Einige meiner Verwandtschaft wollen von mir nichts mehr wissen – wegen meiner Lebensweise und weil ich ‚Lügen‘ verbreite.
    Seit langem schon nehme ich es gelassen und sogar mit Humor.

Die linke Liste ist eine, die bei Weitem nicht vollständig ist. Das kann sie auch gar nicht, denn es gibt so vieles, was hier anders ist, menschlicher, angenehmer, praktischer … Was eigentlich normal und selbstverständlich ist! Solche normale Sachen wie zum Beispiel (ich kann einfach nicht umhin, sie im Folgenden auch noch aufzuzählen, so wie sie mir gerade einfallen):

  • Bücher aller Art, auch Bestseller, kann ich hier überall kaufen – in Russland waren Bücher in Buchhandlungen nur dann zu haben, wenn man entsprechende Beziehungen hatte. Mein Ehemann und ich hatten keine.
  • ‚Meine‘ Musik – in Russland hätte ich sie wahrscheinlich nie entdeckt.
  • Jedes Rezept aus beliebigem Kochbuch kann ich hier nachkochen, weil ich alle Zutaten dazu kaufen kann. In Russland gab es auch Kochbücher, sie zu besitzen hatte jedoch keinen Sinn, denn wo sollte man die Produkte herbekommen?
  • Jedes Jahr fahre ich mindestens einmal in den Urlaub. Hätte ich es mir in meiner alten Heimat leisten können? Nein. In den 38 Jahren, die ich dort gelebt hatte, war ich höchstens fünfmal in der Urlaubszeit von Zuhause weg.
  • Primushäusl - unsere Unterkunft am Wolfgangsee, Österreich (2017)
  • Primushäusl in Sankt Wolfgang, Österreich, 2017
  • Primushäusl in Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • "Im Weissen Rössl" in Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Wolfgangsee in Österreich (2017)
  • Schwarzensee in Österreich (2017)
  • Ein eigenes Auto ist hier nichts Besonderes. In Russland hätte ich nicht einmal einen Führerschein besessen.
  • Mein Kleiderschrank ist voll und ich muss sogar ab und zu die Kleidung aussortieren (fällt mir nicht unbedingt leicht). In Russland wäre ich nie auf die Idee gekommen, etwas zu entsorgen – dafür hatte ich viel zu wenig und man konnte ja alles noch gebrauchen.
  • Einkaufen in Deutschland … Was soll ich dazu schreiben? Was soll ich zu dem fast täglichen, stundenlangen Schlange-Stehen in Omsk schreiben? …
  • Krankenhäuser in Deutschland … Kein einziges Mal hatte ich mich eingesperrt gefühlt. In Russland … daran will ich gar nicht denken, geschweige denn hier davon erzählen.

Mit Sicherheit könnte ich diese Liste noch um einige Punkte erweitern. Ja, es fällt mir noch eine Menge „Kleinigkeiten“ ein! Es ist jedoch auch so schon erkennbar, dass zwischen dem, was mein Leben einst war, und dem, was es heute ist, ein tiefer Graben liegt. Für mich fühlt es sich wie ein kalter, schwarzer Abgrund an, und es schaudert mich, wenn ich da hinunterblicke, wenn ich „abrutsche“ und hinabstürze, wie es in meinen Träumen nicht selten der Fall ist …

Auf die Anfangsfrage zurückkommend, behaupte ich nun, dass die Depression nicht allein durch positive Gedanken besiegbar ist – leider. Meine Versuche scheitern da immer wieder. Und der Wille reicht auch nicht aus. Aber in Zeiten ihrer Abwesenheit hilft es, sich stets in den Sinn zu rufen, was alles seit 26 Jahren mein Leben nicht mehr belastet, wie erfüllt mit wunderbaren Dingen es heute ist. Dann kann sich die graue Hexe bei ihrem nächsten Besuch nicht ganz so breit machen. Dann trifft sie auf mehr Abwehr.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

5 Kommentare zu „Positiv ist mehr

  1. Vielleicht sollte jeder so eine Liste anfertigen und erkennen wie gut es ihm geht. Klar, Depressionen kann man damit nicht heilen, aber alles Positive ist ein Sonnenstrahl, der die Dunkelheit durchbricht oder auch nur ein wenig erhält. Ich finde es sehr schön liebe Rosa, dass du uns an allem teilhaben lässt. Es hilft und es trägt durch die Zeit, die für jeden oft nicht so einfach ist. LG Geli

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieben Dank, Geli, für deine Worte.
      Ja, die Zeit ist nicht einfach und das Leben auch. Aber es hilft, daran zu denken, wie viel schlimmer es einst war. Durch diese „Listen“ habe ich selbst erkennen können, dass das Glück eigentlich auf meiner Seite ist 😉

      Gefällt 1 Person

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