Veröffentlicht in Übersetzung, Memorial

Nicht im Krieg, nicht einmal in der Dürrezeit …

Erinnerungen von I. G. Hentosch

(aus dem Russischen von Rosa A. übersetzt)

Winter 1932-1933 in Rostow am Don. Ich bin sieben Jahre alt. Immer öfter höre ich das Wort Hunger. Es gibt auch andere neue Wörter: Essensmarke, Bons, Torgsin*. Torgsin ist für mich so etwas wie ein Märchen, ein Schlaraffenland. Mama bringt ihren Ring und ein paar silberne Löffel dorthin. Ich stehe am Schaufenster und sehe Würstchen, schwarzen Kaviar, Süßigkeiten, Schokolade, Törtchen. Ich verlange nicht danach – verstehe ich doch sehr gut, dass meine Mutter das nicht kaufen kann. Aber ich bekomme etwas Reis und ein Stückchen Butter.

TORGSIN, Rostow am Don

*Torgsin (russisch Торгсин) war eine Handelskette mit gleichnamiger konvertierbarer Währung in der Sowjetunion zwischen 1929 und 1936.
Der Name war ein Akronym für die staatliche „Allunions-Gesellschaft zum Handel mit Ausländern“. Sie eröffnete 1929 unter Michael Sklar. Anders als die späteren Berjoska-Geschäfte waren die Torgsin-Läden für Sowjetbürger offen, vorausgesetzt diese besaßen Devisen, Silber, Gold oder Juwelen für ihren Einkauf. [Wikipedia]

Nein, ich, das einzige und ständig kränkelnde Kind, hungere nicht. Ich will sogar Mamalyga [aus Maisgrieß hergestellter Brei] nicht essen, der so schön, wie Pudding aussieht, aber ekelhaft schmeckt. Ebenso hasse ich Graupenbrei und es wundert mich, wie gierig ihn Lönjka isst – ein Junge, der in der Wohnung über uns lebt und manchmal zu mir kommt, um zu spielen. Er ist freundlich, aber still und ängstlich. Einige Zeit später erfahre ich, dass Lönjkas Großvater gestorben ist, und die Erwachsenen sagen, es gibt keinen Sarg, um ihn zu begraben. Das erschüttert mich und ich denke: „Dann wird der tote Großvater für immer in der Wohnung liegen bleiben?“ Ich würde Lönjka gern danach fragen, aber er kommt nicht mehr zu uns. Dann erfahre ich, dass der Großvater in einer Kiste aus zusammengenagelten alten Brettern doch noch begraben wurde. Aber Lönjka kommt nicht. Erst viel später wird mir gesagt, dass auch er gestorben ist. Sie waren sehr ruhige und bescheidene Menschen – Lönjkas Familie – und hungerten im Stillen. Die Schwächsten – der Älteste und der Jüngste – haben nicht überlebt.

Hunger 1931-1933
Russland, Hunger 1931-1933

Anfang 1930 hatte meine Mutter an einem Kurs teilgenommen, in dem Krankenschwestern ausgebildet wurden. Sie absolvierte ihn mit Bravour und arbeitete danach in der Gynäkologie-Abteilung des Proletarischen Krankenhauses. Im Winter 1932 wurde diese Abteilung, sowie viele andere, umfunktioniert, um Straßenkinder, die am Verhungern waren, aufzunehmen.
Auch diese Wörter kenne ich schon gut, und die Straßenkinder sehe ich mehr als nur einmal. Auf dem Markt, wo einer von ihnen, schmutzig, in zerrissener Kleidung, meiner Mutter den Geldbeutel aus den Händen reißt … Abends, auf dem Weg von meiner Großmutter, an einem riesigen Kessel, wo tagsüber Teer kocht … Der Kessel bleibt lange warm, und die Kinder – ein dunkler, schmutziger, abscheulicher Haufen – schlafen so nah an seinem Rand wie es nur geht. Zu Hause in meinem Bett denke ich angestrengt nach und kann es doch nicht verstehen, warum sie im Winter auf der Straße leben. Wo sind ihre Mütter? Alle meine Fragen werden kurz mit „Hunger“ beantwortet. Aber was Hunger ist, warum er da ist – das wird mir nicht erklärt.

Straßenkinder, Hunger 1931-1933
Straßenkinder Russlands, Hunger 1931-1933

Meine Mutter spricht oft über die Kinder, die auf ihrer Station untergebracht sind. Einige von ihnen kenne ich bereits namentlich. Heute Abend muss meine Mutter zum Dienst, und ich habe niemanden, der auf mich aufpassen kann. Ich freue mich, mit ihr gehen zu dürfen. Wir passieren schnell den Korridor und erreichen das Schwesternzimmer. Meine Mutter zieht einen Kittel an und sagt, dass ich zu den Kindern gehen kann. Ich traue mich aufgrund meiner Schüchternheit nicht und sie holt ein paar Kinder in das Zimmer. Vor mir stehen seltsame Kreaturen in langen Hemden mit Stempeln darauf. Natürlich verstehe ich, dass sie Kinder sind, aber wie konnte meine Mutter sie sogar hübsch finden? Wie soll ich die überhaupt voneinander unterscheiden? Ich sehe nur rasierte, mit Schorf bedeckte Köpfe, eingefallene und blasse Gesichter mit wunden Lippen und unglaublich dünne Arme.
Ich weiß nicht, wer ein Junge und wer ein Mädchen ist. Auch ihre Hände sind mit Schorf bedeckt, manchmal heben sie die Hemden, die bis zum Boden hängen, und dann sehe ich riesige Bäuche, die sie kratzen. Die Bäuche werden von dünnen, wie Stöcke, Beinen gestützt.
Meine Mutter merkt wohl, wie geschockt ich bin, und bringt die Kinder schnell wieder weg.

Hunger 1931-1933
Straßenkinder Russlands, Hunger 1931-1933

Jetzt gibt es zu Hause endlose Geschichten über diese Kinder. Oft sind sie gar nicht für meine Ohren geeignet, aber wie können sie von einem Kind in der kleinen Wohnung ungehört bleiben? Wenn ich mich weigere Fischöl zu trinken, erzählt Mama mir, wie die Kinder ihr den Löffel mit Fischöl aus der Hand reißen, wie sie ihn gierig ablecken. Abends im Bett höre ich meine Mutter im anderen Zimmer erzählen, dass sie es heute geschafft habe, einen Jungen im letzten Moment aus der Schlinge zu holen. Er wurde von den Ältesten aufgehängt, weil er seine Brotration nicht hergeben wollte.
Ich weiß schon alles über Krätze, Läuse, blutigen Durchfall, dem Enddarm, der aus dem Rektum herausfällt.

Hunger 1931-1933
Russland, Hunger 1931-1933

Diejenigen der Straßenkinder, die älter sind, fangen im Hof des Krankenhauses Spatzen, backen sie in der Asche des Feuers und essen sie samt Innereien und Knochen.
Es wird oft vom Tod gesprochen. Ihr ganzes Leben lang konnte meine Mutter einen kleinen Jungen nicht vergessen. Sein Sterben dauerte lange und war qualvoll. In der letzten Nacht saß sie die ganze Zeit neben ihm. Er fieberte und halluzinierte, rief immer wieder nach seiner Mutter und bat sie um Kartoffeln. In der Morgendämmerung beruhigte er sich plötzlich, öffnete weit die Augen, schaute meine Mutter besonnen an, lächelte und sagte: „Mama ist gekommen, sie hat mir Kartoffeln gebracht.“ Dann starb er …

Es geschah nicht im Krieg, nicht während einer Blockade, nicht einmal in der Dürrezeit … Es geschah im Süden, dem reichsten Teil unseres Landes.

Noch viele, viele Jahre wird es dauern, bis ich begreifen werde, dass der Grund für den Hunger die Kollektivierung war – ein Wort, das ich als siebenjähriges Mädchen damals gar nicht verstanden hätte.

/Slogan auf dem Beitragsbild: „Wir danken dem lieben Stalin für die glückliche Kindheit“/

Übersetzt nach dem russischen Text
„Не война, не блокада, не оккупация, даже не засуха… коллективизация“,
Quelle: https://bessmertnybarak.ru/article/ne_voyna_kollektivizatsiya/

Das Projekt „Bessmertny Barak“, von Andrej Schalajew ins Leben gerufen, wird von ihm und ein paar seiner freiwilligen HelferInnen ehrenamtlich geführt. Das Resultat dieser großartigen Arbeit: Fast 2 Millionen Menschen, deren Namen für uns und unsere Nachkommen schon festgehalten sind (und es kommen im Sekundentakt neue hinzu), zahlreiche Berichte über ihre Schicksale und Geschehnisse in der Vergangenheit.
Das Besondere – jeder darf sich auf dem Portal anmelden und eigene Geschichten dazu fügen. So konnte auch ich von meinem Vater und Großvater erzählen:
https://bessmertnybarak.ru/user/1159/

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

10 Kommentare zu „Nicht im Krieg, nicht einmal in der Dürrezeit …

      1. Daran habe ich noch gar nicht gedacht; stimmt; das sind keine Menschen. Danke für deine weise Antwort !
        Leider, ja. Es ist ein Trauertal, diese Erde.

        Danke für’s Schreiben, Dir auch liebe Grüsse !
        Joe

        Gefällt 1 Person

  1. Ich bin ein Mensch und ich bin Deutscher. Viele deutsche Menschen sagen: „Was geht mich die Vergangenheit an, ich war nicht dabei, bin also unschuldig!“

    Wer sich aber auf sein Vaterland beruft und die positivern Errungenschaften, die es zweifelsohne gibt, der muss auch für die dunklen Seiten von Deutschland einstehen und als Mensch für die dunklen Seiten des allgemeinen Menschseins allüberall.

    So sehe ich es als Pflicht an – nicht nur der Deutschen, denn alle Länder haben Dreck am Stecken – sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Wir alle tragen eine Erbschuld in uns und müssen dafür sorgen, dass sich die Dinge nicht wiederholen.

    Sich mit der Wahrheit der Geschichte konfrontieren ist also erste Bürgerpflicht. Das Aufzeigen der Grausamkeiten ist also auch ein Akt der Vergangenheitsbewältigung und ein spätes Gerechtwerden der unschuldigen Opfer, wenn auch nicht durch Krieg ausgelöst.

    Die Welt muss zusammen rücken und die Länder sich gegenseitig im demokratischen Verständnis helfen und wir alle müssen wach werden und kämpfen gegen das Unrecht, damit sich was ändert, auch in Russland, aber nicht nur in Russland.

    Corona ist eine gute Gelegenheit.

    Ich danke dir, liebe Rosa ❤ ❤ ❤

    Gefällt 2 Personen

      1. Ich muss nochmal was sagen, liebe Rosa. Ich hatte dir mal geschrieben, dass du auch eine Querdenkerin bist. Ich meinte dies im positiven Sinne. Früher und vielleicht heute noch, gibt es Menschen, die sich einsetzten und einsetzen gegen das Unrecht und für Demokratie, für die kleinen Leute im Volk, für die Hartzempfänger, für die Sozialempfänger. Menschen, die sich dagegen einsetzen, dass die einen zuviel und die anderen zuwenig haben. Es gab eine Arbeitslosenzeitschriften mit Namen „Quer“ und es gab auch eine Fernsehsendung „quer“, die sich kritisch einsetzte, aber mit demokratischen Mitteln. Das Wort „Querdenker“ ist also von mir positiv besetzt, dem Guten zugwandt.

        Ich selbst seh mich als „Querdenker“, weil ich vieles im Staat erkenne, was falsch läuft. Schau dir nur den Lobbyismus an. Man könnte dies auch „Korruption“ nennen.

        Dass der Pöbel der AFD und Konsorten jetzt als „Querdenker“ bezeichnet werden, find ich einen Hohn. Das sind keine Querdenker, das sind „Gegendenker“.

        Wir aber sollten immer Querdenker bleiben, die das auf den Tisch bringen, was falsch läuft, in Russland etwa und auch hierzulande. Du bist eine Zeitzeugin einer Diktatur und suchst nach Aufklärung und das meinte ich mit „Querdenker“.

        Wir sollten uns immer einsetzten für die Majorität des Volkes, denn das ist Demokratie (demos: vom Volke aus), alles andere ist dem Volk unwürdig, unterdrückt es und nutzt es aus.

        In Liebe Sven ❤

        Gefällt 1 Person

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