Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Schönes und weniger Schönes

Und weiter gehts …

Fragen und Antworten, 10 – 12

10. Was war die schönste Erinnerung?

Gewiss habe ich nicht nur Schlimmes und Negatives in meiner Kindheit erlebt, sondern auch viel Freude und Glücksmomente gehabt. Aber was war am schönsten? …
Mein erstes Buch, dass mich sofort in seinen Bann gezogen hat? Schwimmen im Baggersee? Erdbeeren und Pilze im Wald sammeln? Die Fahrten mit den Eltern im Elektrozug (wie riesig der mir vorkam!) in die große Stadt, wo alles so ungewöhnlich und aufregend gewesen war? Das Ende der Winterzeit und wie ich den Jahreswechsel empfunden habe? … Ja, das Letzteres ist etwas, worüber ich gern ausführlicher erzählen möchte.

Unendlich lang war er – der Winter meiner Kindheit, zumindest kam es mir so vor. Wie viel Vergnügen mir diese Jahreszeit auch bereitet hatte, irgendwann war ich es leid und konnte den Frühling kaum abwarten. Schon Ende Februar suchte ich nach den ersten kleinen Zeichen, die mir verrieten, dass die fast vier Monate andauernde Kälte bald vorbei sein würde. Es war nicht unbedingt die Schneeschmelze, denn die setzte bei diesen enormen Schneemassen kaum merklich ein. Es war das, was ich mehr ahnte und fühlte: Die Sonnenstrahlen schienen intensiver, das Gezwitscher der Vögel hörte sich lebhafter, fröhlicher an. In der Luft spürte ich einen ganz besonderen Duft, den Duft des warmen Schnees. Nun wusste ich – jetzt ist es so weit, die Natur wird langsam aus ihrem Schlaf erwachen. Es war ein langer Prozess und ich musste viel Geduld aufbringen. Allmählich wurde der Schnee schwerer, feuchter und im März begannen dann die weißen Berge sich zu setzten. Darunter bildeten sich Bäche und Ströme aus Tauwasser, die sich den Weg ins Freie suchten. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde es gefährlich, die Schneehügel zu erklimmen und Schlitten zu fahren – man konnte leicht einbrechen und kam dann ohne Hilfe nicht mehr heraus. Davor, im Schnee gefangen oder darunter begraben zu werden, hatte die kleine Rosa schreckliche Angst. Das Tauwasser war allerdings auch nicht ohne. Nicht immer besaß ich Gummistiefelchen, und Galoschen – auf die Filzstiefel gezogen – nutzten recht wenig.
Es war nicht einfach, bei solchen Verhältnissen von A nach B zu gelangen. Erst hielt man Ausschau nach fest getrampeltem Schnee dicht an den Gartenzäunen, betrat den ’Pfad’ dann ganz vorsichtig, jederzeit bereit, sich an den Zaun zu klammern. Da, wo der Pfad von breiten Pfützen unterbrochen wurde, galt es, besonders aufmerksam zu sein. Meistens warfen die Erwachsenen Steine und Bretter so in und über die gefährlichen Stellen, dass man von einem zum anderen springen bzw. auf den Brettern laufen konnte. Für Kinder mit ihren kleinen Schritten war das oft eine Herausforderung.
Der Höhepunkt des Frühlings war für mich stets der Moment, in dem sich an der Südseite des Hauses oder Schuppens ein, vom Schnee und Eis befreiter, schwarzer Fleck Erdboden zeigte. Die Sonne richtete für mich wieder einen Platz ein! Sobald die Fläche groß genug war, holte ich mir ein paar Armvoll Heu, das so herrlich nach Sommer duftete, und machte es mir mit einem Buch oder meinem Tagebuch und Stift im Sonnenbad gemütlich. Nach einer Weile konnte ich sogar den Mantel ablegen, so warm wurde mir. Dieses sonnige, warme Fleckchen Erde inmitten der noch herrschenden Kälte war einer der wenigen Zufluchtsorte in meiner Kindheit, ein Ort zum Lesen, Träumen, Nachdenken und Schreiben. Ein Ort, an dem ich mich gut fühlte.

11. Haben Sie auch weniger gute Erinnerungen? Falls ja, welche?

Oh, die habe ich auch und lange muss ich danach meine inneren Bilder nicht durchsuchen, denn eins davon ist sofort abrufbar. Es war wohl meine erste Begegnung mit dem, was sich mit dem Wort „Depression“ schimpft, ein Kennenlernen sozusagen …
Es ist grauer Morgen. Meine Mutter hält mich auf dem Arm. Sie hat mich gerade hochgehoben, und mir ist bewusst, dass ich ins Bett gemacht habe. Ich schäme mich, weil ich doch schon so groß bin. Es geht mir gar nicht gut, aber nicht wegen des Einnässens, sondern vielmehr aus einem anderen Grund. Ich will nichts, absolut nichts. Ich will nichts denken und nichts fühlen, weil das Denken und Fühlen so weh tut. Verschwinden möchte ich, irgendwohin, wo es diesen Schmerz nicht gibt …
Es ist schwer in Worte zu fassen, wie ich mich damals, im Alter von nur fünf-sechs Jahren fühlte. Aber diesen Moment habe ich immer noch glasklar vor Augen. Ich sehe den nassen Busch da draußen, dicht an den Fensterscheiben, die Regentropfen auf den grünen Blättern, sehe die bunte Raupe, die bewegungslos auf einem Zweig hing … Auch das tat unheimlich weh.

Noch eine Erinnerung – mit einem kurzen Exkurs vorab:
Das westsibirische Dorf Schönfeld war nicht groß und bestand aus höchstens 80 Häusern. Die Bewohner kannten sich alle und besuchten einander ohne Ankündigungen. Die Türen waren nur abgeschlossen, wenn keiner zu Hause war, sogar dann nicht immer. Man hatte freien Zugang zu jedem Hof und klopfte einfach am Eingang oder an der Fensterscheibe. Manche hielten auch das für unnötig, öffneten einfach die Tür und gingen hinein. Oft wurde der eine oder andere Hof auch für Wegabkürzungen genutzt. Zum Beispiel überquerten viele unseren Hof und das sich anschließende Kartoffelfeld, um zu dem dahinterliegenden Kotlovan (Baggersee) oder zur Gemeinschafts-Banja (Badehaus) zu gelangen.
So war auch ich einmal unterwegs durch fremdes Gelände. Wohin ich wollte? Keine Ahnung. Vielleicht hatten mich die Eltern mit einem Auftrag losgeschickt, vielleicht tat ich es auch aus eigenem Entschluss. Mit fünf Jahren durfte ich mich im Dorf schon ziemlich frei bewegen.
Ich befand mich also gerade im Hof der Nachbarn schräg gegenüber, als ich ein Gackern und Zischen hinter mir hörte. Ich drehte mich um und erschrak – eine Gänseschar war mir dicht auf den Fersen. Noch bevor ich reagieren konnte, rissen mich die Tiere, die fast so groß waren wie ich, zu Boden und hackten mit ihren harten Schnäbeln an mir herum. Ich schrie wie am Spieß, hatte aber bereits so viel Verstand, dass ich meine Augen mit den Händen schützte.
Zum Glück wurde mein Schreien von einem Nachbarn gehört, der eilends herbeilief und die Angreifer wegscheuchte, sonst hätte es für mich sehr übel ausgehen können, denn mein kleiner Körper war danach übersät mit roten, schmerzenden Flecken.
Seitdem gehören Gänse nicht unbedingt zu den Geschöpfen, die ich mag.

12. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindergartenzeit?

Einen Kindergarten gab es im Dorf nicht. Die Eltern mussten selbst mit ihrem Nachwuchs klarkommen, dabei durfte die Arbeit im Kolchos nicht unterbrochen werden. Da die Familien meistens kinderreich waren, passten gewöhnlich die älteren Geschwister auf die kleineren auf.

100 Fragen zur Autobiografie kann man kostenlos hier herunterladen:
https://quintessenz-manufaktur.de/autobiografie/

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

4 Kommentare zu „Schönes und weniger Schönes

  1. Deine Berichte als Antworten haben mich sehr erfreut. Ich musste auch ein wenig an meine eigene Vergangenheit denken, die als Stadtkind so anders war. Ich find das toll, dass du so viele wundervolle Momente der Erinnerung bewahrst. Wir durften als Kinder auch rausgehen, aber spielten auf einem großen Parkplatz. Überall Straßen, Geschäfte und Autos.

    Doch unser Vater ging mit uns gern in den Wald, Offenbach ist ja vom Wald umgeben bis zu Frankfurt. Und da gibt es den Waldspielpark Scheerpark, wo Fontänen zum Duschen einluden oder dahinter noch ein Kinderspielpark am Goetheturm, was immer schön war zu besuchen, weil es da Rutschbahnen und noch andere Belustigungen für Kinder gab.

    Allein das Wandern durch den Wald zu einem Ziel, war schon die halbe Miete. Mein Vater war in seiner Kindheit oft im Wald und hat das an uns Kinder weitergegeben. Wenn ich heute durch den Wald lauf, hab ich immer das Gefühl, mein Vater ist dabei. Er lebt nicht mehr, aber er lebt dann doch in mir ..

    Ich danke dir für deine offenen Worte ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Danke ebenso für deine Erinnerungen. Ja, das Leben in der Stadt war ganz anders als im Dorf und ich stellte es mir selbst sehr aufregend vor. Obwohl – ich denke – es war gut, dass ich im Dorf aufgewachsen bin und nicht in der Stadt.
      Um unser Dorf herum gab es auch viele Wälder. Ohne sie wäre eine Kindheit irgendwie trostlos.
      Herzliche Grüße
      Rosa

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s