Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Spielen – drinnen und draußen

Autobiografisch geht es weiter.

13. Was war Ihr Lieblingsspielzeug? 14. Was war das liebste Spiel draußen?

Jetzt bin ich aber am Grübeln. Spielzeug? … Ich könnte sagen – ich hatte keins, und das würde auch so ziemlich der Wahrheit entsprechen. Kann man den Puppenkopf, mit dem ich auf einem Kinderfoto zu sehen bin (an die Puppe selbst erinnere ich mich nicht einmal), als Spielzeug betrachten?

Meine Geschwister hatten es allerdings nicht besser. Unsere Eltern legten eben kein Wert auf so etwas Überflüssiges wie Spielsachen.
An einen schönen Moment erinnere ich mich jedoch. Einmal nahm mich meine Mutter mit in die Stadt Omsk (was schon allein für sich sehr aufregend war). Sie verkaufte Eier und Butter auf dem Markt nahe dem Bahnhof und ich erkundete derweil die Gegend. Zehn oder elf Jahre alt bin ich wohl gewesen. Als ich ein Schreibwarengeschäft entdeckte, war ich beeindruckt von alledem, was es da gab. Eigentlich war die Auswahl gar nicht so breit (kann man sich ja denken in Anbetracht des Landes, in dem ich lebte). Aber für meine Augen war es die reinste Pracht, vor allem weil mich schon damals alles, was mit Schreiben zu tun hatte, so begeisterte. Besonders fasziniert war ich von den großen Schachteln mit Farbstiften und der Vielfalt der Farbtöne. Ich kannte nur die kleinen Packungen mit den sieben Grundfarben. Aufgeregt und hoffnungsvoll lief ich zu Mama … und zu meiner Freude erlaubte sie mir, sie zu kaufen, ich durfte sogar noch einen Malblock dazu auswählen. Es versteht sich von selbst, dass ich die Stifte zu Hause sofort getestet habe.

Ansonsten spielte ich gern Brettspiele, wenn es denn welche gab. Die Auswahl war spärlich, spontan fallen mir ein: Domino, Schach und Dame, Schwarzer Peter (das Spiel bastelten wir uns selbst aus Papier), Lotto. Lotto ist eine russische Bingo-Variante mit Zahlen auf Fässchen und auf Karten). Irgendwo im Kämmerchen habe ich sogar das Spiel, allerdings schon in Deutschland gekauft. Einmal brachte uns Vater ein außergewöhnliches Brettspiel mit, bestehend aus etlichen Tafeln mit abgebildeten Vögeln darauf und entsprechenden Kärtchen. Ich fand das Spiel sehr spannend und lernte so auch die vielen Vogelarten kennen … Aber fragt mich jetzt nicht danach – alles wieder weg aus dem Kopf. 😄

Foto: Andry S / Pixabay
Russisches Lotto. Foto: Andry S / Pixabay

Mit der zwei Jahre älteren Mascha imitierte ich als fünf-sechsjährige oft Schulunterricht. Dafür verwendeten wir ihre Schulbücher, Hefte und Stifte. Sie war es, die mir als „Lehrerin“ vorzeitig das Lesen  beibrachte. Eines Tages überraschte ich meine Eltern (da war ich noch keine sechs), indem ich ihnen – noch sehr langsam, aber ungeheuer stolz – das Märchen vom Fischer und dem Fischlein vorlas. Schulpflichtig ist man in Russland übrigens erst ab sieben Jahren.

Bild: mozlase__ / Pixabay
Bild: mozlase__ / Pixabay

Richtig abenteuerlich war es dann doch draußen, vor allem im Sommer – auf den Dorfstraßen, im Wald, am Baggersee. Aber auch dafür mussten wir uns meistens unsere Spielutensilien selbst besorgen oder basteln. Ein Springseil konnte man schnell aus einer Wäscheleine herstellen, mit Bällen war das schon schwieriger und ein neuer Ball, ob klein oder groß, war immer ein willkommenes Geschenk.
Was ich mir als Kind sehnlichst gewünscht hatte und doch niemals bekam, war ein Kinderfahrrad – ein Reitwägelchen, wie die Deutschen im Dorf sagten. Ich war richtig neidisch auf andere, die welche besaßen, traute mich aber nie zu fragen und zu bitten, wenigstens eine kleine Runde damit drehen zu dürfen.
Das liebste Spiel? Eigentlich waren sie mir alle lieb und eine wunderbare Abwechslung gegenüber der kühlen Atmosphäre im Haus.
Ach ja, über eine meiner Leidenschaften muss ich noch erzählen. Im Grunde war es nichts Besonderes, aber für die kleine Rosa doch sehr spannend. Scherben sammeln … kennt ihr das?
Wenn man einen Teller oder eine Tasse fallen lässt, dann hat man sie auch schon – die Scherben. Ein schöner bunter Teller wird auf diese Weise schnell zu schönen, bunten Scherben. Nicht dass ich extra irgendwelches Geschirr kaputt gemacht hatte – so etwas hätte ich mir nie erlaubt; ich suchte draußen nach meinen Schätzen. Das Geheimnisvolle an den Scherben waren das Muster, die Farbe, aber auch manchmal – bei den vollkommen weißen Teilen – die außergewöhnliche Form.
Was war das aufregend, wenn ich ein Stück mit hübsch geschwungenen Fragmenten eines Blumenornaments fand! Wie mag wohl das Gefäß, zu dem es einmal gehörte, im Ganzen ausgesehen haben? … Oder ich entdeckte eine Scherbe mit vollständig erhaltener exotischer Blume, oder eine mit halber menschlicher Figur, so seltsam, so fremd – das heil gebliebene Auge glich einem Schlitz, die Kleidung … Wo trägt man denn so etwas?, fragte ich mich erstaunt. Ich überlegte dann immer, wer im Dorf einen solchen Teller oder eine derartige Tasse besessen haben konnte und kam zu dem Schluss, dass die Scherbe unmöglich aus unserem Dorf stammte. Aber woher dann? Und schon war meine Fantasie in Gang gesetzt …
Ich war natürlich nicht die einzige, die sich für Scherben interessierte. Nahezu alle Mädchen im Dorf sammelten sie. Rückblickend wundert es mich, dass diese Schatzstücke nie ausgingen. Man konnte immer wieder welche finden, entweder auf der Straße oder einer Baustelle. Oder auch im Kartoffelfeld – im Frühling … Aber das ist wieder eine andere Geschichte. 😉

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

7 Kommentare zu „Spielen – drinnen und draußen

  1. Natürlich spüre ich die materiell einfache und bescheidene Kindheit in Deiner Beschreibung, liebe Rosa, z.T. den familiären und politischen Rahmenbedingungen geschuldet, aber auch der Zeit. Da uns altersbezogen nur wenige Tage trennen, weiß auch ich, ohne dass ich mir seinerzeit darüber bewusst war oder etwas vermisst habe, von einem sehr überschaubaren Spielzeugfach zu berichten, ich war neun Jahre alt, als ein TV-Gerät unseren Haushalt bereicherte (derzeit mit kläglichem Angebot für Kinder) und eigenes Fahrrad besaß ich erst mit etwa zehn Jahren – immerhin!

    Da ich mich beruflich mal einige Jahre intensiv mit Pädagogik auseinandersetzte, weiß ich, dass diese Bescheidenheit oder sogar Mangel die außerordentliche Fähigkeit der kindlichen Kreativität freisetzt, die tausendfach wertvoller ist, als jedes industrielle, ‚pädagogisch wertvoll‘ gepriesene Spielzeug und erst recht jedem Controller, Tablet oder Smartphone überlegen ist! Die spannenden neuronalen Verknüpfungen, die im Gehirn bei simplen Abzählspielen, in Verbindung mit Bewegung (Springen, Hüpfen), sind wahre Wunderwaffen im Kampf gegen Lernstörungen & Co.! Dass fertige Spielzeugangebote so schnell ihren Reiz verlieren, liegt einerseits in der Fülle, andererseits auch an der Entbehrlichkeit eigener Improvisation, Inspiration und Freude am Schaffen.

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    1. Das stimmt! Damals hatte ich so viel auch gar nicht vermisst (außer des Reitwägelchen 😉). Die Abenteuer draußen in der Natur mit ihren Jahreszeiten und allem, was dazu gehörte, waren mir (fast) genug. Und um so mehr schätzte ich das wenige, was ich an Spielsachen besaß, was ich manchmal doch geschenkt bekam. Das war die Freude pur. Einen Fernseher hatten wir im Elternhaus nie – die Baptisten hielten ihn für Teufelszeug. Als erster im Dorf kam in Besitz eines Fernsehers mein Cousin, da war ich auch so 9 -10 Jahre alt. Viele Nachbarn sammelten sich abends bei ihm und schauten gebannt zu, egal was für eine Sendung gerade lief. Ich durfte manchmal auch dabei sein … Eine kleine Geschichte für sich, vielleicht komme ich des Weiteren noch dazu … 😊

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