Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Welten

Kurzgeschichte

(Dies ist die erste meiner nicht allzu vielen Kurzgeschichten, 2010 online gestellt und 2019 ĂŒberarbeitet). 😊

Sie fand das BĂŒchlein im Bus. Es lag zwischen den Sitzen auf dem grauen Boden und war wegen seines ebenso grauen Umschlags kaum zu erkennen. Jennifer hĂ€tte es vielleicht auch ĂŒbersehen, wenn sie nicht mit dem Fuß dagegen gestoßen wĂ€re. Zuerst hielt sie es fĂŒr einen ganz gewöhnlichen Taschenkalender, den jemand verloren hatte. Sie hob das BĂŒchlein auf, durchblĂ€tterte es flĂŒchtig. Es war kein Kalender. Fast bis zur HĂ€lfte eng beschrieben, sah es eher wie ein Notizbuch oder ein Tagebuch aus – ein Minitagebuch. UnwillkĂŒrlich las Jennifer einen Absatz: „Schon der nĂ€chste Augenblick zeigt mir, wie sehr ich mich irre. Ich sehe sie kommen – Freunde, die bereit sind, mir in meiner schlimmsten Stunde beizustehen. Mein Hilferuf wurde vernommen, wie leise er auch gewesen sein mag. Ich bin nicht allein – eine ĂŒberwĂ€ltigende Erfahrung fĂŒr mich 
“

Mit dem GefĂŒhl, unerlaubt in etwas sehr Persönliches eingedrungen zu sein, schlug Jennifer rasch das kleine Buch zu und blickte sich verstohlen um. Außer einem jungen Mann auf dem hinteren Sitz war im Bus keiner mehr. Sie nĂ€herten sich der letzten Haltestelle.
Einen Augenblick lang wog Jennifer das BĂŒchlein unentschlossen in der Hand und steckte es schließlich zögerlich ein.
Sie stieg an der Haltestelle aus, spĂŒrte die nĂ€chtlich-herbstliche KĂ€lte, hĂŒllte sich fester in den Mantel und lief, so schnell sie nur konnte, die wenigen hundert Meter bis zu ihrem Haus.
In der Wohnung war es kalt. Kalt und einsam. Jennifer drehte die Heizung auf, ĂŒberlegte, ob sie eine Kleinigkeit essen sollte oder lieber nicht, und ging schließlich ins Badezimmer.
Das heiße Bad tat so gut, dass sie es erst nach einer halben Stunde verließ. Danach wollte sie nur noch eins – ins Bett. Dennoch konnte sie nicht einschlafen. Sie dachte an das kleine, eng beschriebene graue BĂŒchlein. Ein fremdes Tagebuch 
 NatĂŒrlich durfte sie es nicht lesen! Aber wenigstens nach dem Namen oder der Adresse des Besitzers zu schauen – das war doch erlaubt? 

Jennifer stand auf, holte den Fund aus der Manteltasche und untersuchte den Umschlag: kein Name, keine Adresse. Vielleicht im Text?
Also, was blieb ihr anderes ĂŒbrig?
Sie machte es sich im Bett bequem und schlug das Tagebuch auf.

„Es ist Nacht. Zeit zum Schlafen. Zeit, zur Ruhe zu kommen. Ich schaffe es jedoch nicht. Meine Gedanken verjagen den Schlaf. Die Erinnerungen quĂ€len mich. Ich stehe erneut am Rande des Geschehens und betrachte unter TrĂ€nen, was ich getan habe. Eine Welt in TrĂŒmmern liegt vor mir, eine Welt, die ich selbst zerstört habe, leichtsinnig, blind und egoistisch. Sie war wie eine Insel mitten im Alltag, auf der ich frei reden und zuhören konnte, auf der zwei Menschen sich gut verstanden, auf der viele Dinge eine neue ungewöhnliche Bedeutung bekamen. Diese Welt war wie ein Traum, den man nicht gehen lassen möchte – zauberhaft, geheimnisvoll und so zerbrechlich, dass sie eines Tages dem Druck meiner GefĂŒhle nicht mehr standhielt und in tausend StĂŒcke zersprang.
Ich ĂŒberlebte die Explosion, aber noch immer bluten die Wunden, noch immer stoße ich auf die Scherben der durch mich zugrunde gegangenen Welt. Sie hören nicht auf, mich zu verletzen. Sie sind zu meiner ewigen Qual geworden 

Ewige Qual? Nein! Protest steigt in mir auf und wird immer lauter. Plötzlich weiß ich, wie ich mich wehren kann, was ich zu tun habe. Ich werde sie begraben – die zerbrochene Welt. Ich muss es tun, wie schwer, wie grausam es fĂŒr mich auch sein mag, sonst werden meine Wunden nie heilen.
Weinend beginne ich meine traurige Arbeit und sammle auf, was von der einst so schönen Welt ĂŒbrig geblieben ist – jede Scherbe, jeden einzelnen Splitter. SorgfĂ€ltig lege ich alle BruchstĂŒcke in einen großen Sarg hinein. Ich staune, wie verschieden die vielen Teile voneinander sind und dennoch wie sehr miteinander verbunden.
Ein Haus mit exotischem Duft, eine weiche, ruhige Frauenstimme, eine Straße und jeder kleine Winkel in ihr; BĂŒcher, Blumen, leise Musik; ein bizarres Bild, das scheinbar von einem anderen Planeten stammt, und noch ein Bild 
 eine Ampel, die nur noch mit dem gelben Auge aufblinkt, als ob sie mich vor etwas warnen möchte. Vielleicht vor mir selbst? Ich hebe einen seltsamen Gegenstand auf, ein BĂŒndel, das aus mehreren Teilen besteht, erkenne zwei bunt bemalte GlĂ€ser – eins davon mit etwas abgeblĂ€tterter roter Farbe, ein angeregtes GesprĂ€ch, Zigarettenrauch, ein LĂ€cheln, ein mir anvertrautes kleines Geheimnis. Etwas hĂ€lt all diese Teile zusammen, lĂ€sst sie nicht auseinanderfallen, und ich begreife, was es ist: Vertrauen umfĂ€ngt und durchdringt das kleine BĂŒndel. Es war einmal das Zentrum, das Herz dieser Welt, deren Überreste jetzt vor mir in der großen Kiste liegen. Noch lange halte ich es in der Hand, fĂŒge es dann vorsichtig den anderen Sachen bei.
Ein letztes Mal schaue ich um mich. Habe ich alles aufgehoben? Schließlich entdecke ich, dass meine Finger noch etwas umklammern, etwas Kleines, Flaches und KĂŒhles – einen SchlĂŒssel! Die Erkenntnis trifft mich wie ein Messerstich. Und dann sehe ich dein Gesicht. Deine Augen sind mir fremd und blicken erbarmungslos. Aber du lĂ€chelst mich an, so freundlich, dass ich es kaum ertragen kann. Deine ausgestreckte Hand fordert den kleinen metallenen Gegenstand ein. Und ich weiß, ich muss ihn zurĂŒckgeben, auch wenn du mir damit die letzte Chance nimmst, ‚alles wieder gutzumachen‘. Ich weiß, ich habe dich verloren. Ich habe einen Menschen verloren, von dem ich so fasziniert war, den ich so sehr liebte, dass ich Liebe 
 mit Liebe verwechselte.
Der SchlĂŒssel entgleitet meiner kraftlos gewordenen Hand, fĂ€llt mit dröhnendem Nachklang in den Sarg hinein und verschwindet unter den TrĂŒmmern.
Eine Ewigkeit stehe ich am offenen Sarg und hĂ€nge meinen trĂŒben Abschiedsgedanken nach, fĂŒhle den unendlichen Schmerz, weine meine letzten TrĂ€nen. Dann schließe ich ihn und nagle den Deckel fest.
In einer unerforschten Ecke meines Herzens habe ich ein Grab vorbereitet. Dort, in der Stille und Dunkelheit, soll der Sarg fĂŒr immer verschwinden. Doch noch ehe meine HĂ€nde das Holz berĂŒhren, sagt mir eine innere Stimme, dass meine MĂŒhe umsonst ist. Ich werde es nicht schaffen, den Sarg an diesen Platz zu bringen! Niemals! Er ist zu schwer! Eine ganze Welt allein auf die Schulter zu nehmen – das ĂŒbersteigt allen menschlichen KrĂ€fte. Diese Erkenntnis versetzt mich in Panik. Verzweifelt starre ich den vernagelten Deckel an. Was tun? Die NĂ€gel herausziehen, den Deckel abnehmen und alles wieder ausrĂ€umen? Allein dieser Gedanke ist entsetzlich.
Fast unhörbar bitte ich um Hilfe, obwohl ich schreien möchte; aber ich habe keine Kraft und die Stimme versagt mir. Wer sollte mir auch zu Hilfe eilen?
Schon der nĂ€chste Augenblick zeigt mir, wie sehr ich mich irre. Ich sehe sie kommen – Freunde, die bereit sind, mir in meiner schlimmsten Stunde beizustehen. Mein Hilferuf wurde vernommen, wie leise er auch gewesen sein mag. Ich bin nicht allein – eine ĂŒberwĂ€ltigende Erfahrung fĂŒr mich.
Dennoch, so einiges muss mir noch klar werden, eine Menge Fragen sind geblieben. Vor allem diese: Wie schaffte ich es, mit einem Schlag eine ganze Welt zu zerstören? Und: Hat diese Welt wirklich existiert oder war sie nur die Schöpfung meiner Fantasie, mein leidenschaftlicher Wunsch gewesen?
Es gibt keinen Grabstein auf diesem Grab und ich lege auch keine Blumen darauf nieder.
Ein absurder Gedanke kommt mir plötzlich in den Sinn, völlig unpassend zu meiner tiefen Trauer: Falls ich mich doch fĂŒr ein Grabmal entscheiden könnte, dann mĂŒsste es ein Staubsauger sein. Der Gedanke gefĂ€llt mir und ich muss lĂ€cheln, als ich mir das Bild vorstelle – ein Staubsauger auf einem GrabhĂŒgel. Es ist ein tröstliches Anzeichen: Meine Trauer beginnt, sich aufzuhellen.
Ein weiterer Gedanke löst sie endgĂŒltig in Gelassenheit auf: Trotz allem habe ich aus der eben begrabenen Welt etwas Wertvolles behalten, das nur mir gehört, das mir niemand wegnehmen kann: Ein kleines witziges Lesezeichen mit dem Anfangsbuchstaben meines Namens, eine kirschrote Schreibmappe, ein paar Musik-CDs und ein Foto mit deinem lachenden Gesicht. Vier Dinge, die das symbolisieren, was mein Leben mit Sinn erfĂŒllt – Lesen und Schreiben, Musik, die ich mag, und Menschen, die ich liebe.
Nun habe ich mir meinen Schmerz vom Herzen geschrieben; er liegt auf diesem Papier, geschmolzen und in schwarzen Zeilen aufgefangen. Es war unsĂ€glich schwer, ihn zu berĂŒhren, ihn in Worte zu fassen und die Bestattung einer gestorbenen Welt zu beschreiben. Aber es war notwendig, um wieder aufatmen zu können, den Lauf der Zeit zu spĂŒren und mit dem Aufbau einer neuen Welt zu beginnen. Vielleicht werde ich diese nicht mehr zugrunde richten? Vielleicht lerne ich endlich aus meinen Fehlern!“

Langsam schloss Jennifer das Tagebuch. Die Geschichte hatte sie so aufgewĂŒhlt, dass sie zunĂ€chst einmal tief durchatmen musste, um sich zu beruhigen und das Chaos ihrer Gedanken zu ordnen. Sie versuchte, was sie gerade gelesen hatte, zu verstehen. Eins war ihr von vornherein klar: Der Handschrift und Ausdrucksweise nach konnte dies nur von einer Frau geschrieben worden sein und die Geschichte war mit Sicherheit eine echte Lebenserfahrung. So etwas dachte man sich nicht einfach aus!
Aber wer war diese Frau? Warum hatte sie ihre Welt zerschlagen? Wer war die andere Person, die nur als Gesicht erschien, und in welcher Beziehung stand sie zu der Schreiberin? Was hatte ein grĂŒner Staubsauger auf dem GrabhĂŒgel zu bedeuten?
Jennifer las den Text noch einmal. Schon beim ersten Mal hatte sie das merkwĂŒrdige GefĂŒhl gehabt, etwas an dieser Geschichte sei ihr vertraut. Jetzt wusste sie plötzlich, warum. In dem, was die Unbekannte schrieb, spiegelte sich ihr eigenes Schicksal wider! War ihr vor vielen Jahren nicht Gleiches passiert? Sie war nur nie auf die Idee gekommen, ihre zerstörte Welt auf diese Art zu begraben. Das Einzige, das sie unternommen hatte, war, den Schmerz zu unterdrĂŒcken. Also grub er sich mit der Zeit tief in ihr Herz ein und wurde zu ihrem stĂ€ndigen, wenn auch vorwurfsvoll schweigenden Begleiter.
Die Erinnerungen stiegen in Jennifer auf, unerwartet und ĂŒberraschend klar. Susanne 
 ihr mit roten Flecken bedecktes Gesicht 
 an jenem Tag, an dem Jennifers Geheimnis offenbart wurde. Sie versuchte damals immer wieder, Susannes Blick einzufangen und immer wieder wich er dem ihren aus. Auch jetzt sah sie Susannes Augen nicht vor sich, hörte aber deutlich ihre gemessene, kĂŒhle Stimme, die immer noch weh tat. ‚Nein, es kĂ€me gar nicht infrage, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten. Sie könne es nicht. Zumindest nicht jetzt. Sie mĂŒsse zuerst mit der neuen Situation zurechtkommen. Mit dem, was sie erfahren habe. Sie benötige Abstand. Zeitlich und rĂ€umlich.‘
Der Abstand war allerdings nie mehr ĂŒberbrĂŒckt worden. Nie mehr hatte Jennifer die Freundin wiedergesehen, wusste nicht einmal, ob sie noch am Leben war.
Ja, es könnte auch ihr Tagebuch sein! Diese Erkenntnis verblĂŒffte Jennifer und gab ihren Gedanken eine neue Richtung. In ihrer Fantasie versuchte sie, die fremde Welt wiederzubeleben, die Welt jener unbekannten Frau. Sie malte sich aus, wo wunderbarerweise alles seinen richtigen Platz fand – die Musik, die Blumen, das Vertrauen und 
 der Staubsauger.
Ob sie die Puzzleteile richtig zusammengefĂŒgt hatte? Das konnte nur die Person wissen, die einst in dieser Welt lebte. Was gĂ€be Jennifer darum, sie kennenzulernen!
Sie musste diese geheimnisvolle Frau finden! Aber wo und vor allem, wie? Dann fiel ihr eine ganz einfache Lösung ein: Sie wĂŒrde eine Anzeige zu ihrem Fund aufgeben, immer und immer wieder, bis die Besitzerin des BĂŒchleins sich bei Jennifer meldete.
Sie wĂŒrde sich melden! Ganz bestimmt. Sonst ergab doch alles keinen Sinn! Warum hatte gerade sie das BĂŒchlein gefunden? War die Geschichte – gelesen in dieser schlaflosen Nacht – nicht erhellend fĂŒr ihre bisherige Einsamkeit gewesen? FĂŒr ihr gesamtes Leben?
Mit diesen Gedanken schlief Jennifer endlich ein, wĂ€hrend die Dunkelheit draußen vor dem Fenster wich. Ein neuer Tag brach an. Eine neue, gerade geborene Welt.

Dezember 2010

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der StadtbĂŒcherei LĂŒdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern fĂŒr meine Blogs und fĂŒr die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen KĂ€lte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugĂ€nglich.

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