Veröffentlicht in Autobiografie, Kurzgeschichten

Es war einmal in Sibirien – Teil 2

Kurzgeschichte

(Mit Fragmenten aus dem autobiografischen Buch „In der sibirischen Kälte“).

„Auf dem Kartoffelacker verschwand der Schnee immer am schnellsten, weil er ja nicht so fest getrampelt war. Darauf wartete ich schon sehnsüchtig, um mit meinen Feldforschungen loszulegen. Ja, ich hatte meine Bedenken – das gebe ich zu – aber die Erde sah so schwarz, so trocken, so verlockend aus. Kein Fleckchen Schnee mehr, keine Wasserpfützen. Ich wagte es, über den Boden zu laufen, und anfangs ging auch alles gut – fast bis zur Mitte des Feldes. Dann spürte ich plötzlich, wie meine Beine durch das anhaftende Erdreich immer schwerer wurden, und ehe ich mich versah, steckte ich fest. Ich erstarrte vor Schreck, denn der Boden unter meinen Füßen gab mehr und mehr nach. Ich versuchte, ein Bein aus der Erde herauszuziehen. Es gelang mir, allerdings ohne den Gummistiefel – der wollte nicht mit. Was sollte ich tun? Ich sah mich um – kein Mensch zu sehen. Ich war allein! Mitten im Morast! Mich überkam die nackte Panik. Die Vorstellung, in der aufgeweichten Erde zu versinken, war grauenhaft.

Ich steckte mein Bein zurück in den Stiefel … und fing an zu schreien. Ich vermute, dass man mich im ganzen Dorf gehört hatte. Jedenfalls schoss mein Vater um die Hausecke und der Schreck stand ihm ins Gesicht geschrieben …
Ich war so froh, gerettet worden zu sein, dass ich sogar mit dem kräftigen Klaps auf den Hintern einverstanden war, eigentlich war es nicht nur einer. Aber ich wusste ja, dass es meine eigene Dummheit und mein Ungehorsam waren, denen ich die Strafe verdankte – Vater hat mich schon immer davor gewarnt, auf dem durchweichten Erdboden umherzuwandern.
Als er und ich uns von den Strapazen dieses Tages etwas erholt hatten, fand ich mich, in die Decke eingekuschelt, im Elternbett wieder, und mein Vater erzählte mir ein Märchen. Ich glaube mich noch erinnern zu können, dass es „Rotkäppchen“ war. Aber vielleicht war es auch „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Möglicherweise sogar beides.“
Julia atmet auf. „Puh, das war aber ganz schön gruselig, Oma. Gut, dass dein Papa dich gehört und befreit hat. Hast du denn wenigstens ein paar Scherben gefunden?“
Oma denkt ein wenig nach, ehe sie lacht. „Das kann ich dir nicht sagen. Neben einem so großen Schock, wie der Vorstellung, im Boden zu versinken, hatte ein kleines Scherbenstückchen keine Chance, im Gedächtnis hängenzubleiben.“
„Schade, dass du deine Scherben-Sammlung nicht mehr besitzt. Die hätte ich jetzt gern gesehen.“
„Das glaube ich dir.“ Oma lacht wieder.
„Und wie war es im Sommer in Sibirien?“, will Julia wissen.
„Oh, der Sommer war noch abenteuerlicher als der Winter. Da war ich, wie man sich denken kann, mehr draußen als drinnen im Haus, besonders wenn wir schulfrei hatten. Du musst wissen, die Sommerferien in Russland dauern immer von Juni bis Ende August, also drei Monate. Obwohl ich gern die Schule besuchte, freute ich mich genauso sehr, wenn das Schuljahr zu Ende war. Das heißt aber nicht, dass ich keine Pflichten hatte. Im Dorf mussten die Kinder, sobald sie dazu in der Lage waren, den Erwachsenen helfen. Vielleicht kannst du dir vorstellen, was das für Arbeiten waren?“ Oma sieht ihre Enkelin fragend an.
„Ich denke, du musstest im Garten helfen“, überlegt Julia.
„Ja, das auf jeden Fall. Aber es gab auch genug andere Arbeiten, zum Beispiel, Wasser von der Wasserstelle holen, Wäsche aufhängen, oder – als ich schon älter wurde und größere Hände hatte – die Kuh melken und die Milch durch einen Separator laufen lassen. Auf diese Weiße wurde sie in Sahne und Molke getrennt. Meine Aufgabe war dann oft, einen Teil der schon sauer gewordenen Sahne – den Schmand also – in einem speziellen Fass zur Butter zu schlagen. Das war überaus mühsam. Nicht zu vergessen die Hausarbeiten – putzen, Fußboden wischen, Geschirr spülen.“
„Oh, das war viel, was du alles zu tun hattest!“ Julia schaut ihre Großmutter mitfühlend an.
„So schlimm auch wieder nicht“, beruhigt Oma. „Ich hatte doch Geschwister, die ebenfalls an den Arbeiten beteiligt waren. Es blieb noch ausreichend Zeit zum Spielen und Spaß haben, um im Wald Pilze und Erdbeeren zu sammeln, zum Baden.“
„Wo hast du denn gebadet, hattet ihr ein Schwimmbad oder lag das Dorf an einem Fluss?“
„Nichts dergleichen. Aber es gab einen Baggersee, den die Bewohner Kotlowan nannten. Ziemlich groß und tief, war er einer der größten Vergnügungsplätze für die Dorfkinder. Im Winter gefror das Wasser und bildete eine dicke Eisschicht; darauf konnte man wunderbar Schlittschuh laufen oder Hockey spielen.
Wir verbrachten auch gern die Zeit im Wald – auf der Suche nach Erdbeeren und Pilzen. Die Walderdbeeren sind ja viel kleiner als die, die im Garten gezüchtet werden, schmecken dafür aber umso besser.“
„Ich gehe auch manchmal mit Mama und Papa in den Wald Pilze sammeln. Und ich habe auch schon Waldbeeren probiert – die sind wirklich lecker“, sagt Julia und will wissen: „Hattet ihr auch einen Garten mit Obst und so?“
„Ja, jede Familie im Dorf besaß ein eigenes Haus und anliegend einen kleinen Obstgarten – mit Himbeer-, Stachelbeer- oder Johannisbeersträuchern und Apfelbäumen. Auch die sibirischen Äpfel sind kleiner als die normalen. Die kleinsten sind vielleicht vergleichbar mit einer Kirsche, die größten mit einer Aprikose und jede Sorte hat ihren eigenen Geschmack. Im Dorf gab es noch einen großen Gemeinschaftsobstgarten, in den man allerdings nicht so ohne weiteres hineinkam, weil er bewacht wurde. Trotzdem war es ein besonderes Abenteuer für die Dorfkinder, sich in den bewachten Obstgarten zu wagen, denn da schmeckte das Obst am besten. Ist doch klar, wenn man an den Ausdruck ‚verbotene Früchte‘ denkt.“ Die Großmutter zwinkert ihrer Enkeltochter zu.
„Oh nein!“ Julia macht ein ungläubiges Gesicht, obwohl sie schon ahnt, was kommt, und ruft lachend aus: „Du hast geklaut! Echt jetzt?“
„Ganz echt. Möchtest du diese Geschichte hören?“
„Klar doch! Dann kann ich sie auch meinem Papa erzählen, damit er weiß, was seine Mama früher alles angestellt hat.“ Julia bricht in Gelächter aus.
Die Großmutter senkt den Kopf und seufzt gespielt beschämend. „Na gut …“

Fortsetzung folgt

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

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