Alexandr Jegorov, ein junger russischer Dichter, wurde im Herbst 1936 festgenommen und zu drei Jahren Lagerarbeit verurteilt. Er hatte in der Fabrik „Für das sowjetische Kugellager“ (klingt vollkommen bescheuert, ist aber die wörtliche Übersetzung) gearbeitet und gelegentlich lyrische Texte in der fabrikeigenen Zeitung publiziert. Ihm wurde vorgeworfen, seine Gedichte seien pessimistisch, nach Jessenin klingend und ausweglos. Laut Zeugen benahm er sich als Mitglied des Lyrik-Zirkels besonders auffällig, zweifelte daran, dass das Leben „besser und fröhlicher“ wurde, sah unzufrieden aus und reflektierte diese Stimmung in seinen Gedichten.
„Pessimistisch … nicht erlaubt“ weiterlesenSchlagwort: Regenbogen
Das Wetter und ich
„Bei diesem Wetter kann man doch nur depressiv werden“, höre ich oft den einen oder anderen seufzen, wenn es draußen trüb und regnerisch ist. Dann zucke ich innerlich mit den Schultern und denke (manchmal sage ich es auch laut), dass schlechtes Wetter keine Auswirkung auf meine Stimmung hat. Jedenfalls ruft es bei mir keine Depression hervor.
Auch wenn sie – die Depression – schon da ist, wird sie davon nicht stärker. Ganz im Gegenteil: Wenn ich depressiv bin, dann kann ich es unter dem blauen Himmel, der strahlenden Sonne und dazu auch noch fröhlichen Menschen kaum ertragen – der Kontrast ist zu groß. Dann möchte ich flüchten, mich in eine dunkle Ecke verkriechen und der Welt den Rücken zukehren.

