Wir waren gerade an Mikels Grab. Es ist immer noch mit Kränzen und Blumen übersät. Ich kann es kaum glauben, dass darunter, unter einer Erdschicht, mein Enkelkind liegt. Tot. Nie wieder wird er mir am Telefon sagen: „Hallo Oma! Wie geht es dir, was macht ihr heute Schönes?“ Nie mehr wird er Weihnachten mit uns am Tisch sitzen und uns sein Lächeln schenken.
„Ich bin bei euch“ weiterlesenSchlagwort: Enkelsohn
Du fehlst
Es ist schwer, zurück zur Tagesordnung, zu gewöhnlichen Dingen des Alltags zu wechseln, einfach weiterzumachen. Nach dem tragischen Tod eines so geliebten Menschen ist nichts mehr wie es war. Jede Erinnerung an ihn schmerzt. Die Fotos an der Wand, auf denen Mikel und seine kleine, frisch eingeschulte Schwester fröhlich in die Kamera grinsen, ein anderes, das ihn selbst am ersten Schultag zeigt – man möchte sie lieber nicht ansehen.

Er war ein so liebenswerter Junge, von allen und jedem geschätzt. Er hatte Pläne: für seine Zukunft, seine Weiterbildung, für ein gemeinsames Leben mit seiner Freundin. Ein junger Mann, der noch so viel hätte erleben und erreichen können. Man fragt sich, warum. Warum gerade Mikel? Eine Antwort darauf gibt es nicht.
Motorradfahren ist von klein auf Mikels Traum gewesen, und er hatte seinem Vater hoch und heilig versprochen, vorsichtig und aufmerksam zu sein, sich nicht zu überschätzen, aufzupassen. Dennoch ist das Undenkbare passiert. Ich stelle mir immer wieder die letzten Sekunden seines Lebens vor, versuche es zumindest. Was er wohl gedacht hat? Was er gefühlt hat? Hat er noch „Oh, nein! Scheiße!“ geschrien, bevor alles um ihn herum dunkel wurde und das Licht für immer erlosch?
Mikel starb noch am Unfallort – das hat die Polizei bestätigt, aber es war keine überhöhte Geschwindigkeit im Spiel. Wir werden es nie erfahren, warum er die Kontrolle über das Motorrad verlor, welcher Fehler ihm unterlaufen war oder was ihn abgelenkt und letztlich zum tödlichen Sturz gebracht und in den Gegenverkehr geschleudert hatte. Allerdings ist kein anderer Verkehrsteilnehmer zu Schaden gekommen – ein Glück im schrecklichen Unglück.
Es bedrückt mich sehr, dass ich meiner Schwester Aneta nichts von Mikels Tod erzählen kann. Sie weiß es nicht, und ich möchte auch, dass es so bleibt. Sie würde es wahrscheinlich nicht begreifen. Oder begreifen und schnell als etwas Unwichtiges abtun. Es würde mir sehr wehtun, wenn sie bloß fragt: „Wer ist gestorben?“ und dann das Thema zu belanglosem und zusammenhanglosem Zeug wechselt, denn das tut sie nur noch in der letzten Zeit. Nicht, weil sie empathielos ist, sondern weil die Demenz sie immer fester im Griff hat.
In meinem Blog schrieb ich nicht viel über meinen Enkelsohn. Warum sollte ich auch? Er war da, er lebte. Umso trauriger ist es, das jetzt post mortem tun zu müssen.
Mikel machte vor allem seine besondere Ausstrahlung aus – diese ruhige, besonnene, empathische Art, die Menschen sofort spüren ließ, dass sie ihm vertrauen konnten. Er gab einem das Gefühl, sich an ihn anlehnen zu können, in dem Wissen, dass er für einen da ist, zuhört und mitfühlt. Für seine Schwester war er ein Fels in der Brandung, der ihr Halt gab, selbst in den stürmischsten Momenten.
Hunderte Menschen haben Mikel auf seinem letzten Weg begleitet. Es war herzzerreißend, zu sehen, wie viele seiner Freund:innen trauerten, einander in die Arme nahmen und weinten, wissend, dass ihr Freund nie mehr mit ihnen lachen, scherzen oder einfach nur ein Bier trinken wird.
Lieber Mikel, du hast einmal gesagt – es war nach dem Tod deines Großvaters und du warst vier Jahre alt: „Wir fahren nachher alle – ich, Mama, Papa, Daggi und du, Oma … wir fahren alle in den Himmel und holen Opa nach Hause. Er ist schon so lange weg.“ Jetzt bist du weg, für immer nicht mehr da, und wir bekommen dich nie mehr zurück. Doch, wo auch immer dieser Ort ist, an dem du dich nun befindest (ich will jedenfalls nichts ausschließen) – es muss ein schöner Ort für dich sein. Aber das ist nicht wirklich ein Trost.
Wir alle – deine Familie, deine Freunde, deine zwei Omas – vermissen dich zutiefst, und in unseren Herzen wirst du immer weiterleben.
Ein wunderbares Elfchen habe ich doch noch gefunden, 2020 für dich geschrieben:
Mikel,
feinfühlig, neugierig.
Mit offenem Herzen
Gehst du durchs Leben.
Zukunft.
Eine Zukunft gibt es für dich nicht mehr, doch ich bin sicher, dass du bis zum letzten Moment glücklich, geliebt und niemals allein warst. Vielleicht ist dieser Gedanke ein kleiner Trost.





Schwarz
Vielleicht wundert ihr euch, angesichts des Beitragstitels und des Bildes, vielleicht wissen es manche von euch bereits, andere ahnen es, aber so fühlen wir uns – als wären wir in ein schwarzes, bodenloses Loch gestürzt. Es ist unfassbar, für alle, die Mikel kennen und lieben gelernt haben. Mein Enkelsohn, der wunderbarste Mensch der Welt, ist nicht mehr da. Von einem Moment auf den anderen hat das Schicksal ihn uns genommen, für immer. Es gibt keinen Trost, nichts, was diesen unendlichen Schmerz lindern könnte.
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