Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Lawes – das kleine Wunder – Teil 3

Kurzgeschichte

(Für Mikel)

*Vor dem Dienstschluss warf Keri schnell noch einen Blick auf den Bildschirm, dann ungläubig einen zweiten … und schrie so laut, dass alle im Gebäude glaubten, er sei in Lebensgefahr, und in den Beobachtungsraum stürzten.

Da sahen wir es alle, erblickten den gewaltigen Pilz aus Feuer, vermischt mit schwarzem Rauch. Er wuchs und wuchs, weitere folgten ihm. Wie in einer Kettenreaktion brachen die Feuerfontäne aus der Erdkugel hervor – kreuz und quer. Es war ein grausiger und zugleich faszinierender Anblick … und dies alles vollzog sich in gespenstischer Stille.
So also sah das Ende der schönen blauen Kugel, des kleinen Wunders aus. Hatte es sich längst ereignet, geschah es soeben oder lag das Ende noch in der Zukunft? Eine Frage, auf die es keine Antwort gab.
Und wir konnten nichts tun!
Wir weinten, trauerten, wollten nicht glauben, was wir sahen.
Falls die Katastrophe schon stattgefunden hat … ob es Überlebende auf Lawes gibt? Die Wissenschaftler sind sich einig: Sofern Menschen diese Explosionen überlebt haben sollten, wird sie schon bald die freigesetzte Strahlung töten …

Langsam gelange ich ans Ende dieser Geschichte und daher will ich von meiner Idee sprechen.
Als unsere Sprachwissenschaftler einige Sprachen der Menschen ausreichend entschlüsselt hatten, machten es sich viele junge Jalmesi im Nachrichtenberuf zur Aufgabe, sie zu erlernen. Keri und ich wählten Deutsch, so konnten wir einander helfen, Fehler korrigieren und uns im Gespräch perfektionieren. Wer hätte gedacht, dass wir beide innerhalb so kurzer Zeit im ungünstigsten Fall nur noch eine tote Sprache sprechen? Jedenfalls habe ich nun diesen jalmesianischen Text ins Deutsche übersetzt. Keri wird ihn noch durchsehen und dann gehen wir zur Botschaften-Station und lassen die Geschichte in Jalmesia und in Deutsch ins Weltall katapultieren.
Zweimal im Leben darf ein Jalmesi diesen Dienst in Anspruch nehmen, um etwas sehr Wichtiges oder Besonderes zu verewigen, und insgeheim wünscht sich jeder, dass seine Botschaft irgendwann von einem intelligenten Lebewesen im Weltall vernommen wird.
Mein Bruder und ich sind uns sicher, dass unsere Mitteilung von enormer Bedeutung ist.
Da draußen in irgendeinem Sonnensystem, irgendwo im Universum wird sich zu irgendeiner nahen oder ferneren Zeit auf einem blauen Planeten vielleicht erst ereignen, was wir schon in schrecklicher Vollendung sahen? Vielleicht besteht doch noch eine kleine Chance auf Lawes‘ Rettung? Vielleicht wird unsere Botschaft beachtet … da draußen? Wir wünschen es so sehr. So sehr!

Nach bestem Wissen erstellt von Lerju Kan im Auftrag von Keri Kan.

Jalmes, 4006,11,20,1/2*

Eine ganze Weile saß Lukas regungslos da und starrte auf den letzten Satz. Dann atmete er ein paar Mal tief ein und aus. Seine Gedanken ordneten sich und bekamen allmählich eine Richtung. Dieser Text war der Hammer! Etwas gab dem Jungen das unbeirrbare Gefühl – all das hatte sich tatsächlich irgendwo zugetragen! Wie absurd es auch klingen mochte.
Dass gerade er, Lukas, diese Botschaft erhalten hatte, war gewiss nicht ohne Bedeutung. Zwar hatte er keine Ahnung, woher das Schriftstück stammte – aus der Zukunft, aus einer Parallelwelt? – und wie es im Internet landen konnte, aber das war auch nebensächlich.
Wichtig war die Gewissheit – der Erde drohte Gefahr.

Lukas war ein feiner Kerl.
Das behauptete jedenfalls die Großmutter. Als er einmal hörte, dass sie so über ihn sprach, fand er ‚fein‘ zu altmodisch und schlug ihr vor: „Sag lieber – cool.“
„Okay, du hast ja sowas von recht – cool klingt viel cooler.“ Oma hatte ihm zugezwinkert und sie hatten beide gelacht. Warum ihm diese Szene gerade jetzt einfiel, konnte Lukas sich nicht erklären und schüttelte ärgerlich den Kopf. Er musste nachdenken …
Bald schon stand sein Entschluss fest: Er war geradezu verpflichtet, das durch Zufall erlangte Wissen weiterzugeben. Da kam das Referat doch sehr gelegen!
Lukas griff nach der Maus, hielt aber abrupt inne. Ein Schrecken durchzuckte seinen Körper wie ein Blitz – jetzt nur keinen Fehler machen, die Datei bloß nicht voreilig schließen, sonst war sie weg!
„Ganz ruhig“, flüsterte er und schaltete den Drucker ein. Er sah nach, ob es die Option ‚Drucken‘ gab. Sie war vorhanden. Und abspeichern konnte er die Datei auch. Für alle Fälle machte er noch von jeder Seite eine Hardcopy. Erst dann bewegte er die Maus zum ‚x‘ oben in der Ecke, zögerte kurz und klickte.
Fasziniert sah der Junge zu, wie die virtuellen Blätter langsam und immer kleiner werdend davonflatterten, bis sie als winziger, leuchtender Punkt in der Tiefe des Bildschirmes verschwanden. Oder war es die Tiefe des Alls? Für einige Sekunden hatte er wieder ein schwarzes Fenster vor sich, das gleich darauf von der vertrauten Google-Seite mit den Ergebnissen zu ‚Naturkatastrophen‘ abgelöst wurde.
Lukas überlegte noch eine Weile und öffnete ein neues Word-Dokument. Seine Finger verharrten kurz über der Tastatur, dann tippte er bedächtig die Überschrift zu seiner Hausarbeit: „DAS KLEINE WUNDER“.
Den Hip-Hop-Tanzkurs hatte er längst vergessen, denn jetzt galt es, den blauen Planeten zu retten …

Ende

November 2012

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

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