Beitrag auf meiner Website – von 2015
Gelegentlich muss ich „Oma-Dienste“ übernehmen. Das heißt, wenn beide Elternteile Frühschicht haben, wecke ich die Enkelkinder und bringe sie zur Schule. Anschließend gilt es natürlich, rechtzeitig selbst zur Arbeit zu kommen.
An solchen Tagen geht bei mir der Wecker schon kurz nach fünf. Weit fahren muss ich zum Glück nicht und die Kinder sind schon so selbstständig, dass sie nur ein bisschen Aufsicht brauchen, auch das Aufstehen fällt ihnen nicht schwer.
Der Zwölfjährige ist morgens nicht besonders redselig, die Erstklässlerin hingegen legt los, kaum dass sie die Augen aufhat. „Oma, weißt du was … Oma, ich will dir etwas zeigen …“ Sie demonstriert mir ihre neuen Spiel- oder Anziehsachen, erzählt, was so alles in der Schule passiert ist und, und, und …
Heute Morgen: Julia ist etwas schweigsamer als sonst. Beim Frühstück fragt sie mich unvermittelt: „Oma, hattest du Opa geheiratet?“
Ich stutze ein wenig: „Warum fragst du?“
„Ich habe gesehen, dass Daggi auch so einen Ring hat wie du“. Sie deutet auf meine rechte Hand und schaut mich fragend an. Nicht sofort, aber ich verstehe den Zusammenhang zwischen der Frage und dem darauffolgenden Satz. Julia musste überlegt haben: Wenn Oma einen Ehering trägt, dann ist sie verheiratet, aber mit wem? Opa lebt doch nicht mehr … Daggi trägt den gleichen Ring. Ist Oma dann mit Daggi verheiratet? War sie mit Opa gar nicht verheiratet?
Mir kommt nicht einmal in den Sinn, eine ausweichende Antwort zu geben, und so sage ich, wie es ist: „Ja, das hast du richtig gesehen, Julia. Daggi und ich sind zwar zwei Frauen, aber wir können heiraten, und das haben wir auch getan, weil wir einander lieben und füreinander da sein wollen.“
„Ja-a! Ich habe im Fernsehen gesehen, da haben zwei Jungs auch geheiratet!“ Die Kleine ist sichtlich erfreut, dass sie ein solch gutes Beispiel parat hat.
Wir reden noch über den Opa und sie bedauert, dass er nicht mehr am Leben ist und sie ihn nicht kennenlernen konnte. Ich erzähle ihr davon, dass Opa und ich auch verheiratet waren, dass wir uns aber getrennt hatten. Wie erwartet, fragt sie: „Warum?“
„Nun, wir hatten uns nicht mehr so gut verstanden und oft gestritten. Deswegen beschlossen wir, getrennte Wege zu gehen. So etwas passiert im Leben.“
Meine Enkelin nickt verstehend und rührt nachdenklich in den Resten ihres Kellogg’s. Auch ich bin nachdenklich, erinnere mich, wie ihr Bruder im Alter von fünf Jahren mir ähnliche Fragen gestellt hat …

Julias Einschulung
Ja, die Zeit kommt und die Kinder wollen Antworten. Ehrliche Antworten. Es ist ein schönes Gefühl, wenn du merkst, dass sie verstehen, was du meinst, dass sie keine Vorurteile haben und dich lieben, so wie du bist.
Nächsten Freitag tritt übrigens Daggi ihren „Dienst“ an. Da die Eltern an dem Tag beide Spätschicht haben, wird sie ihre Stiefenkelin von der Schule abholen. Julia freut sich schon darauf: „Dann kann ich wieder mit Daggi Hausaufgaben machen!“ Die zwei verstehen sich nämlich bestens.
Februar 2015
Nachtrag
Julia ist mittlerweile 17 Jahre alt und fast erwachsen, doch ihr Weg ist jetzt schon nicht leicht. Ich bin mir aber sicher, dass sie alles bewältigen wird, denn wie ihre Großmutter ist sie eine Kämpferin.


Liebe Rosa,
an Deiner Enkelin und wie sie auf Eure Ringe mit Fragen reagiert hat, sieht man wieder einmal, wie selbstverständlich es für Kinder sein kann, wenn zwei Männer oder zwei Frauen ein Paar sind. Wenn Erwachsene gelassen und offen mit diesem Thema umgehen, dann gibt es für Kinder keine Probleme. Das habe ich auch schon in Dokumentationen genau so gesehen.
Es sind immer noch viel zu viele Erwachsene, die das nicht in ihren Kopf bekommen (und erst recht nicht in ihr Herz), dass allein die Liebe zählt – und wer sich miteinander verbunden fühlt.
Ich freue mich über Deine herzliche Enkeltochter,
liebe Grüße, C Stern
Die Kinder fühlen mit dem Herzen, was richtig und was falsch ist. Und wenn sie auch noch ein positives Beispiel vor Augen haben, dann ist alles gut. 😊
Liebe Rosa,
Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, was gut oder schlecht und richtig oder falsch ist, das sich erst durch die Umstände und auch äußeren Einflüsse während der Zeit des Erwachsen werden verändert.
So wie ihr es damals mit Ehrlichkeit und eurer Liebe gemacht habt war es ganz bestimmt genau richtig und ich hoffe, wünsche deiner Enkelin von Herzen, dass sie dadurch auch gegen Vorurteile und dumme Menschen gewappnet ist.
Denn leider gibt es noch immer zu viele Leute die denken und indirekt auch einfordern, dass alle Menschen so leben, handeln und sein müssen wie sie selbst. Was zwar schrecklich dumm und engstirnig, aber nunmal so ist, was ich wohl niemals begreifen kann.
Wie auch C Stern hier schon schreibt, zählt doch eigentlich nur die Liebe und der respekt- sowie liebevolle Umgang im Miteinander. Wofür ihr beide, soweit ich es aus deinen Beschreibungen und einigem bisher gelesenen entnehme, so oder so ein vorbildliches Beispiel seid.
Liebe Grüße, Hanne
Danke, Hanne, für die lieben Worte! Und ja, solche Leute, die besser wissen, wie man zu leben und zu lieben hat, gibt es immer noch – dazu zählen auch zwei meiner Geschwister. Leider. Ich werde einfach ignoriert, als ob ich nicht existieren würde, obwohl ich früher einmal sozusagen die Anlaufstelle für alle anderen war … Ach ja, es ist so wie es ist und es macht mir schon lange nichts mehr aus. 😃
Viele Grüße
Rosa
Ehrlich vom Herzen, Rosa.
Ein Neffe und eine Großnichte von mir leben auch seit vielen Jahren glücklich in gleichgeschlechtlichen Beziehungen und es dauerte sehr lange, bis mein Neffe sich zu outen wagte. Weil mein Bruder und somit sein Vater diesem Thema, wie wahrscheinlich auch deine Geschwister, extrem konservativ und irgendwie ziemlich verbissen gegenüberstand. Zugute kam meinem Neffen dann, dass er immer der absolute Lieblingssohn meines Bruders war und zum Glück alle anderen der Familie, wie auch ich, nach wie vor fest zu ihm stehen.
Aber hast schon recht und denke einfach…. die eine kennen dich und die anderen können dich mal.😀
Viele liebe Grüße, Hanne
Genauso denke ich! 😜
Dann kennst du dich ja mit dem Thema gut aus. 😍💑👩❤️👩
Herzliche Grüße aus dem Sauerland
Rosa
Das Schöne an den Fragen von kleineren Kindern ist, dass sie im Augenblick der Fragestellung nur eine einzige Antwort suchen. Wollen sie mehr, fragen sie weiter. Man muss Kindern nicht die gesamte Biologie erklären, nur weil sie beispielsweise danach fragen, woher die Babys kommen. In diesem Sinne wachsen Kinder natürlich in ihren Lebensraum. Einziges Vorbild sind wir, die Erwachsenen. Wie wir Leben verstehen und wie wir ticken, das prägt sie.
Ich gebe offen zu, dass ich erstens ein Spätzünder bzgl. der eigenen Pubertät und all der damit verbundenen Probleme war, und dass gleichgeschlechtliche Beziehungen bedauerlicherweise in den 1960er Jahren entweder bekichert oder tabuisiert wurden. Ergo wuchsen die meisten von uns in diesem Klima auf. Meine angepasste ‚Aufklärung‘ und meine Ansichten entwickelten sich somit entsprechend später.
Das erwähne ich nur deshalb, weil, egal wen man heute fragt, viele behaupten, sie hätten NIE Vorurteile gehabt. Ich hatte mit der Akzeptanz schon aus sehr persönlichen Gründen keine Schwierigkeiten, einfach deshalb, weil für mich die sexuelle Orientierung meiner Mitmenschen, genauso wie Hautfarbe, Glauben, Herkunft etc., unerheblich für meine Sympathien oder Antipathien ist. Ich finde es herrlich ein Leben lang offen zu sein, neu zu lernen und sich bis ins hohe Alter entwickeln zu dürfen. Wenn wir es ZULASSEN. Wer weiß, in einigen Jahrhunderten gibt es womöglich überhaupt keine Geschlechter und somit keine Rollenbilder mehr – was für eine Erleichterung! Vielleicht sind wir so ‚durchmendelt‘, dass wir eine nahezu einheitliche Hauttönung und gelernt haben, tiefer zu blicken.
Das ist ein interessanter Gedanke, und der gefällt mir. Ich könnte es mir gut vorstellen: Mensch liebt einen anderen, egal welches Geschlecht er hat, einfach, weil er ihn liebt und mit ihm zusammenleben möchte. Weil er liebenswert ist. Das mit der Fortpflanzung sollte da auch kein Problem mehr sein. 😉
Ich war ja auch nicht besonders aufgeklärt, was Sexualität betrifft, und – kaum zu glauben – gleichgeschlechtliche Liebe war mir fremd. Sie keimte in mir, ohne dass ich mir überhaupt dessen bewusst war.
Die Regen(bogen)würmer sind da weiter als wir! 😅
Stimmt! 😃