Aus der alten Schreibwerkstatt-Mappe
Der folgende Text diente einst als Vorlage für das Drabble „Der Farbmalkasten“. Er entstand etwa 1995, in jener Zeit, als ich eine Schreibwerkstatt besuchte. Natürlich habe ich ihn korrigiert und ein paar Sätze umformuliert, doch zu meinem Erstaunen gab es nicht viele Fehler. Ich glaube, ich kann ihn jetzt guten Gewissens in die Kategorie „Kurzgeschichten“ einordnen. 😃
Ritas Weg führte durch den kleinen Park in der Innenstadt. Für sie war das längst zu einer festen Tradition geworden. Nach der stressigen Arbeit im Altenheim tat ihr dieser – wenn auch kurze – Spaziergang besonders gut. Die Ruhe und Stille, das viele Grün, das das Auge angenehm berührte, und das Rauschen der Blätter in den Bäumen entspannten sie und erfüllten ihre Seele mit neuer Lebenskraft.
Auch im Herbst, wenn die bunt verfärbten Blätter überwiegend unter ihren Füßen raschelten, oder im Winter, wenn die kahlen Äste hilflos und traurig erschienen, war das Bedürfnis nach Abschalten und Aufatmen so groß, dass Rita Krause nur selten darauf verzichtete.
Dieser sommerliche Spätnachmittag war besonders schön. Die Sonne strahlte milde Wärme aus, die Vögel zeigten ihr Wohlbefinden im fröhlichen Gesang, und die Menschen taten es, indem sie einander anschauten und anlächelten. Im Park war es angenehm kühl. Die Blätter bewegten sich kaum unter dem leichten Wind. Alles schien besinnlich und friedlich.
Rita atmete tief und schöpfte mit jedem Atemzug etwas mehr Kraft. Ihre Augen nahmen die Schönheit der Natur auf, um auch sie in innere Energie zu verwandeln.
Schon von Weitem bemerkte sie einen grellen Fleck auf einer der Sitzbänke. Irgendwie passte er nicht zur Umgebung, wirkte störend. „Wieder hat jemand die Verpackung liegen lassen“, dachte Rita unzufrieden.
Als sie sich der Bank näherte, erkannte sie in dem Gegenstand einen Farbmalkasten. Einen ganz normalen Schulfarbmalkasten. Ja, genau das schien er zu sein – nichts Besonderes. Solche gab es in jedem Supermarkt. Er sah vollkommen neu aus. Wahrscheinlich war er gerade von jemandem gekauft und dann hier vergessen worden.
Rita sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. Der Park wirkte in diesem Moment merkwürdigerweise wie ausgestorben. Sie streckte die Hand aus, zögerte jedoch, den Kasten anzufassen, und ließ ihn schließlich unberührt liegen.
Sie konnte sich nicht erklären, warum sie auf einmal so vorsichtig geworden war. Außerdem – was sollte sie damit anfangen? Sie war eine erwachsene Frau. Ihre eigenen Kinder waren längst zu groß für die Malerei, und Enkelkinder hatte sie noch keine.
Rita warf einen letzten Blick auf das leuchtende, anziehende Prachtstück und ging weiter. In ihren Gedanken war sie nun ein zehnjähriges Mädchen. Ihr Vater brachte ihr aus der großen, geheimnisvollen Stadt, in der sie noch nie gewesen war, Geschenke mit – eine Schachtel Aquarellfarben und einen Malblock. Ihre Freude war unendlich gewesen.
Noch heute, nach fast vierzig Jahren, spürte sie diese Freude, den aufregenden Geruch, der von den Farben ausging. Noch immer staunte sie über die Möglichkeit, die schönsten Augenblicke, die Vergänglichkeit des Lebens, auf dem Papier festhalten zu können. Damals hatte sie unbedingt Kunstmalerin werden wollen. Doch dieser Wunsch, wie auch so viele andere, hatte sich nicht erfüllt.
Rita seufzte. Es war alles nicht so einfach gewesen in ihrer Vergangenheit. Sie schüttelte die Erinnerungen ab und drehte sich noch einmal um. Der Kasten war noch deutlich zu sehen – ein kleiner, bunter Fleck auf dem hellbraunen Holz.
Eine Welle der Unruhe durchströmte plötzlich Ritas Herz. Vielleicht hätte sie ihn doch aufheben sollen? Unschlüssig stand sie da und wusste nicht, was sie eigentlich tun wollte. „Ach was, mach dich doch nicht lächerlich. Ist bloß ein Farbkasten“, sagte sie laut zu sich selbst und nahm entschlossen den Weg zum Busbahnhof.
Am nächsten Morgen beim Frühstück öffnete Rita Krause wie gewöhnlich die Zeitung. Sie erstarrte, als sie die Schlagzeile sah.
SPRENGSTOFF IM FARBKASTEN
ZEHNJÄHRIGES MÄDCHEN GETÖTET
Beitragsbild von der KI nach meinem Wunsch erstellt.

