Der folgende Text diente einst als Vorlage für das Drabble „Der Farbmalkasten“. Er entstand etwa 1995, in jener Zeit, als ich eine Schreibwerkstatt besuchte. Natürlich habe ich ihn korrigiert und ein paar Sätze umformuliert, doch zu meinem Erstaunen gab es nicht viele Fehler. Ich glaube, ich kann ihn jetzt guten Gewissens in die Kategorie „Kurzgeschichten“ einordnen. 😃
(Dies ist die erste meiner nicht allzu vielen Kurzgeschichten, 2010 online gestellt und 2019 überarbeitet). 😊
Sie fand das Büchlein im Bus. Es lag zwischen den Sitzen auf dem grauen Boden und war wegen seines ebenso grauen Umschlags kaum zu erkennen. Jennifer hätte es vielleicht auch übersehen, wenn sie nicht mit dem Fuß dagegen gestoßen wäre. Zuerst hielt sie es für einen ganz gewöhnlichen Taschenkalender, den jemand verloren hatte. Sie hob das Büchlein auf, durchblätterte es flüchtig. Es war kein Kalender. Fast bis zur Hälfte eng beschrieben, sah es eher wie ein Notizbuch oder ein Tagebuch aus – ein Minitagebuch. Unwillkürlich las Jennifer einen Absatz: „Schon der nächste Augenblick zeigt mir, wie sehr ich mich irre. Ich sehe sie kommen – Freunde, die bereit sind, mir in meiner schlimmsten Stunde beizustehen. Mein Hilferuf wurde vernommen, wie leise er auch gewesen sein mag. Ich bin nicht allein – eine überwältigende Erfahrung für mich …“
Die Idee kam wie auf Flügeln daher, als habe der frische Wind, der heute durch die Stadt fegte, sie irgendwo aufgewirbelt und werfe sie jetzt mit anerkennendem Pfiff der verwunderten Frau direkt an die Stirn. Er zerzauste ihr das Haar, strich die Treppe empor und verschwand hinter dem Gebäude. Danach herrschte Stille.
Diesen Text fand ich neulich in meinem alten Notizbuch, das noch aus der Zeit der Schreibwerkstatt stammt (1994). Die Aufgabe der Kursleiterin war: Jeder Teilnehmer wirft ein Wort in den Raum und schreibt dann eine kleine Geschichte, in der alle vorgeschlagenen Wörter vorkommen müssen. Blödsinn – zugegeben – das, was ich daraus gemacht habe, aber irgendwie auch witzig. (Die Fehler habe ich gerade beseitigt). Heute muss ich immer noch schmunzeln, allerdings mit einem kleinen Seufzer bei dem Gedanken daran, wie jung (relativ) und unerfahren ich damals im Schreiben war. Nun beherrsche ich die Sprache gut (relativ), bin aber alt (relativ) und nicht mehr ganz so fit, um meine Kenntnisse in vollem Umfang anwenden zu können. Was sagt man dazu? So ist das Leben – und der Lauf der Dinge. 😊
Also – das sind die Begriffe: Seife – Astronaut – Humor – netto – Eifersucht – Tinte – Ofen – reich – Toyota – Eis
Ein weißes Blatt Papier … alles ist noch unklar – das Thema, der Anfang, der Schluss. Alles kommt noch, alles wird sich aufbauen und schwarz auf dieses Blatt legen. Bis jetzt sind es nur Gedanken – etwas chaotische, nicht ausgereifte. Du zweifelst, du überlegst, wie du dich besser, genauer ausdrücken könntest, du versuchst dies und das … Nein – falsch, passt nicht. Dann „blitzt“ es in deinem Kopf. Der richtige Satz – da ist er! Und schon reihen sich die Wörter wunderbar aneinander und alles davor Geschriebene wird ausradiert – alle Versuche, alle Varianten – ohne Zögern und Erbarmen. Nur die neu formulierten Sätze bleiben stehen, manchmal ist es nur einer zwischen gestrichenen, geänderten und wieder gestrichenen, nur ein einziger Satz auf der ganzen Seite. Ein weißes Blatt Papier, ein schneeweißes, am besten unliniertes Blatt. Ich mag es. Ich habe es schon immer gemocht, in jeder Form – als Schulheft, als kleines Notizbuch, als Briefbogen. Vielleicht ist das der Grundstein für meine Neigung zum Schreiben gewesen? Der Anstoß? Es ist faszinierend, wie man ein einfaches, farbloses, unbedeutendes Stück Papier zum Atmen bringen kann. Ein weißes Blatt Papier … Nun ist es nicht mehr unberührt weiß. Bedeckt mit schwarzen Schriftzeichen, hat sich das einst ausdruckslose Blatt auf wundersame Weise verändert. Freude und Trauer, Sehnsucht und Liebe, Schmerz und Hoffnung wurden diesem Papier eingedrückt, haben ihm magische Kraft verliehen. Es war einmal ein weißes, einfaches, nichtssagendes Blatt Papier. Jetzt ist es ein kleines, lebendiges Stückchen meiner Seele.