Veröffentlicht in Persönliches, Psyche

Graues Grinsen

Jedes Jahr hoffe ich, dass ich „diesmal“ von ihrem Besuch verschont bleibe. Aber nix da – sie kommt, ohne auch nur anzuklopfen, und macht sich wie selbstverständlich in mir breit. Sie weiß – es ist ihre Zeit, der letzte Monat ist für sie quasi reserviert. So war es schon immer … Und so wird es auch bleiben, sagt sie mir und grinst selbstgefällig. Sie vertreibt meine Lebensfreude, sät dafür nagende Unruhe, Hoffnungslosigkeit, Schwermut und noch einiges mehr von dieser Art Empfindungen. Sie holt meine Sorgen um Menschen, die mir lieb sind, in den Mittelpunkt und lässt sie langsam wachsen, bis hin zur Unerträglichkeit. Sie versteht und beherrscht es gut, die Seele zu quälen – dafür ist sie geschaffen. Das ist ihre Aufgabe, ihr Lebensziel. Aber ich habe andere Ziele, sage ich ihr voller Verzweiflung. Sie schweigt darauf bloß und hört nicht auf zu grinsen. Ich weiß, sie wird nicht einfach so nachgeben – ich muss die „Notbremse“ ziehen … Es gefällt ihr nicht, das Grinsen verblasst in ihrem Gesicht und all‘ die Abscheulichkeiten, die sie in ihrem Gepäck hat, werden etwas leichter …
Wenn endlich der Dezember vorbei ist, verabschiedet sie sich und zieht von dannen. Mit der getanen Arbeit ist sie zufrieden, nun braucht sie eine Abwechslung – jemand anderes, den sie weiter demütigen kann. Zum letzten Mal dreht sie sich um und zwinkert mir zu: „Bin weg, komme aber wieder – verlass dich drauf!“
„Wir werden sehen, hau bloß jetzt ab!“


Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

16 Kommentare zu „Graues Grinsen

  1. Finde heraus, wodurch sich das „Miststück“ angezogen wird, warum sie den Dezember für ihren Besuch bei Dir erkoren hat. Eine fixierte alte Erinnerung, das graue Wetter, das gefühlsdus(s)elige Drumherum samt Erwartungshaltung (sorgt bei anderen häufig für eine Nach-Weihnachtsdepression) oder inzwischen sogar schon die manifestierte Erwartung dieser Dame. Lade sie an einem Nachmittag zum Tee ein, rede mit ihr und dann zeig ihr, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! In diesem sorgenvollen Jahr hat sie leider nur allzu gute Karten für ihr böses Spiel! Ich wünsche Dir alle Kraft, der ihren zu widerstehen, um dennoch ein frohes Fest im Kreise Deiner Lieben begehen zu können! Bleibt gesund. (Nach dem Dezember kommt wieder ein Januar! 😉)

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    1. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, den Grund ihres Besuches herauszufinden. Womöglich liegt er tief in der Kindheit verwurzelt. Sobald die Feiertage vorbei sind, lässt „sie“ von mir ab. Ja, sie gehört leider zu meinem Leben und meldet sich, wann immer es ihr so passt, Dezember gehört ihr. Aber ich weiß, die Tage gehen vorbei.
      Danke Dir!

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  2. Liebe Rosa,
    das kommt uns bekannt vor. November beginnt sie sich einzuschleichen und nach dem 6.1. ist sie plötzlich verschwunden. Allerdings ist sie schon viel schwächer geworden bei uns in den vergangenen Jahren. Es gibt also Hoffnung sie loszuwerden.

    Ganz viel Kraft und Zuversicht und dennoch eine schöne Zeit. 🍀🍀🍀🎶💖
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    Gefällt 2 Personen

  3. Der Dezember ist ein depressiver Monat und deshalb wurde wohl auch der Advent, der Nikolaustag und Weihnachten hier eingeführt. Jeden Dezembertag dürfen wir ein Türchen öffnen, bekommen ständig Süßes, weil Zucker eine Droge darstellt, die im Belohnungssystem des Hirns das Glückshormon bzw. den Botenstoff Dopamin andocken lässt, der uns belebt und motiviert. Weihnachten gilt auch als Lichtfest und die Kelten bzw. Germanen feierten die Wintersonnenwende „Samhain“, wenn wir an Neujahr immer noch archaisch die bösen Geister mit Radau und Geknalle vertreiben.

    Damit der Magen all das Backwerk besser verträgt, wird es mit verdauungsfördernden Mittel angereichert, wie etwa Zimt und Kardamon usw. Früchte, Nüsse, Kastanien schützen zudem die Abwehr …

    Das könnt ich jetzt noch weiter ausführen und tiefer begründen oder weiter aus heidnischen Bräuchen ableiten. Doch ich verfüge da auch leider nur über ein Halbwissen wie die meisten Menschen, aber interessant wäre das schon, einmal die alten Riten und Bräuche zu eruieren, die vom Christentum übernommen wurden.

    Doch das hilft dir auch nicht weiter. In deinem besonderen Fall könnte es wirklich eine traumatische Kindheitserinnerung sein, die an diesen Monat gebunden ist. Ich denke da gerade an die Kindheitserinnerung, die ich bei Amazon besprochen habe.

    Vielleicht will da noch etwas raus aus deiner Seele und sucht sich auf diese Weise einen Weg, weil es an einen bestimmten Monat tief verbunden ist. Die Zeit heilt alle Wunden, aber doch nicht alle. Manchmal hilft es, den Wolf zu umarmen. Sich dagegen sträuben gibt ihm nur Nahrung. Annehmen das Monster, als zugehörig zu einem selbst zu sehen, wäre vielleicht ein Weg, ihm bzw. „ihr“ die Luft zu nehmen.

    Alles durchlebte und durchlittene gehört zu uns, ist ein Teil unseres Lebens und hat uns zu dem Menschen gemacht, der wir sind. Vielleicht waren gewisse Erlebnisse sogar nötig zu unserer Persönlichkeitsentwicklung. Nichts geschieht umsonst.

    Das waren nur ein paar Gedanken von mir, die ich dir spontan zuwarf, kann sein, ich gehe völlig in die Irre, liege völlig daneben. Doch manchmal ist es einfach wichtig, zu erkennen, dass jemand zuhört und versucht zu verstehen.

    Umarm den Feind in dir, dann wird er nicht dein Freund, aber ihr steht auf gleicher Augenhöhe. Und lass dir den Advent nicht vermiesen.

    Bleib positiv und schreibe alles auf, denn das ist die beste Therapie und hilft anderen, die in ähnlichen Lagen sich befinden.

    Ich sende dir Kraft und Zuversicht ❤

    Gefällt 3 Personen

    1. Da stimme ich all dem zu, was du schreibst. Es ist wohl wirklich so, dass ein Erlebnis aus der Kindheit mit meiner Dezember-Stimmung zusammenhängt, nur denke ich, das werde ich nicht mehr erinnern können. Soll mir auch recht sein. Oder es ist mit der Atmosphäre im Elternhaus verbunden, die oft drückend war, für mich besonders an Feiertagen. Und nicht nur Weihnachten, auch sonst machen mir Familientreffen immer zu schaffen.
      „Alles durchlebte und durchlittene gehört zu uns, ist ein Teil unseres Lebens und hat uns zu dem Menschen gemacht, der wir sind.“ Auch das ist wahr, lieber Sven. Deswegen habe ich auch an dem Menschen, der ich bin, gar nicht so viel auszusetzen. 😉 So wie ich bin – mit allen meinen Macken -, so ist es gut. Dezember geht wieder vorbei und ein neues Jahr kommt. Hoffen wir, dass es besser wird – für uns alle auf diesem Planeten.
      Danke dir und alles Liebe 🌹
      Rosa

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  4. Liebe Rosa,
    all das, was ich dir nach dem lesen deines Beitrags nun schreiben könnte, ist bereits in den Kommentaren ganz hervorragend be- und geschrieben worden! Daher bleibt mir nur noch, eine virtuelle Umarmung und dir ganz fest die Daumen drücken, das diese Emotionen-Diva ganz schnell ihren Weg ins Nichts antritt. Pass gut auf dich und dein „inneres Kind“ auf!
    Alles Gute für dich und liebe Grüße
    Heike

    Gefällt 1 Person

  5. Wow, auch wenn es kein angenehmer Anlass ist, so hast Du ihn doch ganz großartig beschrieben.
    Ich kenne das auch, wenn auch nicht auf einen bestimmten Monat beschränkt.
    Ich schicke Dir ein helles Licht, damit dieses Monster sich nicht verstecken kann, um Dich erschrecken zu können.
    Um ehrlich zu sein, würde ich gern mehr schreiben, doch es fällt mir schwer, passende Worte zu finden. Doch ich wollte auch nicht ohne Worte weiterziehen.
    Ich wünsche Dir für diese Zeit Kraft und all das, was Du sonst noch so brauchst.
    Liebe Grüße, Lilli

    Gefällt 1 Person

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