Veröffentlicht in Menschsein, Persönliches, Psyche

Das Alte von Neuem?

Dezember überstanden, wieder einmal. Der Januar und somit das Jahr 2021 nimmt seinen Lauf. Meine Stimmung hat sich gebessert. Bis zum nächsten Dezember oder bis zu irgendeinem Vorfall, der mich wieder aus der Bahn wirft. Da braucht es eigentlich nicht viel. Ich sage nur: Mein Kind. Meine Sorgen. Mein Sorgenkind. Das ist etwas, das ich nicht lösen kann, da hilft auch keine Therapie. Irgendwie muss ich allein einen Weg finden. Oder weiter mir selbst Angst machen, mich quälen …

Eigentlich sind es zwei Paar Schuhe – die Dezemberstimmung und das Sorgenkind. Mit dem ersten habe ich mich abgefunden, denn ich weiß – ich werde nie dahinter kommen, warum ich gerade in der Vorweihnachtszeit depressiv bin, alle Jahre wieder. Das war schon immer so, und der Grund dafür liegt irgendwo in der tiefen Vergangenheit, in meiner Kindheit, an ihn gelange ich nicht mehr.
Das Problem ist nur – und da komme ich zu dem zweiten Paar Schuhe – die Depression legt sich über alle meine Sorgen mit der Wirkung eines Verstärkers und lässt sie somit groß und größer werden. Dies macht mir viel mehr zu schaffen.
Nein, mein Kind ist nicht pflegebedürftig, sondern erwachsen und lebt sein eigenes Leben. Wenn auch nicht das, was ich ihm gern wünschen würde. Ich kenne auch den Ursprung meiner Sorgen, den Beginn. Zumindest glaube ich ihn zu kennen.
Ich war achtzehn, als ich am 12. Oktober 1972 Mutter wurde. Es lief vieles nicht so, wie es sich eine Mutter für die Geburt ihres ersten Kindes erhofft.
Mir wird jetzt noch angst und bange, wenn ich die Entbindungsstation Deutschlands mit dem Geburtshaus Russlands vergleiche. Wie viel Liebe und Fürsorge werden hier der Mutter und dem Neugeborenen entgegengebracht, wie viel Kälte und Herzlosigkeit dort.
Ich war achtzehn … Gleich nach dem Entbinden nahm man mir den schreienden Winzling weg, ich durfte nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen. Erst am dritten Tag brachte man ihn mir zum Stillen. Angeblich hatte er Neugeborenen-Gelbsucht. Ich will gar nicht beschreiben, wie es mir in diesen Tagen erging, das kann man sich gewiss vorstellen. Noch schlimmer aber – ich wusste nicht, wie es dem Kleinen ging!
Auch in den nächsten Tagen ging es mir nicht besser. Die meiste Zeit verbrachten die Babys im Säuglingsraum – von den Müttern getrennt … Zehn endlose Tage und Nächte!
Ich fühlte mich gefangen, eingesperrt, der Panik nahe … Nicht einmal die Freude an dem Kleinen konnte dieses Gefühl mildern. Das Geburtshaus glich einem Gefängnis – Besuche waren verboten, man durfte es auch nicht verlassen und nach draußen gehen. Sogar die eigene Kleidung zu tragen war nicht erlaubt. Ich hatte mit meinem Ehemann nur Blickkontakt aus dem Fenster des dritten Stockes. Dadurch war eine Unterhaltung fast unmöglich und ich konnte ihm meine Verzweiflung nicht mitteilen. Er hätte mich wahrscheinlich auch nicht verstanden, denn keiner von uns beiden ahnte damals, dass ich unter Depression litt. Diese Diagnose stellte man mir erst zehn Jahre später. Aber schon damals durfte ich erfahren, dass das Schlimmste, was man mir antun konnte, die Freiheitsberaubung war. Allein das Gefühl, in die Enge getrieben, eingeschlossen zu sein, reicht jetzt noch aus, um eine Panikattacke auszulösen. 
Mein seelischer Zustand übertrug sich zweifellos auch auf das Neugeborene. Vielleicht ist mein Kind deswegen so geworden, wie es jetzt ist – verschlossen und menschenscheu? Vielleicht zieht es deswegen die Einsamkeit dem gesellschaftlichen Leben vor? 
Fakt ist – diese Angst um mein Kind und das Panikgefühl von damals haben sich miteinander verflochten und in mir festgesetzt. Sobald ich der Meinung bin, meinem Kind gehe es nicht gut, sobald es auch nur ein kleines Problem bei ihm gibt, werden sie sofort aktiviert und hervorgerufen. Als ob eine direkte, unsichtbare Leitung zwischen uns bestehen würde. Eine Art Nabelschnur, die unzertrennbar scheint. Ja, so nenne ich das selbst.

Loslassen … Ich muss loslassen können – ich weiß. Ich muss diese unsichtbare Nabelschnur durchschneiden, durchbeißen, wie auch immer. Aber wie kann es mir noch irgendwann gelingen, wenn ich es in all den 48 Jahren nicht geschafft habe?
Rhetorische Frage, denn die Antwort darauf kann mir kein Mensch geben.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

22 Kommentare zu „Das Alte von Neuem?

  1. …ähnlich erging es mir und meinem ersten Kind 1976 in Ostberlin, 36 Stunden nach der Entbindung durfte ich meine Tochter das erste Mal in den Armen halten, Stillen war verboten, Besuch auch…und heute bin ich sicher, das war der Anfang unserer Probleme…ein Säugling steht Todesängste aus, wenn die Mama nicht da ist, in der er herangewachsen ist…das tut mir sehr, sehr leid für Dich und alle, die dies so erleben mussten…

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  2. Das muss wirklich schrecklich gewesen sein, für Dich und Deinen Sohn. Wie viel sich in der Zwischenzeit in Russland geändert hat, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass 2005 in dem Waisenhaus in Kasachstan, in dem ich damals ein paar Monate arbeitete, ein Mädchen schwanger war und zur Entbindung kam es auch in ein so genanntes „Geburtshaus“, was nicht mit den hebammengeführten heisigen Geburtshäusen zu verwechseln ist. Sie war da eine Woche lang allein, niemand durfte zu ihr nach drinnen. Ich machte mir damals darüber keine Gedanken, weil ich selbst noch keine Mutter war, aber seit meinen Schwangerschaften und Geburten habe ich oft noch daran gedacht.
    Deine innere Verbindung zu Deinem Kind kann ich gut verstehen; meine eigenen Erfahrungen diesbezüglich mag ich hier nicht öffentlich darlegen. Ich kann nur sagen – mein Mitgefühl mit Dir und Deinem Sohn.
    Herzliche Grüße

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  3. Liebe Rosa,
    zum Einen habe ich mich sehr für dich gefreut, dass du den traurigen Dezember hinter dich lassen konntest und du wieder positiver gestimmt bist!

    Zum Anderen bin ich unglaublich erschüttert, welche Qualen man dir und deinem Kind auferlegt hat. Es entbehrt jeder Logik und noch mehr jeglicher Menschlichkeit, warum solche Ungeheuerlichkeiten wohl alltäglich in diesen Geburtshäusern abliefen. Bindung und Sicherheiten, gepaart mit der Mutterliebe, ist das Wichtigste, was ein neuer Erdenbürger fast genauso braucht, wie die Luft zum Atmen. Solche Machenschaften werde ich nie verstehen können und es macht mich unendlich traurig, dass es so etwas gibt.
    Fühl dich von meinen Gedanken liebevoll umarmt, auch wenn es kein wirklicher Trost sein kann… so fühl dich zumindest verstanden und ich wünsche dir von Herzen, dass du ein wenig Frieden schließen kannst in dieser Welt, die auch viel Schönes zu bieten hat.
    Liebe Grüße
    Heike

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    1. Liebe Heike,
      ich danke dir für deine Worte! 💗
      Es ist schon schlimm, was ein Trauma aus der Vergangenheit in einem Menschen anrichten kann. Und wenn es dann nicht nur eins ist, sondern mehrere sind? … Ich habe es geschafft/gelernt, mit allen anderen umzugehen. Nur das eine – das bleibt und wirkt in mir. Aber ich bin froh, dass meine Kinder und ich nicht mehr in dem Land leben, in dem wir geboren sind.
      Herzliche Grüße
      Rosa

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      1. Liebe Rosa,
        da ich selbst auch mit einem Trauma behaftet bin, kann ich deine Worte bzgl. des Lernprozesses wirklich verstehen. Egal was passiert ist, man kann es nicht einfach wegwischen oder ausradieren. Es ist passiert und man lernt bestenfalls damit zu leben sowie umzugehen. Die Vergangenheit prägt und macht uns zu dem, was uns ausmacht. Man wäre nicht der Mensch, den man heute in der Gesellschaft darstellt. So manche dieser daraus entwickelten Eigenschaften sind dabei noch nicht einmal ganz so negativ. Ich denke für mich persönlich, dass ich mit meinem eigenen Schicksal mittlerweile Frieden schließen konnte. So schaffe ich es auch, zumeist zumindest 😉 optimistisch nach vorne zu sehen.
        Du, liebe Rosa, besitzt eine bewundernswerte Stärke und du darfst es dir auch leisten in manchen Momenten deine Traurigkeit zuzulassen. Auch das gehört zu dir und braucht Raum. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du auch mit dem „Einen, was in dir wirkt“ irgendwann ein wenig Frieden schließen kannst ❤
        Ich wünsche dir einen angenehmen Start in den Samstag mit ganz vielen Wohlfühlmomenten in dir und um dich herum!
        Liebe Grüße
        Heike

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      2. Liebe Heike,
        deine Gedanken könnten auch die Meine sein. 😊 Ich sehe es ebenso wie du – die Vergangenheit hat uns geprägt und zu den Menschen gemacht, die wir heute sind, die wir vielleicht noch werden. Und es ist – bei mir jedenfalls – nicht nur meine Vergangenheit, sondern auch die meiner Eltern. Das, was sie alles erlebt haben, wirkt in mir noch nach, beeinflusst mein Sein. Das betrifft auch meine Geschwister, soweit ich das beurteilen kann, und viele meiner „Landsleute“ … Aber darin will ich mich jetzt nicht vertiefen, es ist ein besonderes und kein einfaches Thema.
        Ich danke dir ganz herzlich für deine aufmunternden und stärkenden Worte. Wollen wir positiv nach vorne schauen und uns selbst vertrauen. 😊
        Ein schönes Wochenende wünsche ich dir. 💕
        Rosa

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      3. Liebe Rosa,
        tut mir leid, dass ich jetzt erst darauf antworte…
        Du brauchst mir nicht zu danken lächel Schön ist es und ich freue mich ganz ehrlich, wenn sich dadurch ein kleines Licht am Horizont aufgetan hat. Positiv in die Zukunft schauen, denn die Vergangenheit kann man nicht ändern. Wir leben im Jetzt und Hier. Die dunklen Schatten der Vergangenheit werden weich gepolstert und in die hintere Ecke unserer Seele gelegt. Dort sind sie zwar da und es macht zum Teil unser „Sein im Jetzt“ aus, aber sie können uns nicht mehr triggern.
        Jetzt schreibe ich schon wieder soviel…. dabei wollte ich dir eigentlich „fast nur“ einen schönen und stressfreien Start in die neue Woche wünschen!
        Liebe Grüße
        Heike

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  4. Was hast Du für schlimme Erlebnisse hinter Dir, liebe Rosa.
    Mutter und Kind sind eine Einheit und sie sollte auf alle Fälle respektiert werden.
    Meine zweite kleine Tochter brüllte in der ersten Nacht derartig, daß man sie mir entnervt brachte. Sie ließ sich durch nichts beruhigen und die Nachtschwester war klug genug, sie zu mir zu bringen, obwohl sie meinte, daß ich eigentlich noch keine Milch haben könnte.
    Weit gefehlt, mein Kind trank still und offensichtlich sehr vergnügt fast ein kleines Fläschchen voll und schlief danach wie ein Stein eine ganze Nacht.
    Mütter von ihren Säuglingen zu trennen ist einfach falsch. Die Natur hat es sehr anders eingerichtet.

    Ich wünsche Dir, daß Deine Depressionen im Laufe der Zeit immer kürzer und milder verlaufen und daß Du Ruhe finden kannst im Wissen, daß Dein Kind in der Lage ist, ein eigenes Leben leben zu können, denn auch das ist ja nicht selbstverständlich.
    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 3 Personen

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