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Bin ich gegen die Demokratie?

Immer wieder lese ich darüber, auch hier – bei WordPress – dass Angela Merkel und Co. uns in die Diktatur führen würden, dass sie sich das gar zum Ziel gemacht hätten. Bei Facebook sind manche Posts noch extremer. Dort wird die Impfung mit Mord gleichgestellt und Quarantäne mit dem KZ.

Ich frage mich, warum? Warum denken die Querdenker so radikal „quer“?
„… Wischt euch den Sand aus den Augen und fasst Mut, die Dinge so zu sehen wie sie tatsächlich sind – auch wenn es vielleicht nicht so leicht fällt sich einzugestehen, dass man Mitläufer und Feigling war und ist“, lese ich in einem Blogartikel, und es kocht in mir hoch.
Wenn ich dann noch geschrieben bekomme, dass jeder für sich prüfen müsse, ob er in antidemokratischen Verhältnissen leben wolle, und wenn nicht, ist er aufgefordert mutig Stellung zu beziehen, dann kann ich es kaum fassen.
Ich muss so etwas nicht einmal prüfen, um Stellung zu beziehen – ich weiß, wie ich leben will!
Wie kommt man darauf, dass diejenigen, die nicht die gleiche Querdenker-Meinung haben, in antidemokratischen Verhältnissen leben wollen, dass sie „bereits manipuliert“ sind? Alle Menschen, die ich kenne, sind
für die Demokratie, auch wenn sie sich nicht unbedingt als Querdenker bezeichnen, auch wenn sie die Corona-Regeln befolgen und die meisten von ihnen vorhaben sich impfen zu lassen. Warum nimmt man sich heraus, sie zu beschuldigen, sie wären Feiglinge und Mitläufer (Wohin laufen sie denn mit? Na klar – in die finstere Diktatur!).
Warum sind Querdenker überzeugt, dass sie immer und in allem recht haben? Dass sie die Mutigen sind, und die „Längsdenker“ – die Feiglinge? Vielleicht sollten sie doch nicht ausschließlich quer denken, sondern auch manchmal schlicht normal, und vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo dazwischen, oder ganz woanders, und unsere Demokratie ist trotzdem nicht gefährdet? … Wenn man nur quer denkt, läuft man Gefahr, irgendwann stecken zu bleiben oder gänzlich in den Verschwörungstheorien zu versinken, die zurzeit das Internet überschwemmen und teilweise so absurd sind, dass sie schon lächerlich wirken. Meine Meinung.

Resultiert meine Stellung zum Thema Diktatur daraus, dass ich selbst aus dem totalitären Regime komme, in dem wirklich Tyrannen fast ein ganzes Jahrhundert lang an der Macht waren (es eigentlich immer noch sind)? Sehe ich das Ganze hierzulande deswegen mit anderen Augen, weil ich mir nicht eingestehen will, dass ich aus einer Diktatur in die andere hineingeraten bin? Ist das mein „Problem“?
Ja, es ist mir zuwider, Deutschland auch nur ansatzweise mit der UdSSR oder einem anderen totalitären Staat zu vergleichen! Ich schrieb das schon im früheren Blogbeitrag und kann es nur wiederholen – ich erkenne in Deutschland keine Diktatur.
Sollte ich mich irren, dann … dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

15 Kommentare zu „Bin ich gegen die Demokratie?

  1. Ich ärgere mich auch darüber, dass Menschen, die von den absurdesten Behauptungen von dubiosen Gestalten indoktriniert sind, von anderen behaupten, dass sie „feige“ und „Mitläufer“ sind und nicht „selbstständig denken“. Mit „selbstständig denken“ meinen sie, sich die unsinnigsten Behauptungen aus dem Netz zu fischen und „ja, so ist es“ zu brüllen. Irgendwelche noch so bescheidene konstruktiven Vorschläge haben sie aber nicht geboten.
    Es ist aber doch auch eine Tatsache, dass bei diesen Zusammenrottungen die Extremisten aller Seiten das große Wort führen und das ist wirklich gefährlich für die Demokratie. So weit reicht aber das „selbstständige Denken“ nicht.
    Darüber könnte ich mich ja stundenlang auslassen. Das tue ich auf meinem Blog nicht, weil ich keine Lust habe, sinnlose Debatten zu führen.
    Herzliche Grüße an eine, die weiß, was eine Diktatur ist.

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  2. Ich selbst fürchte mich in Deutschland inzwischen auch vor einer Diktatur und zwar vor der Diktatur der Dummheit, die hier langsam immer mehr um sich greift ..

    Und du kommst gegen die Dummheit nicht an, du kannst sie nur flüchtend meiden bzw. ignorieren. Füttere nicht die Dummeit mit deinen Worten, denn da fühlt sie sich noch bestätigt.

    Einfach leerlaufen lassen, nicht mehr antworten: Es sind Menschen, die sich von ihren eigenen Problemen ablenken, indem sie überall Probleme sehen und ihre innere Wut abbauen, indem sie sich ein Ventil suchen, das außerhalb ihrer selbst liegt.

    Aber jeder muss selbst wissen, wie er mit den ewig Unzufriedenen, den Rechthabern und Besserwissern umgeht. Sie sind jedenfalls geübt im Argumentieren und immer aufs Rechthaben getrimmt. Die Wahrheit interessiert sie überhaupt nicht. Da ist jedes Wort umsonst. Oder siehst du das anders? Ich bin jedenfalls offen für Vorschläge ..

    Schöne Woche dir und deinen Lieben 🙂

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    1. Dummheit würde ich das nicht nennen. Es sind hochintelligente Menschen, aber du hast recht – man kommt schlecht gegen an. Ich versuche das auch selten, aber manchmal läuft bei mir das Fass über. Ich frage mich auch – wenn es das Internet nicht gäbe, wie würden Querdenker an die Informationen kommen, die heutzutage so schnell verbreitet werden, und würden sie dann überhaupt quer denken?

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      1. Wir sind doch beide auch Querdenker und es braucht in der Demokratie Kritik. Und es ist ja zudem ein Zeichen der Demokratie, dass man sich kritisch äußern darf, ohne Repressialen von Seiten des Staates ausgesetzt zu sein.

        Wenn der Altkanzler etwa behauptet, Putin sei ein astreiner Demokrat, dann zweifel ich an seinem Demokratieverständnis.

        Voltaire soll einmal an M. le Riche am 6. Februar 1770 folgendes geschrieben haben:

        „Ich missbillige, was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“

        Voltaire war ein astreiner Demokrat 🙂

        Hochintelligente Menschen sind auch manchmal borniert: Du musst nur lesen, was Schopenhauer und Nietzsche über Frauen geschrieben haben.

        Der Schriftsteller Ernst Jünger, ein Verherrlicher des Krieges und Wegbereiter des Nationalsozialismus wurde etwa mit dem selten Orten „Pour le Mérite“ (1918) ausgezeichnet und bekam später sogar das große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband und 1982 den Goethepreis, dessen Verleihung für einen politischen Skandal sorgte.

        Jünger schrieb so Sätze wie: „Ich hasse die Demokratie wie die Pest.“ oder: „Wir können gar nicht national, ja nationalistisch genug sein.“

        Intelligente Menschen? Da bleibt mir die Spucke weg ..

        Ich wünsch dir was Positiveres als meine Beiträge. ❤

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      2. Wir denken, dass es zwei Arten von Dummheit gibt. Intellektuelle Unfähigkeit Zusammenhänge zu erfassen, d.h. rein kognitive Dummheit oder die emotionale Dummheit sich selbst als den Nabel der Welt zu sehen und unfähig zu Mitgefühl zu sein bzw. es nicht zustande zu bringen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Beide Arten von Dummheit bedingen, dass betroffene Personen nicht in der Lage sind, einen Diskurs zu führen. Zweitere sind gefährlich für die Demokratie, weil sie intellektuell durchaus deren Umsturz planen und initiieren können, erstere sind gefährlich, weil sie leichte „Beute“ für jene demokratiefeindlichen Personen werden und ihnen an den Lippen hängen, ebenso wie jene unglücklichen, die beide Formen der Dummheit in sich vereinen. ….. Was das Problem an alledem ist, dass es um Spaltung der Gesellschaft geht. Und dass auch mit unserer Definition hier so eine Verachtung für diese Menschen mitschwingt, die wir nicht verhehlen können, aber gut ist das nicht. …… Uns fällt dazu nur das Lied von Konstantin Wecker ein „Alle haben Recht“ https://youtu.be/aI2OBFSXF70

        Wie damit umgehen wissen wir nicht. Dazu schweigen?

        „All that is necessary for the triumph of evil is that good men (Ergänzung: and women) so nothing. Edmund Burke 1790 britischer Philosoph und Politiker

        Es ist vermutlich die schwierigste Aufgabe der Menschheit einander ihr Anderssein zu verzeihen und einen Weg für ein gedeihliches Miteinander zu finden.

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      3. Psychopathen leiden unter einem angeborenen Hirnfehler. Ihre Hirnregion für Empathie ist fehlt oder ist unterentwickelt.

        Deshalb verfügen sie nicht über Mitgefühl, kennen auch keine Reue und kein schlechtes Gewissen.

        Psychpathen spüren oft selbst, dass ihnen etwas fehlt, aber sie werden deshalb nicht alle zu Verbrechern.

        Die meisten Psychopathen können sich gut anpassen, damit sie nicht auffallen.

        Sie leben unauffällig in ihren Familien.

        LG Sven 🙂

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  3. Ich kann dir nur aus vollstem Herzen zustimmen! Wenn man meint in einer Diktatur zu leben, dann soll man vielleicht mal in die Türkei oder wie du sagst Russland, oder ähnliche Staaten schauen. Was dort passiert, wenn man gegen etwas öffentlich demonstriert, usw.
    Ich habe das Gefühl, seit wir alle „vernetzt“ sind, meint jede(r) seinen Senf dazugeben zu müssen, und seine Meinung kund zu tun. Dass aber vor allem die am lautesten schreien, die eigentlich in der Minderheit sind, fällt dann nicht so auf, weil die meisten „Mainstream“- denkenden eher ihren Mund, bzw. ihre Meinung für sich (be)halten. Stay safe!

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  4. Unser Briefkasten quillt derzeit über von impfverteufelnden Pamphleten vorgeblicher „Ärtzeorganisationen“. Wo keine echte Not ist, da denkt man sie sich einfach quer (oder passt sie dem eigenen IQ an) und genießt den kurz aufflackernden Ruhm, etwas „bewegt“ zu haben, selbst wenn´s gefährlicher Blödsinn ist! Die Drahtzieher sind das eigentliche Übel – so war es immer – sie genießen es, dem Mob die Richtung vorzugeben.
    Der Mob ist vielleicht nicht dumm, aber lebensdoof, weil nicht in der Lage, sich in unserem Informationszeitalter die korrekten, verlässlichen Informationen zu besorgen, um eine eigene Meinung auszubilden, statt dem, der am lautesten schreien kann, hinterherzulemmingen.
    Wo ist unser Bauchgefühl, wo Altruismus? Krisen sind Spiegel und es ist wichtig, alles zu tun, dass uns nicht anekelt, was wir sehen! Ich bemühe mal ein Kinderbuchzitat aus „Harry Potter“: „Man möchte brechen!“
    Bleib gesund!😷💉

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      1. Da hast Du sicher recht, Rosa und ursprünglich haftete weder „Mainstream“- noch „Quer“-Denkern ein negatives Vorurteil an. Beides ist sogar gleichermaßen demokratisch notwendig. Entscheidend ist doch allein, dass überhaupt GEDACHT wird und nicht nur nachgeplappert und blindlings nachgelaufen wird und sich Meinungen (wieder einmal) mit Gewalt ihren Weg suchen. Ich bin auch ganz und gar nicht der Überzeugung, dass dieser Form der „Dummheit“ am besten mit Ignoranz zu begegnen wäre. Jeder an seiner Position, egal ob beruflich oder privat, kann und muss zur sachlichen, friedlichen (Auf-)Klärung beitragen helfen, auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen.

        Gefällt 2 Personen

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