Veröffentlicht in Autobiografie, Kurzgeschichte

Charlie

Diese Geschichte schrieb ich vor vielen Jahren. Ja, obwohl ich kein Haustier haben möchte (und so wird es auch bleiben), heißt es noch nicht, dass ich keine Tiere mag. Charlie hatte ich jedenfalls sehr lieb …

Sein Leben begann auf einem Bauernhof, wo es auch gerade enden sollte. Der Bauer war nämlich im Begriff, das Katzen-Baby zu ertränken, als er zufällig von einer Fremden dabei erwischt wurde. Sie rettete das Kätzchen, nahm es zu sich nach Hause und nannte es Charlie.
Das Zusammenleben von Tier und Mensch erwies sich in den ersten Monaten als ziemlich anstrengend, hauptsächlich für den Menschen.
Charlie zeigte, vielmehr benutzte seine Krallen überall. Er zerkratzte Möbel, warf Dinge um und zerbrach, was er nur konnte. Erst als Dagmar mit ihm ein ernstes Wörtchen redete und drohte, dass er ins Tierheim kommen werde, wenn er die Krallen nicht bei sich behielte, sah Charlie ein, dass etwas an seinem Benehmen dem Menschen missfiel.
Tierheim hörte sich gefährlich an. Wer begab sich schon gern in Gefahr?
Von da an kehrte Frieden zwischen Mensch und Tier ein. Charlie entwickelte sich zu einem lieben und anhänglichen Schmusekater. Wenn Dagmar von der Arbeit nach Hause kam, wurde sie schon hinter der Wohnungstür erwartet und mit freudigem Schnurren und Um-die-Füße-Streichen begrüßt.
Charlie war der treueste Freund, denn man sich nur vorstellen konnte, stets zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Wenn es Dagmar nicht gut ging, wich er nicht von ihrer Seite und spendete ihr seine heilsame Wärme. Abends lag er neben ihr im Bett und schaute mit ihr gemeinsam fern. Manchmal wollte er ganz genau wissen, was in der alten Flimmerkiste vor sich ging und verfolgte die spannende Sendung daher aus der nächsten Nähe. 

Einer von Charlies Lieblingsplätzen war auf dem Kleiderschrank, weil er da so schön auf alle und alles von oben herabblicken konnte.

Manchmal wurde ihm langweilig – auch ein Tier möchte mal dem Alltag entkommen! Dann suchte er sich etwas Aufregendes, das nicht unbedingt gleicherweise lustig für den Menschen war. In Dagmars Dachgeschoss-Wohnung verlief an der Außenwand ein größerer Hohlraum, ein sogenannter Kabuff, worin die Wasserrohre untergebracht waren. Man konnte dort auch ein paar Kisten mit Krimskrams abstellen.  Als sie einmal das Türchen zum Kabuff öffnete, um etwas herauszuholen, schlüpfte Charlie an ihr vorbei in das geheimnisvolle Dunkel, in die hinterste Ecke und blieb dort, trotz aller Lockversuche. Dagmar verlor die Geduld und rief die Nachbarin zu Hilfe. Darauf wollte es der Kater nicht ankommen lassen und bequemte sich wieder nach draußen. Sein Fell war allerdings nicht mehr weiß, sondern grau-schwarz vor Dreck und Staub.
Ein andermal entwischte Charlie durch das geöffnete Fenster aufs Dach und stolzierte so lange auf den brüchigen Schindeln herum, bis er keine Lust mehr hatte – außerordentliche Schreckensminuten für seinen nicht so sportlichen Menschen.
Als ich Dagmar kennenlernte, war ich nicht besonders davon angetan, dass es Charlie gab. Nicht, dass ich etwas gegen Tiere hätte oder eifersüchtig auf sie wäre. Ich wollte einfach nie ein Haustier haben. Mit Charlies Existenz musste ich mich allerdings abfinden und ich gebe zu, dass auch ich ihn ganz schnell liebgewann.
Im Sommer 1997 beschlossen Dagmar und ich, uns eine gemeinsame Wohnung zu nehmen. Da ich nicht aus Iserlohn weggehen wollte, war Dagmar einverstanden, aus Dortmund ins Sauerland zu ziehen.
Der Umzug war für uns Menschen eine stressige Zeit, Kater Charlie fühlte sich jedoch wie in einem Abenteuer. Er war überall dabei, besonders beim Packen, und ergriff jede Gelegenheit, um die leeren Kartons und Taschen auszuschnüffeln und auf Geräumigkeit zu testen.

Nur die Fahrt im Auto fand er unerträglich.
Eingeschlossen in seinem Korb, miaute er jämmerlich und voller Panik. Ich konnte ihn sehr gut verstehen, denn was gibt es Schlimmeres, als eingesperrt zu sein? Zum Glück dauerte die Reise nur eine knappe halbe Stunde.
In der ihm fremden Wohnung, entlassen aus der ‚Gefangenschaft‘, inspizierte Charlie erst einmal die Zimmer und schien mit dem Ergebnis seiner Erkundung sehr zufrieden. Aber vielleicht war er einfach nur froh, sich wieder frei bewegen zu können. Jedenfalls gewannen Mensch und Mensch den Eindruck, dass er sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlte.
Das Leben ging weiter. Tier und Menschen harmonierten besser und besser, bis zu dem Tag, als Charlie wieder einmal verschwand.
Es war Samstag. Dagmar ging in Dortmund ihrer Arbeit nach, ich beschäftigte mich daheim mit den Angelegenheiten des Haushalts. Irgendwann fiel mir auf, dass Charlie fehlte. Ich suchte, fand ihn aber in keiner seiner Ecken, unter keinem Möbel, nirgendwo. Irritiert fragte ich mich, ob er vielleicht unbemerkt aus der Tür geschlichen sein könnte, als ich mit der Wäsche in den Waschkeller ging. Ich lief die Treppen hinunter bis in den Keller … da war er nicht. Ich trat aus dem Haus und suchte die nähere Umgebung ab – kein Kater in Sicht.
Da geriet ich in Panik und rief in Dortmund an. Dagmar nahm die Sache ziemlich gelassen und riet mir, noch einmal die Wohnung abzusuchen.
Wie sollte eine Stubenkatze auch einfach verschwinden?
Ich robbte erneut in den Räumen umher. Einem Impuls folgend, öffnete ich im Wohnzimmer schließlich den alten Sekretär, schaute hinein, wollte die Türen schon wieder schließen, hielt dann aber inne. Das untere Brett war voll gestellt mit Aktenordnern, das mittlere dagegen nur bis zur Hälfte … und da, auf der freien Fläche in der dunklen Ecke, lag Charlie, zusammengerollt … Er schlief nicht, gab aber auch keinen Ton von sich, starrte mich nur seltsam an.
Ich überlegte lange, in welchem Moment der Kater in den Schrank geschlüpft sein mochte, denn ich konnte mich nicht entsinnen, den Sekretär im Laufe des Tages überhaupt geöffnet zu haben …
Vor allem – warum hatte Charlie sich nicht bemerkbar gemacht, obwohl er es doch so gar nicht vertrug, eingesperrt zu sein?
Ein Rätsel, das sich bald aufklären sollte.
Charlie zog sich immer mehr zurück. Er verkroch sich in allen möglichen Ecken, er schmuste nicht mehr so gern, fraß weniger, trank umso gieriger. Ein paar Mal beobachteten wir, wie er im Spülbecken das Schnäuzchen unter den Wasserhahn hielt und die Tropfen auffing.
Es kam der Moment, in dem es offensichtlich wurde – Charlie war krank.
An einem Herbsttag des Jahres 1998 packten wir den Kater ins Auto und fuhren zum Tierarzt. Die Stimmung war bedrückt und wir schwiegen während der kurzen Fahrt. Auch Charlie lag still in seinem Körbchen …
So schlimm die Hinfahrt gewesen sein mochte, die Rückfahrt war schlimmer, denn wir transportierten ein leeres Körbchen.
Charlie hatte Katzen-Leukose. Es gab zwei Möglichkeiten – entweder eine Behandlung, die seine Qualen lediglich linderte oder ihn einschläfern lassen. Wir hatten uns für Letzteres entschieden – sehr schweren Herzens.
Der Abschied war herzzerreißend …
Erst Tage später erzählte mir Dagmar von dem Moment, als sie sich ein letztes Mal nach dem Tier umwandte – das hätte ich nicht machen dürfen – und Charlies Blick sie traf. In seinen Augen sah sie den Schmerz über die Trennung und noch etwas anderes – die Kenntnis dessen, was kommen würde … Charlie wusste es. Er hatte die Erlösung gesucht – an jedem dunklen, stillen, einsamen Ort, den er nur finden und in dessen Schutz er sich verkriechen konnte.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

4 Kommentare zu „Charlie

  1. Ja, kenn die Situation. Das prekäre ist eben, dass Katzen kürzer leben als Menschen und jeder Mensch, der eine Katze als Freund hat, diese irgendwann verliertt. Deshalb nehm ich keine Katze mehr auf und auch kein anderes Tier. Tiere sind vielleicht die besseren und treueren Freunde und gehören zur Familie. Ihr Verlust ist nur schwer zu ertragen. Ich möcht nicht mehr um ein Tier weinen müsse.

    Der Schriftsteller Hemingway hatte 17 Katzen auf seinem Anwesen und sie durften sich sogar auf seine Schreibblätter setzen, wenn er an der Schreibmaschine schrieb. Hemingway war ein harter Mann, der auch gerne mal Boxkämpfe austrug und auf Großwildjagd ging. Er war ein Alphatier unter den Männern und hatte seinen festen Barhocker in jeder Bar, die er als Trinker besuchte.

    Als er einmal eine seiner Katze erschießen musste, weinte der harte Mann wie ein Kind.
    Ist eine Legende, die ich gerne glaube, weil Katzen wirklich liebevolle Wesen sind ..

    LG Sven ❤

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  2. Mich als Katzennarr berührte Deine Geschichte natürlich sehr, liebe Rosa.
    Leider haben wir zwei Menschen in der Familie, die Katzenallergien haben und nur deshalb gibt es bei uns inzwischen kein geliebtes Haustier mehr, leider, leider. (Doch, eine der Töchter hat einen ziemlich zotteligen, sanften Hund 🙂 )
    Ich vermisse vor allem meine letzte Katze und wenn ich an sie denke, könnte ich imer noch heulen.
    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

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