Veröffentlicht in Literatur, Rezension

Die ganze Wahrheit?

Noch eine Buchbesprechung, ebenso aus dem Jahr 2000, veröffentlicht in der „Westfälischen Rundschau“.

„Es gibt einen Namen in der Geschichte Russlands, der auch jetzt noch furchterregend ist, der eine grenzenlose Macht und Gewalt symbolisiert. Für die ältere Generation des Landes war dieser Name jedoch keine Geschichte, sondern die bloße Realität, in der kaum eine Familie vom Tod und Leid verschont blieb.

Ja, es ist Stalin, der die blutigen Seiten in die Geschichte des russischen [sowjetischen – würde ich nun berichtigen, denn es waren nicht nur Russen] Volkes schrieb. Es ist Stalin, der es geschafft hat, sich zu seiner Zeit von diesem Volk vergöttern zu lassen – trotz allem, was er ihm angetan hat. Wie konnte es dazu kommen? Die Historiker haben ihre Antwort auf diese Frage. Aber wie würde Stalin es aus eigener Sicht erklären? Wie würde er selbst seinen Weg nach oben beschreiben? Was waren seine Gedanken, seine Gefühle? Wir wissen das nicht, denn Stalin hinterließ kein Tagebuch.
Wir können nur ahnen und fantasieren. So wie Richard Lourie in seinem Roman
„Stalin. Die geheimen Aufzeichnungen des Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili“ fantasiert. Es ist eine raffinierte Mischung von Fakten, Spekulationen und Fiktion, die uns die ganze „Wahrheit“ über den grausamen Diktator erfahren lässt. Wir verfolgen alle Stufen seines Lebens und er offenbart uns seine Wünsche und geheimen Ängste, breitet vor uns seine Machtpläne aus, die kaltblütig und skrupellos sind. Wie sehr ihn der Kampf mit seinem Feind Nr. 1 Leo Trozki beschäftigt, warum es ihm so wichtig ist, ihn rechtzeitig zu beseitigen, was für ein Geheimnis soll für immer verborgen bleiben. Stalin persönlich kann unsere Neugier stillen. „Seine“ (und Richard Lourie) Geschichte erfüllt uns mit Schaudern, und sie ist so meisterhaft geschrieben, dass man beim Lesen wirklich das Gefühl hat, Stalins Autobiografie in der Hand zu halten.“

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

5 Kommentare zu „Die ganze Wahrheit?

    1. Das stimmt, allerdings nur in Bezug auf Gedankenhintergründe, auf das Gefühlsleben, die geheimen Wünsche dieses speziellen Protagonisten. Die Taten, die Verbrechen – die sind begangen worden, die Geschehnisse haben stattgefunden, daran ist nichts anzuzweifeln. Was er sich dabei gedacht, was er empfunden hatte, wieviel Hass und Menschenverachtung dahinter steckten – das sind natürlich Spekulationen, darüber könnte man streiten.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, ja, da gebe ich dir ganz recht. Die historischen Fakten sind vorhanden, Stalins Gedanken und Gefühle sind erfunden. Damit habe ich kein Problem solange es ganz klar bleibt, was historisch belegt und was erfunden ist. Es gibt viele sogenannte historische Romane, in denen dieses Auseinanderhalten nicht möglich ist und mit denen habe ich ein Problem. Ob das bei diesem Werk der Fall ist, kann ich aber gar nicht beurteilen

        Gefällt 1 Person

  1. Ja, Rosa; Der Dämon der Deutschen war Hitler, der der Sowjet-Völker war Stalin. Und obgleich sie Un-Personen im ethischen Sinn waren, hängen ihre Schatten als düstere Wolke noch immer über der Weltgeschichte.

    Gefällt 1 Person

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