Veröffentlicht in Menschsein, Persönliches

Was würde Eugen sagen?

Was würde mein Mann und nach unserer Trennung – mein lieber Freund zum Krieg in der Ukraine sagen? Als Russe hatte er einen viel engeren, persönlicheren Bezug zu Russland als ich. Allein schon aus dem Grund, weil dort seine Verwandte und ArbeitskollegInnen lebten. Dort sind seine Eltern und sein Bruder beerdigt.
Eins weiß ich – in Deutschland fühlte Eugen sich angenommen und zu Hause. Hier hatte er neue Freundschaften geschlossen, scheute es nie, Deutsch zu reden und Gespräche über verschiedene, manchmal schwierige, Themen zu führen, auch wenn er die Sprache nicht perfekt beherrschte. Schon wenige Monate nach unserer Ankunft hatte er einen Job gefunden, zwar nicht in seinem Beruf als Lehrer, sondern als einfacher Fabrikarbeiter, aber die Arbeit befriedigte ihn und gab ihm das Gefühl, ein gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein.

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Veröffentlicht in Persönliches, Psyche

Ruhe nach dem Sturm

Heute geht es mir besser. Das Ungreifbare ließ sich zwar immer noch nicht greifen und das wird mir wohl auch nie gelingen, aber es ist verschwunden und darüber bin ich froh. Nur eine schwache Ahnung, Müdigkeit und tiefe Traurigkeit sind zurückgeblieben.
Diesmal dauerte es länger als sonst, bis der „Sturm“ abzog, vielleicht wirklich – wie von Heather in ihrem Kommentar vermutet – deswegen, weil gerade so viel Negatives in der Welt geschieht …
Also – abhacken! 🙂 Es gibt so viel Schlimmeres als ein kleines, wenn auch unerklärliches und unheimliches Hirngespinst.

Veröffentlicht in Musik, Persönliches

Balsam für die Seele

In dunklen Zeiten der Angst, einer Angst, die mich immer wieder heimsucht, besonders im Dezember, hilft mir die Musik. Das Ergebnis mehrerer Jahre – ist meine Sammlung ziemlich groß. Es sind Klänge, die mich direkt berühren, meine inneren Saiten anspielen; sie sind wie Balsam für meine Seele. Es darf keine Discomusik oder Ähnliches sein – die ertrage ich in solchen Momenten nicht, nein – die Melodien müssen sich meinem Gemütszustand anpassen, mit mir fühlen, trauern und weinen können. Dann denke und spüre ich, dass es sich doch lohnt, zu leben, auch wenn nur, um diese wundervolle Musik hören und genießen zu können. Dann wird der Schmerz erträglicher und ich weiß – ich bin nicht ganz verloren in dieser Welt; ich weiß – ich bin ein kleines, dennoch bedeutendes Teilchen des unendlichen Universums.

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Lisas Geschichte

Wie die Novelle entstand (Auszug)

Es sollte eine Kurzgeschichte zu einem Bild werden … einem, auf dem ein kleines Mädchen eine riesige, in die Erde eingepflanzte, leuchtende Glühbirne bestaunt. Eine Mischung aus Fantasie und eigenen Kindheitserlebnissen – zunächst als abgeschlossene Geschichte auf einer Internetplattform.
Im Mittelpunkt steht die kleine Lisa, ein Kind, das in einem sibirischen Dorf aufwächst und Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen Fremden macht. Der Fremde will Lisas sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie von ihrer Traurigkeit und den Albträumen befreien.

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Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Diese Rosa

In Russland war es ja so: Bevor der zum Militärdienst Eingezogene die Familie verließ, fand eine Abschieds-Feier statt. Die gab es auch für meinen Bruder. Wie allbekannt, trinken die Russen meistens Wodka. Den tranken zwangsläufig auch die Deutschen dieses Landes.

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Veröffentlicht in Autobiografie, Literatur, Persönliches

Angekommen

Es ist nur ein kleiner Absatz mit ein paar Zeilen, mit (genaugenommen) 53 Wörtern, doch lassen sie vor meinem inneren Auge die vielen Tage und Monate vorbeiziehen, die zu diesem Moment geführt haben.

Aus dem Kapitel „Angekommen“

„… Der Entschluss, Russland zu verlassen, reifte damals nur allmählich in uns. Ich glaube, Eugen und ich diskutierten nicht einmal besonders viel darüber, jeder erreichte mehr oder weniger selbst den Punkt, an dem er seine Gedanken laut äußerte. Wir waren uns einig darin, auszuwandern, auch wenn die Beweggründe nicht unbedingt die gleichen waren.

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Meine Mutter und ich

„Besonders glücklich bin ich aber, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.“ – Sei Shōnagon

… Ein Zitat, das ich vor vielen Jahren entdeckte. Diese Worte berührten mich sehr, ließen mich innehalten, in mich hinein hören und sie als meine persönliche Wahrheit erkennen.

Therapiegespräche tun einem gut, will man doch meinen. Man kann sich alles von der Seele reden, schafft Klarheit in vielerlei Dingen. Das stimmt ja auch. Einerseits. Andererseits ist das Eintauchen in die Welt, die schon lange hinter mir liegt, nicht gerade angenehm. Es ist ein Stück Arbeit, die oft weh tut. Nicht, weil irgendetwas Schreckliches ans Licht kommt (das sicher auch), aber viel mehr, weil ich wieder Menschen „begegne“, die längst nicht mehr da sind, Menschen, an die ich oft denke, die jedoch in ihrem Leben unglücklich waren. Ich weiß das und dieses Wissen schmerzt. Und es schmerzt, darüber zu reden.

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Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches, Psyche

Die Geschichte (m)einer Depression

Das Thema Depression kommt immer wieder in meinen Texten vor und trotzdem fehlen mir für die Beschreibung dieser grauen Hexe oft die passenden Worte. Ja, für mich ist sie eine graue Hexe und dazu auch noch mit vielen Gesichtern – es kann ein hämisch grinsendes, ein Panik einjagendes, ein aus der Ferne beobachtendes, es kann aber auch ein gleichgültiges und nichtssagendes Gesicht sein, aber es ist stets dunkel, farblos und hässlich. Mit einem Wort – grauenvoll.

Sie nahm von mir Besitz, als ich etwa fünf Jahre alt war. Vielleicht war sogar die folgende Episode, die ich noch gut in Erinnerung habe, der Moment, in dem sie sich mir zum ersten Mal zeigte.

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Mein Herbst 1969

Es ist September. Seine Zeit ist gekommen. Im Grunde ist der Herbst schon da, er sammelt sich bloß ein wenig, sucht noch das passende Gewand für dieses Jahr aus, die passende Melodie, den passenden Duft …

Ich denke an die längst vergangenen Tage, die Jahrzehnte zurückliegen, an die Tage meiner Jugend. Da war mein Leben noch im Aufbau, die Zukunft schemenhaft; ich tastete mich mal zögernd und schüchtern, mal ungeduldig und stürmisch voran, meine Sinne sowohl nach außen als auch nach innen gerichtet. Ich brauchte die Zustimmung in der Außenwelt genauso sehr, wie die Harmonie, das Gleichgewicht in mir selbst. Die Jahreszeiten waren für mich oft die Abbildung meiner inneren Welt und umgekehrt.

Ich stellte mir den Herbst als eigenartiges Lebewesen vor, das unbegrenzte Macht besaß und gleichzeitig so feinfühlig sein konnte wie ein Mensch, schnell veränderlich in seiner Stimmung.

Herbst kann fröhlich und strahlend glücklich sein. Elegant und festlich gekleidet duftet er nach seltenem, wahrscheinlich teuerstem Parfum, das an die Vergangenheit erinnert und zugleich einen Hauch der Zukunft in sich trägt. Er genießt die Natur in vollen Zügen und ist mit sich selbst äußerst zufrieden. Aber schon am nächsten Morgen ist von dieser Zufriedenheit nichts mehr zu erkennen. Unglücklich und offenbar von etwas zutiefst verletzt, hat er sich im Schornstein verkrochen, heult, jammert und klagt. Mit trüben Augen schaut er mich durch die Fensterscheibe an, sein dunkles Gesicht ist von Tränen überströmt. Er braucht menschliche Hilfe und Zuneigung.

Auch seine tiefen Depressionen erlebe ich hin und wieder. Schwarze, niedrige Wolken treiben am Firmament. Keine Hoffnung lockt ihn auf blauen Himmel und Sonnenschein. Dem Herbst ist nicht danach – seine Hände sind eiskalt, sein Atem kaum vernehmbar. Er vergießt spärliche, fast gefrorene Tränen auf die harte, graue Erde … Er will niemanden sehen und versteckt sich in den dunkelsten Ecken des Dorfes.

Und wer kennt seine Wutanfälle nicht, in denen er sich mit der Kraft eines wilden, ungebändigten Tieres austobt? Alles Lebende verbirgt sich vor ihm und wartet stumm, dass er endlich todmüde aufgibt und sich wieder beruhigt.

Mein Herbst 1969 …

Wie oft suche ich die Einsamkeit in seiner Gesellschaft, flüchte vor den Menschen in den aus der Ferne schon goldgrün schimmernden Birkenwald. Dort sitzen wir einander gegenüber auf dem prachtvollen Laubteppich und hören uns aufmerksam zu. Er erzählt mir von schönen, fantastischen, manchmal auch schaurigen Dingen und in seiner eigenen Geschichte erkenne ich oft auch die meine. Ich breite vor ihm meine Sehnsüchte, meine Zweifel, meine Schmerzen aus und er stimmt mir nickend und leise raschelnd zu. Keine meiner Offenbarungen wird ihm zu viel, er versteht mich ohne Worte, wie es keinem anderen Wesen gelungen wäre. Mit leichter Brise streichelt er sanft über mein Gesicht und flüstert mir ermutigende Worte ins Ohr …

Ich schreibe dies und verspüre plötzlich Traurigkeit, sogar etwas wie Reuegefühle in mir aufkommen. Mein Herbst der längst vergangenen Jahre … im Erwachsenenleben, in der Hektik des Alltags habe ich ihn nicht mehr beachtet, denke kaum noch an ihn. Ich bin von ihm fort und in die weite Welt gegangen. Ich habe ihn zurückgelassen, in den goldgrünen Wäldern und Feldern Sibiriens. Ihm widme ich diese Zeilen. Ich bin sie ihm seit langem schuldig.