Warum wolltest du unbedingt dieses Buch veröffentlichen? Was willst du damit erreichen? Weshalb hast du es überhaupt geschrieben?
Fragen wie diese stellten mir, nachdem mein Buch herauskam, nicht nur Außenstehende – ich hatte sie mir selbst schon zuvor gestellt. Doch ich musste nicht lange nach den Antworten suchen, denn sie liegen in den Geschichten selbst.
Biografien waren für mich früher kein besonders reizvolles Genre; selbst die eigene erschien mir unwichtig und langweilig. Dann entdeckte ich die Plattform BookRix und stieß auf die Gruppe „Biografisches“. Anfangs war ich noch sehr zurückhaltend und beteiligte mich nur gelegentlich an den Diskussionen. Doch mein Interesse wuchs – nicht zuletzt dank der großartigen Moderation von wollfrau und später gittarina. Schließlich wagte ich es, meine Erinnerungen mit den anderen zu teilen. Mit „Ehrlich“ gewann ich damals sogar den zweiten Platz im Wettbewerb.
Ja, ich war auf der Suche nach dem Ursprung einiger meiner merkwürdigen Eigenarten, die ich nicht erklären konnte und die mich belasteten. Auf meinen Reisen in die Vergangenheit lernte ich die kleine Rosa kennen und „unterhielt“ mich mit ihr. Das Kind war nicht besonders fröhlich und schon gar nicht glücklich. Doch so schwach und verletzlich es auch wirkte – es war auf eine besondere Weise stark und verfügte über ein erstaunliches, wenn auch stilles Durchsetzungsvermögen. Ich habe die Kleine richtig ins Herz geschlossen. Ohne sie, ohne ihr Leiden und ihre Stärke wäre ich heute nicht der Mensch, der ich geworden bin. Indem ich ihre Geschichten aufschrieb, schuf ich eine feste Verbindung zwischen dem Mädchen und der Gegenwart. Es ist, als würde ich ein Licht in die Dunkelheit vergangener Zeiten schalten, und die Einzelheiten ihres Lebens treten so hell hervor, dass ihr Leuchten bis in mein Hier und Jetzt reicht.
Das Gesuchte habe ich schließlich doch noch entdeckt. Erst mit über fünfzig Jahren wurde mir klar, dass in mir eine schlimme Erinnerung vergraben liegt. Mein Unterbewusstsein gibt sie nur bruchstückhaft frei. Nun weiß ich, warum ich schon als Kind depressiv war, warum ich so bin, wie ich bin – mit all den Macken, die mein Leben schwer machten und es teilweise noch immer tun.
Es gab für mich nur einen Weg, damit umzugehen: die Wahrheit offen auszusprechen. Auch wenn einige meiner Verwandtschaft sich vehement dagegen stemmten und mir für alle Ewigkeit den Rücken kehrten. Ich tat es nicht ihretwegen und schon gar nicht, um sie zu verletzen; ich tat es für mich und für das Kind in mir, das endlich gehört werden wollte. Für unsere beider Freiheit.
Mich kraftlos und leergeschrieben, sitze ich vor diesen Zeilen. Im Geiste sehe ich die kleine Rosa vor mir. Wir schauen uns in die Augen, sie mit dem traurigen Blick eines Kindes, ich wehmütig und schuldbewusst.
Das Gefühl, sie damals nicht beschützt zu haben, überwältigt mich aufs Neue. Ich möchte ihr gern die Liebe und Zuneigung geben, die sie so dringend gebraucht hätte, aber das kann ich nicht mehr.
Ich kann sie nur in meinen Gedanken auf den Arm nehmen, vorsichtig und behutsam, um in ihr nicht das Gefühl der Enge auszulösen, und ihr zuflüstern: „Es wird alles gut. Du schaffst es.“
Zaghaft und sehr schüchtern lächelt das Kind von einst und lehnt seinen Kopf an meine Schulter … Ja, wir beide – wir schaffen das.
Nein – wir haben es geschafft!Zitat aus dem Buchkapitel „Die Abrechnung“

Findet RosaBeitragsbild: StockCake.com.


Links vorne?
Stimmt! 😊👏
Links vorne, das war für mich auch ganz klar :-)
Liebe Rosa,
Schreiben hat therapeutischen Wert, das ist meine Antwort, wenn ich mich selbst frage, warum ich doch auch über recht persönliche Dinge schreibe. Und es gibt noch einen Grund – nämlich den, zu zeigen, dass manches, das unmöglich schien, eines Tages doch möglich war bzw. ist.
Auch, indem Du in aller Deutlichkeit und Offenheit schreibst, lebst Du Dein Leben so wahrhaftig. Ich schätze Dein Wesen und bin sicher, dass Du mit Deiner Offenheit so manchem Menschen schon ein hoffnungsvolles Lichtzeichen sein konntest in dunklen Momenten.
Ich schicke herzliche Grüße, C Stern
Ja, schreiben macht frei und bringt Licht ins Dunkel – für mich auf jeden Fall. Ich bin froh, dass ich diesen Weg gefunden habe, und auf diesem Weg bleibe ich auch, solange ich kann.
Danke Dir für die lieben Worte!
Herzliche Grüße
Rosa