Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Literatur

Die Hölle – Teil 1

Kurzgeschichte

Zum Wortspiel: „Es war ein verdammter Sonntagvormittag wie immer – nur Luna war nicht da“.

Noch im Schlaf, aber wissend, dass sie träumt, spürte Maja die Panik wachsen. Sie musste sofort aufwachen, sie musste heraus aus diesem Traum, zurück in die Wirklichkeit, sonst war es zu spät. In einem verzweifelten Versuch sich zu befreien, schnappte sie nach Luft, schrie und riss die Augen auf …

Es war noch sehr früh. Aus dem offenen Fenster strömte frische Luft ins Schlafzimmer und brachte einen Hauch Rosenduft mit sich. Maja atmete tief ein und aus.
„Habe ich wirklich so geschrien?“, fragte sie sich, kam aber sofort zu dem Schluss, dass es im Traum geschehen sein musste, sonst hätte sie ja Luna geweckt, die einen sehr leisen Schlaf hatte.
Maja drehte sich zu ihr um und … entdeckte das leere Bett: Luna war nicht da. Ach, bestimmt gerade im Bad.
Benommen schüttelte Maja den Kopf – noch immer durch den Traum verwirrt. Sie versuchte sich zu konzentrieren und die Bildfragmente zusammenzufügen, aus denen sie sich herausgeschrien hatte.
Was hatte sie so erschreckt? Das Einzige, das sie noch immer spürte, war das Gefühl, gefesselt zu sein, gefesselt und eingesperrt.
Sie hatte Durst und außerdem starke Schmerzen im rechten Fuß.
Maja knipste das Licht an und betrachtete verwundert ihren geschwollenen, pochenden Fuß. Woher kam das? Vorsichtig stand sie auf und humpelte in die Küche, trank einen Schluck Wasser direkt aus der Flasche und lauschte. In der Wohnung herrschte Totenstille. Kein Geräusch drang aus dem Bad. Selbst der ewig summende Kühlschrank gab keinen Ton von sich. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Unruhe breitete sich in Maja aus und verwandelte sich schnell in Angst …
Luna blieb verschwunden.
Es half nichts, immer wieder durch die Räume zu gehen oder besser gesagt zu hinken und nach ihr zu rufen. Zu guter Letzt warf Maja sogar einen Blick in den Abstellraum, von der Furcht geplagt, zwischen Besen, Körben und dem Staubsauger eine schreckliche Entdeckung zu machen. Aber auch da war alles so, wie es sein sollte.
Hatte Luna die Wohnung zu so früher Stunde schon verlassen? Maja nahm die Eingangstür in Augenschein und ihre Augen weiteten sich: Der Schlüssel steckte von innen im Schloss! Sie stellte fest, dass abgeschlossen war, wie immer, wenn Luna als Letzte zu Bett ging.
Maja zitterte vor Erregung und Kälte am ganzen Körper. Mit letzter Kraft und dem Wahnsinn nahe taumelte sie ins Schlafzimmer zurück und schloss das Fenster.
Dann sah sie die Kleidung, die Luna wie gewöhnlich achtlos auf den Stuhl geworfen hatte, ihre Brille, die auf dem Nachttisch lag, und eine neue Panikwelle überflutete Maja. Selbst wenn die Freundin es geschafft haben sollte, die von innen verschlossene Wohnung zu verlassen, dann war sie sicher nicht im Nachthemd und vor allem nicht ohne Brille unterwegs!
Majas Blick fiel auf den Kleiderschrank. Darin hatte sie noch nicht nachgesehen. Mit flauem Gefühl starrte sie das mehrtürige Ungetüm an, das ihr auf einmal, wie ein gigantisches Monster vorkam. Sie musste all ihren Mut sammeln, von dem fast nichts mehr übrig war, um es zu wagen, die Türen eine nach der anderen zu öffnen. Erleichtert stellte sie fest, dass sich hinter der Kleidung nichts Schlimmes verbarg. 
‚Wonach suche ich eigentlich?‘ dachte Maja. ‚Nach Lunas Leiche?‘ Ein Schauder überlief sie.
Nicht mehr imstande, sich länger aufrecht zu halten, legte Maja sich wieder ins Bett und wickelte sich fest in die Decke ein. Aus irgendeinem Grund – sie hätte es nicht erklären können, warum – wagte sie nicht, Lunas Decke über die eigene auszubreiten und so verging eine ganze Weile, bis ihr warm wurde und das Zittern nachließ.
Im Stillen hoffte Maja, jeden Moment Lunas Stimme zu hören und sie ins Schlafzimmer hereinkommen zu sehen, befürchtete aber gleichzeitig, dass mit Luna etwas Schreckliches passiert war.
Unbemerkt überfiel Maja schließlich der Schlaf der Erschöpfung und sie glitt wiederum in den illusorischen Fluss eines Traumes hinein.

Sie erwachte abrupt und erfasste sofort mit allen Sinnen, was sie nachts erlebt hatte.
Es war neun Uhr. Um diese Zeit hatten Luna und sie geplant aufzustehen, um einen Kuchen zu backen, denn und um drei Uhr nachmittags waren sie bei Lunas Mutter zum Kaffee eingeladen.
In der Wohnung herrschte noch die gleiche Stille und Majas Fuß tat immer noch weh. Trotzdem erhob sie sich, zog die Sachen vom Vortag an – es spielte ja im Augenblick keine Rolle – schleppte sich in die Küche und sah aus dem Fenster, das den Blick auf die Kreuzung freigab. Sie registrierte, dass die sonst so belebte Straße leer war, aber andere Dinge beschäftigten sie weit mehr. Sie zwang sich, die neu aufsteigende Angst zu unterdrücken und in Ruhe nochmals die vergangene Nacht zu überdenken.
Also, was könnte passiert sein?
Außer dem üblichen Weg durch die Tür gab es keinen Wohnungsausgang.  Die Wohnung selbst befand sich im Dachgeschoss, hatte keinen Balkon und schräge Fenster. Warum sollte Luna auf dem gefährlichen Weg über das Dach und so gut wie unbekleidet geflohen sein?  Aus welchem Grund sollte sie ihre Liebste verlassen haben? So zu denken war einfach absurd.
Ob man Luna entführt hatte? Aber dann blieb wiederum die Frage: Wie? 
Maja warf einen überlegenden Blick auf das Telefon. Irgendetwas musste sie unternehmen – zum Beispiel 112 wählen. Sie nahm den Hörer ab und hielt ihn eine Weile unschlüssig in der Hand. Wie sollte sie diese Vermisstenmeldung nur formulieren? Die würden sie für verrückt halten!
Aber vielleicht hatte sie wirklich heute Nacht den Verstand verloren? Oder vielleicht hatte sie einen Unfall erlitten, lag im Koma und träumte das alles hier nur?
Maja schüttelte energisch den Kopf. Sie wusste – es war kein Traum, sie lag nicht im Koma. Sie war zu Hause, allein, und es war ein verdammter Sonntagvormittag wie immer – nur Luna war nicht da. Sie war verschwunden. Spurlos.
Maja verbrachte mehr als eine Stunde damit, alle möglichen Leute anzurufen. ‚Anrufen‘ war gut, ‚versucht anzurufen‘ wäre richtiger ausgedrückt gewesen, denn sie erreichte keinen einzigen Bekannten oder Freund, nicht einmal einen Fremden, nicht einmal die Feuerwehr und die Polizei. Nur das Freizeichen tutete ihr aus dem Telefonhörer entgegen. Schließlich hatte sie es aufgegeben. Um etwas Sinnvolles zu tun, holte sie eine Bandage aus dem Medikamentenschrank und umwickelte ihren Fuß, der nicht aufhören wollte, zu pochen. Gleich wurden die Schmerzen erträglicher. Richtig auftreten konnte Maja mit dem Fuß jedoch nicht und es erwies sich als mühsame Angelegenheit, sich durch die Wohnung zu bewegen. Erneut warf sie einen Blick aus dem Küchenfenster: Die Straße sah immer noch verlassen aus – kein Mensch auf dem Bürgersteig, kein fahrendes Auto. Was war denn nur los heute?
In Majas Kopf drehte sich alles. Sie verharrte lange in ihrer Beobachtungsposition – es tat sich nichts.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke: Die Nachbarn
Mit ihnen hatten sie beide zwar nicht viel Kontakt, aber jetzt erschienen sie Maja wie ein Rettungsanker. Oder sollten auch sie … Rasch verdrängte sie den tief in ihr aufkeimenden schrecklichen Verdacht, schloss die Tür auf und trat in den Hausflur hinaus. Im Dachgeschoss gab es noch zwei kleine Wohnungen. Maja registrierte sofort, dass es auch im Treppenhaus sehr still war und ihre Schritte sich ungewöhnlich laut anhörten. Sie drückte auf die erste Klingel … auf die zweite …
Niemand öffnete die Tür. Oder wollte ihr keiner aufmachen? Ach, Unsinn!
Maja humpelte vorsichtig ein Stockwerk tiefer.
In den drei Wohnungen der dritten Etage regte sich ebenfalls nichts, sie mochte klingeln und klopfen so viel sie wollte. Weiter hinunter wagte sie sich nicht und das war eine kluge Entscheidung, denn der Weg treppaufwärts erwies sich als äußerst schwierig und sie wimmerte vor Schmerzen.
In der eigenen Wohnung wieder angekommen, ließ Maja sich im Schlafzimmer aufs Bett fallen und bewegte sich eine halbe Stunde nicht, bis das Pochen im Fuß nachließ. Dann trieb die Unruhe sie ins Arbeitszimmer.
Sie startete den Computer und meldete sich bei BookRix an. Aufmerksam ging sie alle Gruppen und Threads durch, fand jedoch keine einzige Meldung oder Nachricht vom aktuellen Tag. Ebenso sah es auf allen Internetseiten aus, die Maja wahllos aufrief. 
Aus dem Keim ihres Verdachts reifte eine harte, bittere Frucht, die ihr schwer im Magen liegen blieb: Sie war allein, von Leere und Stille umgeben. Ein Gefühl, als müsse sie ersticken, nahm von ihr Besitz. Sie befand sich in einem riesigen Gefängnis.

Fortsetzung folgt

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

7 Kommentare zu „Die Hölle – Teil 1

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