Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Literatur

Die Hölle – Teil 2

Kurzgeschichte

So verging der erste Tag ihrer Einsamkeit. Maja schlief in der Nacht wider Erwarten gut und fühlte sich am nächsten Morgen etwas entspannter, obwohl der rechte Fuß genauso schmerzte, wie zuvor und sich an ihrer Lage nichts geändert hatte. Sie war jetzt weniger mit dem Versuch beschäftigt, ihre Angst und Ungläubigkeit zu bändigen; sie richtete ihre Aufmerksamkeit mehr auf die Umgebung und deren eventuellen Veränderung, sah sich sehr genau die Wohnungsräume an, die Möbel, die Gegenstände und gewann tatsächlich das Gefühl, dass irgendetwas anders war.
War es ein bestimmter Blickwinkel? Ein geschärftes Wahrnehmungsvermögen? Ein besonderes Licht? Es kam Maja vor, als habe sich alles etwas verschoben, als sei das Tageslicht dunkler als sonst.

Sie setzte sich an den Computer, rief Word mit einem leeren Dokument auf und begann, ihre Gedanken und Überlegungen, Gefühle und Wahrnehmungen aufzuschreiben. Sie hätte nicht für möglich gehalten, dass es so viele sein würden. 
Sie erinnerte sich, dass sie als Kind träumte, einmal die ganze Welt für sich allein zu haben, um sich einfach alles nehmen zu können, was sie wollte – woher auch immer. Damals hatte sie an jede Menge Süßigkeiten gedacht, an Spielzeug ohne Ende. Sie hätte alles tun wollen, was ihr Spaß machte: Den ganzen Tag spielen oder im Teich schwimmen; Beeren in den Nachbargärten pflücken oder spannende Bücher lesen. Sie hätte endlich die Möglichkeit gehabt, sich einen Wunsch zu erfüllen, der in ihrem wirklichen bescheidenen Leben nie Gestalt annehmen würde – sie hätte sich ein Fahrrad zu eigen gemacht. Diese Vorstellung überdeckte völlig, was sie erst später, mit dem Älterwerden, bezweifeln ließ, dass der Besitz der gesamten Welt etwas Erstrebenswertes sei. Der Preis dafür, ganz allein zu sein – ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde – wäre zu hoch! Und so verwandelte sich das Bild der erfüllten Träume allmählich in etwas Schaudererregendes – in eine Welt der unendlichen Einsamkeit. Die erwachsene Maja erblickte eine sinnentleerte Welt, in der es nichts zu besitzen gab, weil nichts vorhanden war, für das es sich zu leben lohnte.
Und jetzt … war jetzt vielleicht ihr Kindheitstraum in aller Konsequenz wahr geworden? Maja sinnierte, ob sie auf irgendeine Weise (versehentlich?) in ein paralleles Universum versetzt worden war, in dem Raum und Zeit nur für sie allein galten. Vielleicht hatte jeder Mensch, jedes Lebewesen, ein nur für ihn bestimmtes Universum, und die Summe aller untereinander verbundenen Universen ergab die menschliche Einheit? Oder war dieser Zustand, in dem sie sich befand, vielleicht eine Strafe Gottes, ihre ganz persönliche Hölle auf Erden? So könnte doch die Hölle aussehen!
Was gab es Schlimmeres, als ganz allein auf der Welt zu sein? Ob sie tatsächlich der einzige Mensch auf Erden war? Maja nahm sich vor, es nochmals mit dem Telefonieren zu versuchen, und, sobald der Fuß nicht mehr so weh tat, sich ins Auto zu setzen und in die Stadt zu fahren. Zu essen war noch genug da; Luna und sie hatten am Samstag für eine ganze Woche eingekauft. 
Maja kehrte in Gedanken zum Thema ‚Hölle‘ zurück. War sie in irgendeiner Weise schuldig geworden? War ihre gleichgeschlechtliche Beziehung eine Sünde, wie ihre Schwester behauptete? Maja schüttelte energisch den Kopf. Nein, darüber brauchte sie gar nicht erst nachzudenken.
Sie schrieb und schrieb und der Fluss ihrer Gedanken schien kein Ende zu nehmen. Maja hörte erst auf, als sich zu dem Schmerz im Fuß der Rückenschmerz gesellte und der leere Magen sich meldete. Sie schloss das Text-Dokument, nannte es nach kurzem Überlegen „Die Hölle“ und legte es auf dem Desktop griffbereit ab.

Tage vergingen. Maja dachte viel nach – über Gott und die Welt, über sich selbst. Sie schrieb weiterhin ihre Gedanken auf. Zeit hatte sie ohne Ende. 
Dass es eine Gottesstrafe war, alle Menschen außer ihr von der Erde zu entfernen, um den Planeten in eine speziell für sie eingerichtete Hölle zu verwandeln, glaubte Maja keinen Augenblick, wusste das Phänomen aber auch nicht zu deuten.
Wiederholt versuchte sie, jemanden ans Telefon zu bekommen, irgendeine Aktivität im Internet zu entdecken – vergebens. Im Radio gab es nur Rauschen, der Fernseher zeigte Schnee und Streifen. Sie konnte nicht aus dem Haus gehen, denn die Schwellung am Fuß und die Schmerzen nahmen nicht ab, allerdings verschlimmerten sie sich auch nicht.
Es war wieder Samstag geworden. Hatte dies noch eine Bedeutung für Maja? Nein. Jeder Tag war wie der andere. Sie fühlte nur ihre Kräfte schwinden, obwohl sie die merkwürdige Situation inzwischen fast gelassen hinnahm. Die Lebensmittelvorräte würden nur noch für ein paar Tage reichen. Entweder sie quälte sich die vielen Treppen hinunter und zum Supermarkt, schlug dort die Scheiben ein, um sich neu zu bevorraten oder sie wählte die Möglichkeit, dem Elend mittels Schlaftabletten ein Ende zu machen. Aber würde es auch funktionieren in dieser Welt, in der sich nichts entwickelte?
An diesem Abend konnte Maja lange nicht einschlafen. Sie wälzte sich im Bett hin und her, fand keine bequeme Stelle, warf die Decke ab, weil ihr zu warm wurde und zog sie im nächsten Moment wieder über sich, weil sie fror.
Wie ein endloser Film spulten sich ihre Gedanken ab. Am liebsten wollte sie gar nicht mehr denken, hätte gern auf irgendeinen Knopf gedrückt und das Gedächtnis ausgeschaltet, am besten für immer.
Irgendwann erreichten Majas Gedanken dann doch jenen Zustand, in dem sie angenehm wirr wurden. Sie spürte, wie ein sanfter, warmer Nebel sie einhüllte, in dem sich ihre Ängste allmählich auflösten …
Ein Geräusch, das immer aufdringlicher wurde, bohrte sich in Majas Empfindungen, zerfetzte die Wolke, in der sie schwebte und schreckte sie auf.
Was war das? Ihr Herz hämmerte. In all den einsamen Tagen und Nächten war es totenstill in der Wohnung gewesen, nur sie selbst hatte Geräusche erzeugt. Aber vielleicht war sie ja auch für dieses Geräusch selbst verantwortlich!
Da, schon wieder! Ein Schnarchen?
Maja schrie und setzte sich blitzschnell auf. Neben ihr fuhr ebenfalls jemand in die Höhe, fragte erschrocken: „Was ist denn los?“, und drückte auf den Schalter der Nachtlampe …
Maja starrte mit weit aufgerissenen Augen in das verschlafene Gesicht ihrer Freundin.
Eine Weile sahen sie sich an – Maja fassungslos, Luna besorgt. „Was ist? Hattest du einen schlimmen Traum?“, fragte letztere.
„Ja-a“, Maja stotterte. „A-aber wo-woher kommst du?“
„Wie – woher?“ Luna staunte. „Ich habe geschlafen. Was hast du denn gedacht? … Alles gut?“
„Alles gut“, flüsterte Maja mit leerem Blick.
„Na, dann schlafen wir noch ein bisschen.“ Luna schaute auf den Wecker. „Es ist noch früh.“
Maja nickte und sank wortlos zurück in die Kissen. An Schlafen war nicht mehr zu denken. In ihrem Kopf herrschte Chaos und sie hatte große Angst, sobald sie einschliefe, auch Luna wieder zu verlieren. Die schnarchte längst wieder, ahnungslos.
Maja stand vorsichtig auf und ging in die Küche. Dabei durchfuhr sie die Erkenntnis – der Fuß tat nicht mehr weh! Sie blickte an sich herunter – keine Bandage, keine Schwellung.
Maja lief zum Küchenfenster. Die Straße war auch jetzt, in den frühen Morgenstunden, schon sehr belebt. Sie sah Autos vorbeifahren, hörte deren gedämpftes Brummen und ein Gefühl unendlichen Glücks breitete sich in ihrem Herzen aus. Es war alles nur ein Traum gewesen! 
Noch lange stand Maja am Fenster, beobachtete die Welt da draußen und dachte an gar nichts. Dann ging sie ins Arbeitszimmer, denn eine dunkle Ahnung überkam sie plötzlich. Sie machte das Licht an, betrachtete eine Weile den schwarzen Bildschirm auf dem Tisch und drückte dann auf den Einschaltknopf des Rechners.
Als der Computer hochfuhr, öffnete sich sofort im Autostart das Outlook-Programm. Mit bangem Flattern im Bauch klickte Maja es weg. Sie hatte das Gefühl, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, als sie mitten auf dem Desktop die Worddatei sah, die sie eigenhändig vor einer Woche angelegt hatte und die den Namen „Die Hölle“ trug.

Mai 2011

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

4 Kommentare zu „Die Hölle – Teil 2

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