Veröffentlicht in Persönliches, Psyche

Wie immer

Der letzte Monat des Jahres und ich – wir vertragen uns nicht. Sobald der Dezember seinen Lauf nimmt, verändert sich unweigerlich auch meine Stimmung. Es wird dunkler in mir; etwas macht mich unruhig, nagt, zieht und zerrt an meinem Gemüt. Dieses Unheimliche holt alle meine Ängste ans Licht, lässt sie größer, bedeutsamer, schwerer werden. Die Angst um meine Lieben, besonders um mein Sorgenkind, macht sich im mir breit, die Furcht vor der ungewissen Zukunft lässt mich nicht los. Das bedrückende Gefühl, das Leben sei nicht lebenswert, ist wieder präsent – schwächer als im Moment einer Panikattacke, dennoch deutlich spürbar.

Gern würde ich der Sache auf den Grund gehen, doch gelingt es mir nicht.
Ich frage mich: liegt es an diesen kalten, meist düsteren Dezembertagen? Deprimiert mich die Vorweihnachts- und Weihnachtszeit? Oder steckt die Ursache viel tiefer, viel weiter in der Vergangenheit? Intuitiv spüre ich, dass es mit Familie, mit Zusammentreffen und Feiern zu tun hat. Deswegen wohl auch jedes Mal (zusätzlich!) dieses panische Gefühl in mir, wenn ein Familientreffen stattfinden soll.
Ist es – das Unsägliche – unter ähnlichen Umständen passiert, damals, vor vielen Jahren? …
Wie dem auch sei, ich muss dadurch, mir bleibt nichts anderes übrig. Ich weiß – der Januar wird besser, heller und leichter, und meine Ängste werden sich wie immer verflüchtigen. Und bis zum nächsten Dezember wird es noch dauern.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

17 Kommentare zu „Wie immer

  1. Liebe Rosa,
    Wir haben das viele Jahre oder eher Jahrzehnte gekannt, aktuell geht’s uns aber wirklich gut. Bei uns waren es schlimme Erinnerungen bzw. Angst wie sie damals war, die an uns haftete. Wir wissen, weshalb sie weg ist heute und sind dankbar dafür.
    Denn bereits die Angst, dass es wieder schlimm wird ist jedes Jahr belastend gewesen.
    Wir wünschen dir das Beste für diese Zeit, ganz viel Kraft und Liebe. 🍀🕊️🍀🏵️🎶💖
    Herzliche Grüße
    „Benita“

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    1. Vielleicht liegt er aber in einer zu dunklen Ecke an einer Stelle, die ich nicht erreichen kann. Ich denke, das Ganze ist ein Knoten aus mehreren unschönen Ereignissen, und dieser Knoten ist so fest, dass er sich nicht mehr entwirren lässt.

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  2. Es mag banal und platt klingen, aber ich habe für mich eigentlich nur stets zwei Wegoptionen zum notwendigen Loslassen erkannt: Konfrontation und Aufarbeitung oder Annehmen/Akzeptanz. Für den harten ersten Weg hast du, liebe Rosa, offensichtlich weder Schmerz noch Mühen gescheut, um teilweise Erleichterung zu erzielen. Ich fürchte, das dir der nicht mehr aufzuarbeitende Teil unvergessen erhalten bleibt und nur durch das ‚Überschreiben der alten, schlimmen Daten‘ mit neuen, schönen Erfahrungen, mit Liebe und ( am schwersten) Verzeihen an Schärfe verliert. Du kennst den Spruch „Ich habe verziehen, aber vergessen werd´ ich nie!“. Du kennst dich inzwischen in- und auswendig, weißt, was dir gut tut und was schadet, und du kennst die Phasen und ihre Dauer. Vielleicht zieht manchmal gerade der stete Kampf dagegen tiefer in den Abgrund und zermürbt mehr, als eine fatalistischere Haltung und das Annehmen dieser, deiner Facette.

    Im Grunde weiß ich natürlich nichts über deinen Schmerz, habe auch keinerlei therapeutische Befähigung für gute Tipps und maße mir keine an. Die gibt es vermutlich nicht einmal. Aber ich weiß, dass geschliffene Edelsteine am wertvollsten sind und am intensivsten funkeln, wenn sie viele Facetten aufweisen. Als Rohdiamanten kommen wir zur Welt und das Leben schleift uns zu Brillanten.

    GGLG, Heather

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    1. Es ist nicht leicht oder gar unmöglich, etwas zu akzeptieren, was kaum fassbar ist. Da bleibt wirklich nur eins – aufhören zu grübeln und das Beste daraus machen. Obwohl ich keine Ahnung habe, wie daraus was Gutes zu machen wäre. 😮 Eigentlich versuche ich auch nicht mehr, dieser diffusen Angst auf den Grund zu gehen – bringt eh nichts.
      Einiges habe ich aber tatsächlich aufarbeiten und damit abschließen können. Es ist mir gelungen, zu verstehen und zu vergeben, den Menschen, der in meinem Leben so viel Schaden angerichtet hat, mit anderen Augen zu sehen (es geht um meinen Bruder). Zum größten Teil verdanke ich dies meiner Nichte. Nein, sie hat ihren Vater nicht verteidigt, nicht beschönigt; sie hat mir geglaubt – ohne Wenn und Aber. Wir haben uns beide sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.
      Auch habe ich mich, wenn auch nur in Träumen, mit meinen Eltern ausgesprochen und bin auf diese Weise ihnen näher gekommen. Und ich konnte meinen ungeborenen Sohn loslassen und gehen lassen …
      Also, bleibt mir doch nur diese eine ungeklärte Kleinigkeit (und mein großes Sorgenkind) – das werde ich wohl auch noch schaffen. 😉
      „Aber ich weiß, dass geschliffene Edelsteine am wertvollsten sind und am intensivsten funkeln, wenn sie viele Facetten aufweisen. Als Rohdiamanten kommen wir zur Welt und das Leben schleift uns zu Brillanten“. Das hast Du so schön gesagt, liebe Heather! Ich danke Dir für Dein Zuhören, Dein Verstehen und Deinen Zuspruch. 💗
      Herzlichst
      Rosa

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  3. Die letzten Tage des Kalenderjahres sind nicht zu Unrecht mystisch angehaucht. Ich wiederum mag die dunkle Jahreszeit… bin selber ein Novemberkind und liebe Schnee, Kälte, Nebel und alles, was damit zu tun hat – dafür ist mir der Sommer mit all dem Licht und der Hitze nicht unbedingt sympathisch.
    ABER die Dinge gehören zusammen – das eine geht nicht ohne das andere und in allem steckt auch ein Funke des Gegenteils.

    Manchmal ist Unwohlsein und die von dir beschriebene Unbehaglichkeit eine Message des Unterbewußtseins, dass da etwas nicht verarbeitetes in dir ruht und Beachtung finden möchte. Es ist wie wenn jemand genau zu Urlaubsbeginn krank wird – der Körper hat jetzt Zeit sich zu erholen und die Anspannung weicht. Vielleicht ist es auch bei dir so.

    Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen – es lohnt sich, sich dem zu stellen vor dem das Unbehagen herrscht – es löst mitunter Anspannungen und zeigt wie stark das eigene Ich sein kann.

    Du wirst merken, wenn du soweit bist dieses Rätsel zu lösen – bis dahin … es wird auch ein neuer Sommer kommen 😉

    Alles Gute für dich

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    1. Das schlechte Wetter macht mir eigentlich nichts aus. Wenn ich depressiv bin, dann ist es mir nur recht, denn es passt zu meinen Gefühlen. Strahlende Sonne ist in solchen Momenten ein zu großer Kontrast zu dem Dunklen in mir – die vertrage ich dann nicht. Wenn es mir gut geht, dann ist es mir auch egal, ob der Himmel blau oder mit Wolken bedeckt ist.
      Danke für die lieben Worte! 💗 Vielleicht löst sich irgendwann das Rätsel, vielleicht aber auch nicht …
      Herzliche Grüße
      Rosa

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  4. Das Dunkel hält uns gefangen, liebe Rosa, deshalb auch die vielen Lichter, die wir anzünden.
    Wenn die Tage länger, das Licht weniger diffus ist, das Knospen und Keimen unter die Erde schon fast zu hören ist, dann geht es uns besser, wir leben auf, die Lebensgeister tanzen in uns Ringelreihen und wir atmen auf.
    Ein gutes Neues Jahr wünsche ich Dir
    Ganz herzlich, Bruni

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