Veröffentlicht in Autobiografie, Literatur, Poesie

Ich liebe es nach wie vor

Als junges Mädchen bin ich ziemlich in mich gekehrt gewesen. Schon von klein auf grübelte ich über dies und jenes, machte mir viele Gedanken um das Universum und seine Geheimnisse, versuchte, das Sein zu ergründen und mir das Nichtsein vorzustellen. Ich träumte von einer besseren Welt, in der alles so war, wie ich es mir und für mich wünschte. Die Träumereien liefen letztlich unweigerlich in den tristen Alltag hinaus, immer und immer wieder.

Dann kam die Schulzeit, die es mir auf wunderbare Weise ermöglichte, der unerfreulichen Realität zu entfliehen, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit und in eine nicht reale Welt – die Welt der Bücher.

… In Heimtal [russisch: Rodnaja Dolina] gab es eine richtige Dorfbücherei, die ich natürlich so oft wie möglich besucht hatte. In dieser Zeit entdeckte ich für mich den Dichter Michail Lermontow. Ich war fasziniert von seinen Gedichten und besonders von dem Poem „Mcyri“ (Der Novize). Ich hätte damals so gern ein eigenes Exemplar von „Mcyri“ gehabt, um das Poem immer wieder lesen zu können, aber ich musste mich damit begnügen, die Verse in ein Heft abzuschreiben. Es klingt vermutlich lachhaft, aber so bescheiden verlief mein Leben nun mal vor vielen Jahren. Heute noch kann ich mir fast alle Strophen dieser poetischen Erzählung ins Gedächtnis rufen. Ich habe „Mcyri“ auch auf Deutsch gelesen, aber mit dem Original kann sich die Übersetzung kaum messen. Ich fühlte mich seelenverwandt mit Mcyri. Seine Qual war auch meine Qual, seine Sehnsucht auch die meine, denn wie er empfand ich mein Leben oft als Gefängnis …

Eine der 26 Strophen von „Mcyri“ (Мцыри) – Original und Übersetzung von Rainer Kirsch
Wie oft schon, Greis, hab ich gehört, 
Daß du den Tod von mir gewehrt.
Wozu? ... Einsam, voll Bitternis,
Ein Blatt, das Sturm vom Stamme riß,
Wuchs ich in lüstern Mauern auf,
Ein Mönch schon durch des Schicksals Lauf.
War niemand, der mir Vater hieß,
Noch der mich Mutter sagen ließ.
Du freilich, Greis, du hast gewollt,
Daß ich im Stift vergessen sollt
Der heilgen Worte süßes Glück.
Umsonst: sie sind von mir ein Stück,
Mit mir geboren. Andre fand
Mit Eltern ich und Vaterland,
Mit Heim und Freund – für mich nur gab
Es nicht einmal ein teures Grab!
Da trug ich tränenlos mein Leid
Und schwur mir zu mit heilgem Eid:
Nur einen Augenblick, einmal
Preß ich die Brust in ihrer Qual
An eine andre Brust, verwandt
Und traut mir, wenn auch unbekannt.
O Traum, du warst so groß, so schön!
Es ist vorbei – nie wird's geschehn;
Und wie ich lebte, sterb ich: Knecht
Und Waise ohne Heimatrecht.

Übersetzer: Rainer Kirsch

Hier: Lermontows Poem Mcyri in voller Länge (Original und Übersetzung von Vera Jahnke). Ich muss allerdings anmerken, dass die Übersetzung von Rainer Kirsch mir besser gefällt.


Natürlich konnte ich dem Drang nicht widerstehen und las das Poem noch einmal. Wieder überkam mich dieselbe tiefe Sehnsucht, wie einst in meiner Teenagerzeit. Aber etwas anderes wäre auch kaum zu erwarten.

Ja, ich gestehe es gern: Meine Liebe zu „Mcyri“ ist und bleibt ungebrochen.

Avatar von Unbekannt

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern auf meinem Blog und verfüge über eine Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: Autobiografisches „In der sibirischen Kälte“ und Novelle „Andersrum“. Außerdem bin ich Mitautorin in einigen Almanachen des BKDR Verlages und in verschiedenen anderen Anthologien.

2 Kommentare zu „Ich liebe es nach wie vor

  1. In die Welt der Bücher zu flüchten, um zumindest eine Zeit lang der realen Welt zu entfliehen, wünscht sich wahrscheinlich auch derzeit so mancher Mensch, liebe Rosa und kann ich auch sehr gut nachempfinden.

    Diese typisch russisch romantische Dichtung von Michail Lermontow, thematisiert die Sehnsucht nach Freiheit und die Ablehnung von Zivilisation und Zwang. 
    Ein wichtiges Werk des russischen Romantismus, das Themen wie Natur vs. Zivilisation, Freiheit und die Ablehnung von Gesellschaft und Religion behandelt. 

    Kann auch deshalb sehr gut verstehen, dass du nach wie vor dieses Gedicht liebst.

    Herzliche Grüße, Hanne

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu hanneweb Antwort abbrechen