Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Menschsein

Du bist frei!

„Im eigenen Körper und im Leben gefangen, erwartet mich nichts mehr auf dieser Welt.“

Dieser Satz, ruhig wie eine längst beschlossene Sache ausgesprochen, traf sie mitten ins Herz …

Worte einer Mutter

Mein liebes Kind!

Dafür, dass du dich letztendlich doch mir anvertraut hast, danke ich dir. Du hättest es schon viel früher machen müssen! Aber vielleicht geschieht alles zu seiner Zeit und vielleicht ist gerade jetzt der richtige Augenblick dafür … ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, du bereust es nicht und bin froh, dir ein wenig von deiner Last abgenommen zu haben.

Ich gebe zu – im tiefsten Inneren hatte ich es geahnt; die Wahrheit schlummerte in einer weiten Ecke meines Unterbewusstseins, aber erst dein „Geständnis“ führte sie mir vor Augen, sodass plötzlich alles einen Sinn ergab. Nun ist mir klar geworden, warum mein Kind so eigenartig, so anders ist. Dennoch hat es mir im ersten Moment einen Schrecken eingejagt, weniger wegen der Tatsache selbst, dass du im falschen Körper steckst, sondern mehr deswegen, weil du so lange dein Geheimnis mit dir ganz allein herumtragen musstest und ich dir nicht beistehen konnte. Das tut mir unendlich leid. Denn egal, was du mit dir selbst bereits ausgemacht, wie du dich entschieden hast (oder noch entscheiden wirst), du hättest auf meine Hilfe zählen können – von Anfang an.

Du sollst wissen – du bist ein wunderbarer Mensch. Du hast aus der gegebenen Situation das Beste herausgeholt, was du nur konntest. Seit deinem Outing hast du mir so viel, wie noch nie zuvor, von dir erzählt, von deinen widersprüchlichen Gefühlen, deinen Ängsten, deinen Zweifeln. Du hast mir von deinen Albträumen erzählt, in denen du immer wieder von den Männern verstoßen, beschimpft und angeschrien wurdest: „Du gehörst nicht zu uns, du bist kein richtiger Mann! Verschwinde!“ Aber auch Frauen jagten dich fort: „Wir wollen dich nicht bei uns haben! Du bist keine Frau, du bist ein Mann!“

Gleichzeitig hast du mir von den so wundervollen nächtlichen Visionen erzählt, in denen du dich unter deinesgleichen, angenommen und glücklich fühltest, von einer Welt, in der du gern für immer bleiben wolltest, die du jedoch jedes Mal aufs Neue verlassen musstest, um in die ernüchternde, graue Realität zurückzukehren. Mit der Zeit hast du gelernt, mit deinen Träumen, deinen Sehnsüchten und deinem Schmerz umzugehen. Du hast deinen eigenen Weg aus der Finsternis ins Licht gefunden. Diesen von dir entdeckten Pfad zur Quelle der Kraft hast du mir geschildert und ich habe dir mit Staunen zugehört und dich für deinen Mut bewundert. Dafür bewundert, dass du dein Leben auf deine ganz persönliche Weise meisterst. Glaub mir, das ist eine große Stärke.

Nein, du bist nicht gefangen! Indem du deiner Mutter den Blick in deine innere Welt gewährt hast, hast du gleichzeitig das Tor hinaus geöffnet, hast die Chancen und Möglichkeiten erkennen können. Du bist frei, frei in deiner Entscheidung, frei das zu tun, was dir dein Herz sagt. Lass dich von nichts und niemandem entmutigen und kümmere dich nicht darum, was andere über dich sagen oder denken. Du bist für dein Leben selbst verantwortlich; deinen Weg kann niemand für dich gehen, keinen einzigen, noch so kleinen Schritt davon.

Und du sollst wissen, ob Sohn oder Tochter – ich liebe dich so, wie du bist. So wie du bist, bist du mein Kind, und ich bin immer für dich da, ganz egal, was dir auf der Seele brennt. Ich werde dich unterstützen – mit allem, was in meiner Macht steht und solange ich es kann.

Pass gut auf dich auf und achte auf deinen Körper. Auch wenn es nicht der richtige ist und du ihn gewissermaßen hasst, hält er dich schon viele Jahre am Leben und so soll es noch lange bleiben.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

3 Kommentare zu „Du bist frei!

  1. Wow, da ist es mir vor lauter Intensität in diesem Beitrag – (und auch soviel Parallelen) so über den Rücken gerieselt – auch inwendige Vorstellungen oder Träume, oder sich Ausdruck verschaffende Erzählungen, können uns heilen. Danke für das Teilen.

    Gefällt 1 Person

  2. Zutiefst erschütternd, der erste Satz, den Du hier geschrieben hast …

    Liebe Rosa,
    diese so schmerzvolle Reise eines Kindes, die Du hier teilst, habe ich in Ansätzen selbst mit-erlebt, mit einer Mutter und ihrem kindlichen Sohn. Es ist Jahre zurück – wir haben darüber Gespräche geführt. Auch das Kind war offen. Ich vermute, diese Mutter hat nie ihren Frieden finden können … auch aus anderen Gründen.
    Auch kenne ich eine Lebensgeschichte eines Menschen, der sich dazu entschlossen hat, als Frau zu leben. Dass dieser Mensch diese Freiheit gewählt hat, zu sein, was er tatsächlich ist, das macht mich froh! Ich denke noch oft an diesen Menschen …

    Ich bin voller Dankbarkeit, wenn ich lese, dass es Mütter und Väter bzw. Eltern gibt, die ihr Kind bedingungslos unterstützen – und lieben, egal, in welchem Körper es sich zeigt. Das einzige, was zählt, ist, dass ein Mensch so sein darf, wie er es fühlt! Für mich ist ein Mensch ein Mensch – und nicht sein Geschlecht. Aber wenn sich ein Mensch in seinem Körper nicht fühlt, wie er ist, dann soll er sich auf all unsere Liebe und Unterstützung verlassen können.

    Ich wünsche dem Kind aus Deiner Geschichte so sehr, dass es zum glücklichen Schmetterling wird – frei und geborgen in seinem wahren Sein! Dass es seine Wege nimmt, wie es ihm behagt! Selbstbestimmt zu leben, das bedeutet Freiheit!

    Herzlichst, C Stern

    Gefällt 1 Person

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