Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Strudel und anderes

18. Was war Ihr Lieblingsgericht und was gab es besonders oft bei Ihnen zu Hause?
19. Welches Gericht mochten Sie als Kind gar nicht?

Bei Kindern ist das Schmecken viel intensiver, als bei Erwachsenen. Sie müssen erst einmal lernen zu unterscheiden, was gut, was schlecht und was gar nicht essbar ist. Ich denke, ebenso stärker empfinden Kinder den Hunger. Ich hatte jedenfalls oft Hunger, dann knurrte und nagte es unangenehm in meinem Magen. Das heißt aber nicht, dass ich zu wenig zu essen bekam. Ich hatte schon genug, auch wenn es einfache Gerichte waren.

Es gab viel mit Kartoffeln, besonders im Sommer, wenn die Dorfbewohner auf Fleisch verzichten mussten. Warum verzichten? Aus ganz einfachem Grund – man hatte keine Möglichkeiten es nach dem Schlachten frisch zu halten, da es keine Kühlschränke gab. Also kam im Sommer höchstens hin und wieder ein Huhn in die Suppe. Im Winter hingegen konnte das Fleisch draußen in der Kälte aufbewahrt werden. (Eine kurze Information für diejenigen, die vielleicht zum ersten Mal in meinem Blog lesen: ich bin 1954 geboren und in einem Dorf in Sibirien aufgewachsen).
Ich war nicht besonders wählerisch, was das Essen anging; mir schmeckte fast alles. Zum Frühstück beispielsweise aß ich meistens Brot mit Butter oder Marmelade. Es konnte auch Sauerrahm sein, mit etwas Salz darauf, in den ich das Brot tunkte, oder Frischkäse mit Brot. Dazu trank ich ungesüßten Tee. Der Tee musste ganz heiß sein, kalt oder warm mochte ich ihn nicht.
Unsere Mutter kochte nicht besonders gern (ich übrigens auch nicht 😉). Sie musste es eben tun. Manches konnte sie jedenfalls gut zubereiten, zum Beispiel Strudel. Ich meine nicht Strudel als Gebäck, sondern eine Speise, die ich hier in Deutschland so noch nie gesehen habe.
Man nehme dafür dünn (fast durchsichtig) ausgerollten Teig, rolle ihn in eine lange „Wurst“ ein, teile sie in kleinere Würstchen, dünste sie entweder mit klein geschnittenen Kartoffeln (obendrauf gelegt) oder brate sie in der Pfanne. Klingt einfach und langweilig, für mich war es eine der leckersten Speisen.
Ich mochte auch die russischen Pelmeni, Wareniki, Piroschki. Oder Krautrouladen; die werden in Russland mit Hackfleisch, gemischt mit Reis, zubereitet. Suppen waren nicht so meins, aber Borschtsch und die besonders leckere Nudelsuppe meiner Oma (väterlicherseits) aß ich gern.
Als Kind hatte ich auch gegen Fisch nichts einzuwenden – bis ich einmal zu viel davon hatte und er aus mir buchstäblich wieder herausbrach 😄. Und ich ekelte mich vor Milch, folglich mochte ich kein Eis, weil ich annahm, dass es gefrorene Milch war – das sollte sich jedoch etwas später ändern. 😉 Eis gab es sowieso im Dorf nur äußerst selten zu kaufen.
Zum Schluss noch eine aussagekräftige Episode.
In zivilisierten Ländern ist so etwas undenkbar – in der Sowjetunion jedoch hatte man ohne große Hemmungen Schüler zum Arbeiten benutzt, und damit ist nicht die Hilfe in der Familie im Haushalt oder Garten gemeint.
Einmal wurden wir – in der Grundschule (!) – zu einer Arbeit einberufen, an die ich mich jetzt noch lebhaft erinnere. Wir sollten in dem großem, dunklen Kolchos-Keller Kartoffeln sortieren, die dort überwintert hatten. Es war kalt, nass und dreckig da unten. Und es stank. Viele der Knollen waren angefault oder auch schon völlig matschig – die kamen in den Abfall, die guten und noch festen, von Keimen befreit, in die Eimer und anschließend auf einen gesonderten Haufen.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie das für ein zehn-elfjähriges Kind gewesen sein musste. So pflichtbewusst wie ich jedoch war, tat ich mein Bestes und war völlig erschöpft, als wir endlich an die frische Luft und Mittagspause machen durften. Zur Belohnung für die „so fleißige Rosa“ gab es von unserer Lehrerin die größte und dickste Scheibe Brot, mit Butter und Johannisbeermarmelade bestrichen …
Diese Episode macht – zum einen – deutlich, wie skrupellos nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder im Sozialismus ausgebeutet und manipuliert wurden; wir waren ja im Glauben, dass wir das machen müssen, um neben den Erwachsenen auch unseren Teil – unbezahlt, versteht sich – für das Wohl der Allgemeinheit, sprich des Vaterlandes beizutragen.
Zum anderen will ich damit gesagt haben, dass mir noch nie ein Brot so gut geschmeckt hatte wie dieses – so hart verdientes.

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

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