Es gibt Aufgaben, die man lange vor sich herschiebt. Nicht, weil sie einem unwichtig wären. Ganz im Gegenteil. Manchmal sind es gerade die Dinge, die uns besonders viel bedeuten, für die wir erst den richtigen Zeitpunkt finden müssen. So geht es mir mit den Lebenserinnerungen meines Vaters, Jakob Schütz.
Schon seit vielen Jahren existieren seine Aufzeichnungen. Er hat sie im hohen Alter verfasst, mit einer Ausdauer und einem Erinnerungsvermögen, über die ich immer wieder staune. Nun habe ich endlich begonnen, mich intensiv mit diesen Manuskripten zu beschäftigen. Mein Ziel ist es, daraus ein Buch zu machen. Und während ich daran arbeite, denke ich oft: Eigentlich ist diese Arbeit längst überfällig.
Mein Vater wurde 1915 in Russland geboren. Seine Familie gehörte zu den deutschen Siedlern in Sibirien. Er wuchs im Dorf Schönfeld im Gebiet Omsk auf, das seine Vorfahren 1908 gegründet hatten.
In den Manuskripten erzählt er vom Leben dieser Menschen, von der mühevollen Arbeit der ersten Siedler, vom Aufbau ihrer Häuser und Höfe, von der Landwirtschaft und den langen sibirischen Wintern. Er beschreibt, wie man damals Getreide erntete und drosch, wie Brennmaterial hergestellt wurde und wie die Familien ihren Alltag bewältigten. Vieles davon wäre heute kaum noch vorstellbar.
Doch seine Erinnerungen handeln nicht nur von Arbeit und dörflichem Leben. Sie führen auch durch die schweren Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte: die Kollektivierung, die Verfolgungen des Jahres 1937, die Verschleppung der Russlanddeutschen, Hunger, Zwangsarbeit, Gefangenschaft und die schmerzhaften Trennungen von Angehörigen.
Mein Vater hat vieles davon selbst erlebt. Er berichtet aber auch von Menschen, deren Schicksale ihm im Gedächtnis geblieben sind. Er nennt ihre Namen, erzählt von ihren Familien, ihrem Leben und ihrem Leid. Hinter den großen historischen Ereignissen stehen einzelne Menschen. Menschen, die gelebt, gearbeitet, geliebt, geglaubt und gehofft haben. Ihre Geschichten sollen nicht verloren gehen.
Was mich beim Lesen immer wieder verblüfft, ist die Genauigkeit, mit der mein Vater sich an längst vergangene Ereignisse erinnerte. Er wusste noch, wie bestimmte landwirtschaftliche Geräte funktionierten, welche Arbeiten zu welcher Jahreszeit verrichtet wurden und wer damals in welchem Haus wohnte. Er erinnerte sich an Gespräche, an kleine Begebenheiten aus seiner Kindheit, an Namen und familiäre Zusammenhänge.
Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Einzelheiten, die mich besonders berühren. Etwa wenn er beschreibt, wie die Menschen ihre Obstgärten anlegten oder wie er als Junge seinem Vater beim Verkauf der Früchte half. Dann entsteht vor meinen Augen eine Welt, die es so längst nicht mehr gibt.
Natürlich ist auch ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis nicht unfehlbar. Mein Vater schrieb alles Jahrzehnte nach den Ereignissen auf. Deshalb möchte ich sorgfältig mit seinen Angaben umgehen und dort, wo es notwendig ist, Dinge überprüfen. Aber gerade diese Fülle an Erinnerungen macht seine Aufzeichnungen so wertvoll.
Zwei Fassungen – viele Entscheidungen
Die Arbeit ist umfangreicher, als ich zunächst gedacht hatte. Es gibt zwei Fassungen seiner Lebenserinnerungen, die sich in vielen Teilen überschneiden, aber keineswegs vollkommen identisch sind. Manche Geschichten erzählt mein Vater in der einen Fassung ausführlicher, andere in der zweiten. Hier und da finden sich zusätzliche Einzelheiten, andere Formulierungen oder eine veränderte Reihenfolge.
Meine Aufgabe besteht nun darin, beide Fassungen sorgfältig miteinander zu vergleichen und daraus einen zusammenhängenden Text zu erarbeiten. Dabei möchte ich möglichst wenig von dem verlieren, was seine Erinnerungen ausmacht. Ich will seinen Text lesbarer machen, ohne ihm meine eigene Sprache aufzudrängen. Seine manchmal ungewöhnlichen Formulierungen, seine Art zu erzählen, sein Humor und vor allem sein tiefer Glaube gehören zu ihm.
Es wäre ein Leichtes, vieles umzuändern, zu kürzen oder in eine modernere Sprache zu übertragen. Doch dann wäre es nicht mehr mein Vater, der erzählt – und genau das möchte ich vermeiden.
Warum mir diese Arbeit so wichtig ist
Mein Vater hat sich im hohen Alter hingesetzt und hat angefangen zu schreiben. Seite um Seite. Er wollte festhalten, was er und die Menschen seiner Generation erlebt hatten. Jakob schrieb nicht, um ein berühmter Autor zu werden. Er wollte, dass seine Kinder und Kindeskinder etwas über die Vergangenheit erfahren, über das Leben ihrer Vorfahren, über die schweren Zeiten und darüber, wie die Menschen trotz allem ihren Glauben und ihre Hoffnung bewahrten. Diesen Wunsch möchte ich ernst nehmen.
Je länger ich mich mit seinen Manuskripten beschäftige, desto stärker empfinde ich die Verantwortung, die damit verbunden ist. Denn ich halte nicht einfach einen alten Text in den Händen. Ich halte ein Stück Familiengeschichte fest – und zugleich ein Stück Geschichte der Russlanddeutschen.
Vielleicht hätte ich mich schon viel früher darum kümmern sollen. Doch nun ist die Zeit gekommen, und ich möchte diese Arbeit mit der Sorgfalt tun, die sie verdient. Ich hoffe, dass daraus ein Buch entsteht, das nicht nur für die Familie von Bedeutung ist. Vielleicht werden auch andere Menschen darin etwas von ihrer eigenen Familiengeschichte wiedererkennen. Vielleicht hilft es jüngeren Generationen, besser zu verstehen, was ihre Eltern und Großeltern erlebt haben. Und vielleicht wird es auch Menschen berühren, die bisher nur wenig über das Leben der Deutschen in der Sowjetunion wissen.
Noch liegt viel Arbeit vor mir. Ich werde prüfen, ordnen und behutsam bearbeiten müssen. Sicher werde ich auch immer wieder auf Fragen stoßen, die sich nicht mehr beantworten lassen. Aber ich freue mich auf diese Herausforderung. Denn mit jeder Seite, die ich lese, begegne ich meinem Vater ein Stück weit neu. Ich entdecke Einzelheiten, die ich nicht wusste, und oft erkenne ich in seinen Worten den Menschen wieder, den ich gekannt habe.
Vater hat sich die Mühe gemacht, seine Erinnerungen für uns aufzuschreiben. Nun möchte ich dafür sorgen, dass diese Mühe nicht umsonst gewesen ist. Seine Stimme soll bleiben. Und mit ihr die Erinnerung an die Menschen, von denen er erzählt.

Eine der Manuskriptseiten


Viel Arbeit und viel Verantwortung warten auf dich. Aber ich kann deinen Wunsch, Erinnerungen zu erhalten, ausgesprochen gut verstehen. Auch ich sitze schon seit Jahren sporadisch an den Aufzeichnungen meiner Mutter, mit denen sie erst spät begann. Ich selbst brachte sie, aufgrund meines eigenen schlechten Gedächtnisses, auf die Idee, ihre eigene Lebensgeschichte (auch ein wenig die, ihrer Vorfahren) niederzuschreiben. Fünf prallvolle Notizbücher füllte sie, bis die Demenz ihre Krallen in ihr Gedächtnis schlug. Besonders schwierig finde ich es, den Text einerseits interessant für Dritte zu gestalten, ohne ihn andererseits zu verfälschen. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Zeitreise!
LG, Heather
Oh, da hast du dir eine grosse, aber ehrenwerte Aufgabe ausgesucht. Auch schön, dass dein Vater so viel geschrieben hat!