Nun habe ich bereits einige Übersetzungen im Blog veröffentlicht; weitere werden voraussichtlich hinzukommen. Da mir bewusst ist, dass diese Texte nur von russischsprachigen Menschen oder von Personen mit entsprechenden Kenntnissen gelesen werden können, poste ich zwischendurch (wie ihr sicher bemerkt habt) auch immer wieder Auszüge aus meinem Buch auf Deutsch.
Hier folgen zwei Buchausschnitte (aus dem Kapitel „Momentaufnahmen“ / «Мгновения»).
Momentaufnahmen

Auf der Suche nach dem Auslöser einiger meiner seltsamen Eigenschaften und Empfindungen ‚reise‘ ich in den letzten Jahren oft in die Zeit zurück. Ich taste mich in der Dunkelheit durch verschiedene Räume meines Gedächtnisses, schaue in jeden Winkel, den ich erreichen kann, und suche nach verborgenen Erinnerungen. Dabei ist mir aufgefallen, dass mein inneres Auge stets eine konkrete Zeitspanne erfasst – die Jahre von 1958 bis 1961, das Alter zwischen vier und sieben. Es sind nur einzelne Episoden, die ich sehe, als öffne sich ein Fenster und schlösse sich nach einer Weile wieder. Diese kurzen Einblicke sind wie Momentaufnahmen – Momentaufnahmen einer längst vergangenen Zeit.
Die Wölfe
Mein Blick zurück reicht bis zu einem gewissen Moment, und ich bin mir fast sicher – dies ist meine allererste Kindheitserinnerung: Ich befinde mich in einem dunklen Zimmer. Aus der offenen Tür dringt spärliches Licht ein, das alles schattenhaft aussehen lässt. Ich liege in der Wiege. Sie schaukelt hin und her, und immer wieder taucht in meinem Blickfeld die Wand mit einem großen Ölgemälde auf, das einen Fluss und ein kleines Mädchen am Ufer darstellt. (Es wurde von wandernden Künstlern auf Leinen angefertigt – das erfuhr ich natürlich viel später – und diente als Wandteppich). An der Wand steht das Bett meiner Eltern. Ob jemand darin liegt, weiß ich nicht, erkenne aber in den Wölbungen auf der Decke mehrere graue Wölfe. Ich habe Angst, dass sie gleich auf mich zukommen und mich auffressen werden, und lasse sie nicht aus den Augen. Ich bin so sehr auf die Wölfe fixiert, dass es mir völlig entgeht, von wem ich gewippt werde, wer an meiner Wiege sitzt.
Dieses innere Bild entstand in dem alten Lehmhaus, in dem ich 1954 geboren wurde und die ersten sieben Lebensjahre verbrachte. Elektrizität gab es im Dorf (und daher auch in unserem Haus) erst 1958.
Das Haus verfügte über zwei Zimmer und eine Küche. Die Küche hatte keinen Belag. Der Fußboden bestand aus fester Erde, die meine Mutter einmal in der Woche mit einem lehmigen Gemisch, dessen Bestandteil auch Kuhmist war, glättete. Danach roch es wieder frisch nach Erde und Heu. Ja, auch wenn es unglaublich klingt – so war es wirklich und der Geruch war sogar ziemlich angenehm.
In den zwei Zimmern befanden sich Schlafplätze für zeitweise acht Personen. Als ich zur Welt kam, war meine älteste Schwester schon verheiratet und aus dem Haus – insgesamt waren wir sieben Kinder –, 1957 kam noch Erna hinzu. Jedes Kind verbrachte die ersten zwei bis drei Jahre in einer Wiege, die noch der Stiefvater meines Vaters gezimmert hatte. Daraus schließe ich, dass diese Erinnerung aus der Zeit stammt, in der ich höchstens drei Jahre alt war, und vermutlich zum Schlafen in die Wiege gelegt wurde.
Großmutters Tod

Oma Margarita mit zwei ihrer vielen Enkelkinder: Berta und LisaZu meinen Großeltern väterlicherseits hatte ich keine enge Beziehung. Wie bereits erwähnt, war Opa auch gar nicht mein richtiger Großvater; der richtige war schon im 1. Weltkrieg gefallen. Wenn ich zu den Großeltern ging, war das ein Besuch wie bei jedem anderen im Dorf, gefühlsmäßig machte es für mich kaum einen Unterschied. (Aber Großmas Hühnersuppe mit selbst gemachten Nudeln … Oh, das war die leckerste Suppe, die ich je gegessen habe, obwohl ich eigentlich Suppen nicht mag).
Auch hatte ich nicht das Glück, meinen Opa Johann mütterlicherseits kennenzulernen: Er war 1937 als Feind des Volkes verhaftet und kurz darauf erschossen worden. Von seiner Hinrichtung erfuhr die Familie erst während der Perestroika-Zeit.
Ich kann mich jedoch noch gut an Oma Margarita erinnern. Sie lebte mit ihrer jüngsten Tochter und Enkelin in einem winzigen Häuschen, in dem die gute Stube sogar noch als Gästezimmer für hohe Besucher der Kolchosleitung diente.
Oma war von sehr gutmütiger Natur und empfing mich immer mit liebevollem Lächeln. Allerdings sehe ich sie im Geiste stets schwer krank im Bett liegend. Wenn ich mich daneben auf einen Stuhl setzte, griff sie sofort unter die Bettstelle, zog einen Karton hervor und holte ein Säckchen heraus. Das war immer ein spannender Moment für mich, und ich schaute voller Erwartung zu, wie sie das Säckchen öffnete und ein paar Bonbons oder ein Konfekt, ein Täfelchen Schokolade oder auch einen großen Apfel hervorzauberte und mir überreichte. Das war wohl auch der Grund, weswegen ich sie so gern besuchte.
Sie starb, als ich sieben war. Mich überraschte damals ihr Tod nicht sonderlich. Ich wusste – Oma war alt und wie alle Alten im Dorf musste sie bald sterben. Das war unabwendbar. Das war der Lauf der Dinge, den ich gut kannte, denn ich hatte schon einige Begräbnisse miterlebt.
Auf Omas Beerdigung war ich schlechter Laune. Ich muss jedoch zugeben: nicht, weil ich um die alte Frau trauerte, sondern weil ich großen Hunger hatte, der sich schmerzhaft in meinen leeren Magen krallte. Ich konnte es kaum erwarten, bis die Trauerfeier vorbei war und wir Kinder (als die Letzten) endlich an den Tisch durften, wo auf uns Ersatzkaffee mit süßen Brötchen wartete. „Küchelchen“ nannte man im Dorf dieses hausgemachte Gebäck, und es gab sie in verschiedenen Ausführungen.
Als ich gesättigt war, besserte sich meine Stimmung schlagartig, und ich kann mich erinnern, wie ich mit den anderen Kindern zwischen den, unterdessen leeren, langen Holzbänken umhertollte.
Was den Tod betrifft, so war ich in diesem Alter noch der festen Überzeugung, dass ich selbst nie sterben werde. Es war ein eigenartiges, unbeschreibliches Gefühl. Sehr, sehr selten überkommt es mich auch im Erwachsenenalter, und dann weiß ich für einen kurzen Moment wieder mit Sicherheit: Ich bin unsterblich …
Aber zum Tod habe ich ohnehin meine eigene, recht persönliche Einstellung.
Beitragsfoto: Ich mit meiner Cousine und ihrem Neffen.


Sehr berührender Einblick in eine Zeit und einen Ort, über den wir hier im Westen sehr wenig wissen. Danke!
Danke auch für dein Interesse! Ja, eine ganz andere Welt, in der ich einmal gelebt habe. Manchmal glaube ich es selbst nicht.