Im Herbst 1936 wurde der junge russische Poet Alexandr Jegorow verhaftet. Er hatte in der Fabrik „Für das sowjetische Kugellager“ (klingt vollkommen bescheuert, ist aber die wörtliche Übersetzung) gearbeitet und gelegentlich lyrische Texte in der fabrikeigenen Zeitung publiziert. Ihm wurde vorgeworfen, seine Gedichte seien pessimistisch, nach Jessenin klingend und ausweglos. Laut Zeugen benahm er sich als Mitglied des Lyrik-Zirkels besonders auffällig, zweifelte daran, dass das Leben „besser und fröhlicher“ wurde, sah unzufrieden aus und reflektierte diese Stimmung in seinen Gedichten.
„Pessimistisch … nicht erlaubt“ weiterlesenSchlagwort: Bessmertnybarak
Nicht im Krieg, nicht in der Dürrezeit …
(aus dem Russischen)
Winter 1932–1933 in Rostow am Don. Ich bin sieben Jahre alt. Immer öfter höre ich das Wort Hunger. Es gibt auch andere neue Wörter: Essensmarke, Bons, Torgsin*. Torgsin ist für mich so etwas wie ein Märchen, ein Schlaraffenland. Mama bringt ihren Ring und ein paar silberne Löffel dorthin. Ich stehe am Schaufenster und sehe Würstchen, schwarzen Kaviar, Süßigkeiten, Schokolade, Törtchen. Ich verlange nicht danach – verstehe ich doch sehr gut, dass meine Mutter das nicht kaufen kann. Aber ich bekomme etwas Reis und ein Stückchen Butter.
„Nicht im Krieg, nicht in der Dürrezeit …“ weiterlesenIm Januar 1938
Die Waffen in den Händen der kühnen Tschekisten, mit denen nicht nur Männer, auch Frauen, Kinder und alte Menschen getötet wurden, kühlten keinen Tag lang ab. Die Vollstrecker, treu dem „Führer aller Nationen“ hatten sie dauernd im Gebrauch. Jeder dieser Tage hat sich für immer als blutiger Fleck in die Geschichte Russlands eingebrannt.
„Im Januar 1938“ weiterlesen

