Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Diese Rosa

In Russland war es ja so: Bevor der zum Militärdienst Eingezogene die Familie verließ, fand eine Abschieds-Feier statt. Die gab es auch für meinen Bruder. Wie allbekannt, trinken die Russen meistens Wodka. Den tranken zwangsläufig auch die Deutschen dieses Landes.

Obwohl unser Vater das Trinken schon in jungen Jahren aufgegeben hatte, sorgte er dafür, dass Alkohol auf dem Tisch nicht fehlte, wenn Besuch da war oder bei solchem Anlass, wie dieser Abschied. Es wäre schöner, mit einem Glas Wein anzustoßen, aber gute Weine waren in Russland nicht zu bekommen, es gab überhaupt selten Wein im Angebot. Also blieb nur der Hochprozentige.

Von der Feier blieb allerdings eine Halbliterflasche unberührt. Vater versprach seinem Sohn: „Diese Flasche öffnen wir, wenn du in drei Jahren wiederkommst“.

Der Wodka verschwand zur Verwahrung in die Speisekammer. Dort wäre er auch geblieben, wäre da nicht wieder diese Rosa gewesen – dieses Mädchen, das verbotene Dinge besonders anzogen.

Mein Bruderherz war längst in der ‚Nordflotte‘, meine Mutter bereits schwerkrank, meine heimliche Liebe unerreichbar, weil auch er den Wehrdienst ableistete; an  einem dieser schrecklichen Wintertage also herrschte draußen die gleiche Kälte wie in meinem Inneren …

Kurzum, ich hatte großen Kummer, der im Zusammenspiel mit der sich anbahnenden Depression immer mehr auf mein Gemüt drückte. Darum war es nicht verwunderlich, dass mir der Gedanke kam, Wodka könne Erleichterung bringen. Natürlich hatte ich mit meinen damals sechzehn Jahren schon Alkohol probiert und seine Wirkung war mir bekannt. So hoffte ich, auch diesmal die Schwere aus meinem Herzen damit herausspülen zu können.

Ich holte die noch ungeöffnete Flasche aus der hintersten Regalecke der Speisekammer und füllte ein Wasserglas. Es schmeckte scheußlich, sorgte aber für eine angenehme Wärme im Magen, und ich trank heroisch fast das ganze Glas aus. Vielleicht hätte ich sogar noch mehr getrunken, aber aus Erfahrung wusste ich – ein paar Tropfen zu viel und ich beginne zu heulen. Das durfte nicht passieren, denn ich hatte an diesem Tag keinen, an dessen Schulter ich mich lehnen und dem ich mein Herz hätte ausschütten können. Also zog ich die Notbremse!

Was aber sollte ich mit dem Rest Wodka machen? Ich überlegte nicht lange, kippte die Flüssigkeit in den Eimer unter dem Waschtisch und schleuderte die leere Flasche draußen in das schneebedeckte Kartoffelfeld hinterm Haus.

Ging es mir danach besser? In gewissem Sinne und im ersten Moment schon. Ich hatte jedoch etwas zu viel des Guten getan, denn meine Schwermut verwandelte sich rasch in eine tiefe Traurigkeit, die ausgeweint werden wollte. Mich irgendwo zu verkriechen ging aber nicht – es war bald Abend und ich musste den Bus nach Moskalenki nehmen, denn am nächsten Tag fing die neue Schulwoche an. Mir blieb nichts anderes übrig, als in den Bus zu steigen und mich in einer Ecke ganz klein zu machen …

Im Frühjahr, beim Bearbeiten des Ackers, fand Vater die leere Wodkaflasche und schöpfte sofort Verdacht, es könne sich um jene handeln, die er in der Vorratskammer deponiert hatte. Tja, den Sohn konnte er nicht beschuldigen und auch ganz bestimmt nicht die dreizehnjährige Erna. Also wer blieb übrig? …

Per Ausschlussverfahren kam er schnell auf die wahre Täterin. Ich gestand meine Schuld mit dem Verteidigungs-Argument, ich hätte mich mit Wodka aufheitern wollen. Als mildernden Umstand fügte ich noch hinzu, ich hätte nur wenig von dem hochprozentigen Zeug getrunken und den Rest weggeschüttet, was ja fast der Wahrheit entsprach.

Bestraft wurde ich nicht. Oder vielleicht doch? Kam es nicht einer Strafe gleich, mir danach bei jeder Gelegenheit diese Story unter die Nase zu reiben und den Gästen auf Feiern als Anekdote zu präsentieren?

Als Jakob aus der Armee entlassen wurde, gab es selbstverständlich eine neue Flasche Wodka, serviert mit der Geschichte darüber, auf welche ‚amüsante‘ Weise die alte verschwunden war.

(Auszug aus meinem Buch „In der sibirischen Kälte“)

Bild von Foundry Co auf Pixabay
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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

8 Kommentare zu „Diese Rosa

  1. Wundervoll. Du hast alles richtig gemacht, bist deinen Emotionen gefolgt. Ich bewundere dich. Jetzt bist du kein junges Mädchen mehr, aber das junge Mädchen lebt noch in dir. Du bist es noch, das spüre ich. Wie gern würd ich dich umarmen .. Lass es dir gut gehen, Sven 🙂

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      1. Bleib dir treu, gegen alle Regeln. Frau muss manchmal ein böses Mädchen sein und ungehorsam, denn nur dann ist sie ein gutes Mädchen. ❤

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  2. Aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich jetzt mit dem nötigen Abstand sagen, das das grösste Problem dabei ist, das man keine Hilfe bei Depression bekommt, da man versucht nach aussen etwas anderen vorzumachen. Erst wenn man selbst nicht weiter weiß, und sich eingesteht, das es ohne Hilfe nicht geht, kann einem geholfen werden. Bis dahin ist aber ein weiter Weg.

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    1. So ist es. Aber mit 16 wusste ich nicht, dass das, wie ich mich fühle, Depression heißt, denn so fühlte ich mich schon als Fünfjährige, nicht dauerhaft natürlich, aber oft genug. Es musste erst zur Panikattacke kommen (da war ich 23) … um zu verstehen, das ich wirklich Hilfe brauche.
      Danke fürs Lesen und liebe Grüße
      Rosa

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