Veröffentlicht in Autobiografie, Kurzgeschichten

Es war einmal in Sibirien – Teil 3

Kurzgeschichte

(Mit Fragmenten aus dem autobiografischen Buch „In der sibirischen Kälte“).

„Also, es war ein schöner sonniger Herbsttag und ich sechs Jahre alt. Mit wem ich auf dem Streifzug durch den großen Garten unterwegs war, kann ich nicht genau sagen, vermutlich mit der damals achtjährigen Mascha. Jedenfalls hatten wir unsere Unterhosen mit Äpfeln gefüllt …“

Julia schaut ihre Oma verdattert an. „Hä?“
Die Großmutter kichert. „Oh, das muss ich dir wohl erklären. Es war nämlich so: In den Sommerkleidchen der kleinen Mädchen befanden sich meist keine Taschen, ihre Schlüpfer hatten dafür längere Hosenbeine mit Gummizug am Rand. Ja, richtig – darin ließ sich wunderbar so einiges verstauen nicht nur Äpfel.“
Julia schüttelt immer noch ungläubig den Kopf, sagt jedoch nichts, und Oma fährt fort: „Wir waren mit unserer Beute sehr zufrieden und befanden uns schon auf dem Rückweg, als ein ungewöhnlicher Apfelbaum meine Aufmerksamkeit erregte. Er war viel niedriger und auch breiter als die anderen, seine Äste – leider ohne Äpfel, wie ich sofort sah – hingen bis zum mit Gras bewachsenen Boden herunter. Obwohl wir uns beeilen mussten, konnte ich meiner Neugier nicht widerstehen: Ich schob die Äste beiseite und kroch unter den Baum, weil ich hoffte, darunter vielleicht doch noch ein paar Fallfrüchte zu finden. Und tatsächlich, da lag er – ein Apfel! Ja, kein Äpfelchen, sondern ein richtiger Apfel, fast so groß, wie einer von diesen, die es manchmal im Dorfladen zu kaufen gab. Meine Augen wurden vor lauter Freude und Staunen wahrscheinlich ebenso groß wie der Apfel. Ich schnappte ihn mir, erhob mich … und da hörte ich auch schon das wütende Geschrei des Wächters, der gerade seine Runde drehte, und die Geräusche seiner großen Rassel, die er zur Abschreckung der gierigen Vögel und der Diebe benutzte.
Mascha und ich rannten los, hinaus aus dem Obstgarten und über den Graben hinweg, der ihn von allen Seiten umschloss. Obwohl er nicht besonders tief war und zum Glück trocken, stellte er doch ein gewisses Hindernis für ein Kind dar, und – wie konnte es anders sein? – ich stolperte und stürzte kopfüber in die Senke. Mir wurde schwarz vor Augen. Meine Begleiterin schrie panisch: „Schnell, schnell!“ Sie ließ mich nicht im Stich, reichte mir ihre Hand, zog mich empor und wir setzten unsere Flucht fort …“
Oma macht eine Pause und Julia blickt sie erwartungsvoll an.
Die Großmutter kann die unausgesprochene Frage in den Augen des Mädchens lesen und versichert: „Nein, der Wächter hat uns nicht eingeholt, aber ich nahm ihm die Sache ziemlich übel, vor allem, weil er mein Stiefgroßvater war. Er hätte seine Enkeltochter nicht so jagen dürfen. Das Schlimmste jedoch war – ich verlor im Graben den schönen, großen und den bestimmt leckersten Apfel der Welt und dem trauerte die kleine Rosa besonders lange nach.“
„Ach, Oma, du hattest als Kind eine Menge Pech – bist fast im Boden versunken und hast einen Riesen-Apfel verloren.“
„Ja, aber das Schöne ist doch – ich habe diese Erlebnisse in guter Erinnerung behalten, und nun kann ich auch dir davon erzählen.“
„Das stimmt. Hast du noch mehr solcher Geschichten im Kopf?“
Die Großmutter schmunzelt. „Da wird sich bestimmt noch etwas aus den Tiefen der Zeit heraus zaubern lassen, aber darüber reden wir nächstes Mal. Du wirst sicher gleich abgeholt.“
Wie aufs Stichwort klingelt es an der Tür.
„Ich mache auf! Das ist Papa!“ Julia läuft in den Flur und ist ganz aufgeregt. In Gedanken legt sie schon zurecht, was sie alles ihren Eltern erzählen wird – über Sibirien, über die so unglaublich alten Zeiten und vor allem über die kleine Rosa.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

2 Kommentare zu „Es war einmal in Sibirien – Teil 3

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