Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Lawes – das kleine Wunder – Teil 2

Kurzgeschichte

(Für Mikel)

*An dieser Stelle muss ich nun meinen Bruder Keri ins Spiel bringen, denn sein Name stand unter dem ersten erschreckenden Bericht über Lawes.

Keri war sehr aufgeregt, als er sich im Beobachtungsraum in den bequemen Sessel vor den großen Bildschirm setzte. Ab jetzt gehörte es zu seinen Aufgaben, die unbekannte Welt da draußen zu ergründen. Draußen – ein vager Begriff! Draußen war mit keinem Maßstab zu messen.

Man wusste nicht, ob und wie Ereignisse, die auf Lawes stattfanden, auf Jalmes eintrafen – zeitgleich oder zeitversetzt. Lediglich dies war bekannt: Der Planet befand sich in einer fremden Galaxie, in einer von unendlich vielen.
Keri betätigte eine Reihe Tasten am Pult. Der große Bildschirm leuchtete auf, um dann nach einer Weile in voller Pracht eine schöne blaue Kugel hervorzuheben – Lawes. Er war fasziniert von dem atemberaubenden Anblick und zoomte den Planeten langsam heran, bis er nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Gestalten auf den Straßen ausmachen konnte.
Auf diese Weise geriet er an den Strand eines Meeres und dort an viele Lawesi. Aber was machten die da? Einige lagen halb angezogen und bewegungslos auf Gestellen und Tüchern, die anderen befanden sich im Wasser und schwammen, Kinder tobten und spielten im Sand. Worin bestand der Grund dieser Übungen?
Auf Jalmes ging man am Strand spazieren, bewunderte den Sonnenuntergang, Liebespaare trafen sich dort nachts und traditionell wurde jährlich am Meer das große Wasserfest veranstaltet. Keinem kam allerdings hier in den Sinn, in einem Gewässer zu baden. Früher ging man ins Wasser, um zum Beispiel ans andere Ufer eines Flusses zu gelangen. Aber das lag weit, weit in der Vergangenheit, in der es noch keine Wasserfahrzeuge gegeben hatte.
In der Gegenwart waren spezielle Einrichtungen geschaffen worden, in denen man schwimmen, spielen und Spaß haben konnte.
Mein Bruder fand keine Zeit, weiter über dieses Problem zu sinnieren, denn plötzlich wurde er auf etwas aufmerksam, das ihn erschauern ließ. Eine gigantische Welle rollte auf den Strand zu. Er sprang auf, um – einem ersten Impuls folgend – die am Ufer Versammelten vor der Gefahr zu warnen. Das war natürlich völlig unmöglich. Mit hilflosem Entsetzen musste er zusehen, was sich in einer weit entfernten Welt abspielte … Oder sich schon abgespielt hatte? … Oder sich erst ereignen würde? … Es änderte nichts.

Keris Bericht und die gespeicherten Bilder dieser Katastrophe erreichten alle Jalmesi und schockte sie zutiefst.
Warum, fragten wir uns, warum konnte so etwas passieren? Warum waren die Lawesi gerade dort versammelt, wo sich eine Naturkatastrophe anbahnte? Das erschien uns irrsinnig. Wir auf Jalmes haben schon vor langer Zeit einen Weg gefunden, solch schrecklichen Ereignissen vorzubeugen. Wir entwickelten eine Technik, die es uns ermöglicht, Naturkatastrophen rechtzeitig vorauszusagen und uns alle in Sicherheit zu bringen.
Warum gab es das auf Lawes nicht?
Fragen über Fragen stellten sich die Beobachter und Gelehrten, stellten wir uns alle.
Es dauerte nicht lange, da fanden wir auch die Antworten.
Wir entdeckten etwas, das uns in der doch relativ kurzen Beobachtungszeit völlig entgangen war. Weil wir es nicht für möglich gehalten hatten, weil unser für derartige Dinge ungeübtes Auge es übersah, weil es uns zu fremd war! Wir fanden heraus, dass einige Bewohner des fernen Planeten gewalttätige, rücksichtslose, bösartige Geschöpfe sein mussten. Es schien, als seien sie irrtümlich mit Intelligenz ausgestattete Raubtiere.
Bestimmte Gruppen brachten aus uns unersichtlichen Gründen andere gegeneinander auf und lösten furchtbare Kämpfe aus, in denen Hunderttausende getötet und ganze Gebiete des Planeten vernichtet wurden. Für dieses Abschlachten wurden Maschinen und Gerätschaften gebaut, die nur einem Ziel dienten, das kostbarste Gut des Universums, das Leben, auszulöschen.
Warum? W-a-r-u-m?
Auf diese Frage gab es für uns nur eine Antwort: Viele dieser Lawesi waren boshafte Kreaturen und offenbar gerade jene, die auf Lawes etwas zu sagen hatten. Statt nach Problemlösungen zu suchen, statt Wege zu finden, um Leben besser zu schützen, statt sich für alle Lawesi einzusetzen, dienten ihre Handlungen ausschließlich eigenen niederen Beweggründen und Wünschen. Ein fremdes Leben hatte keine Bedeutung für sie.
Dies war eine schockierende Erkenntnis für unser Volk. Auf Jalmes ist jedes Leben in seiner Einzigartigkeit der wunderbarste, der kostbarste Schatz. Es zu erhalten besitzt höchste Priorität.
Wir haben es geschafft, ein Alter von fast zweihundert Jahren zu erreichen. Wir haben die Krankheiten besiegt und gelernt, mit den Gaben der Natur maßvoll umzugehen. Natürlich muss auch ein Jalmesi irgendwann sterben, aber er sieht dem Tod gelassen entgegen, denn er weiß – der Tod ist nicht das Ende. Er weiß – den frei gewordenen Platz wird ein neues Leben einnehmen und somit gibt es in Wirklichkeit kein Lebensende. Wir sind glücklich – alle gemeinsam und jeder für sich.
Und was taten dagegen die Menschen? …
Ja, mit der Zeit gelang es unseren Wissenschaftlern, einige Sprachen der Lawesi anhand öffentlich erreichbarer Texte zu untersuchen, ihre Begriffe mit den unseren zu vergleichen, und aus diesen Mustern ihre Sprache zu entwickeln.
Wir wissen jetzt, dass sie sich selbst als Menschen bezeichneten und ihren Planeten Erde nannten. Wir konnten sie nicht hören, aber unsere Forscher arbeiteten an der Lösung dieses Problems.
Jetzt wissen wir auch, dass die Menschen in der Lage sind, einander schlimme Schmerzen zuzufügen und abscheuliche Gräueltaten zu begehen. Wir waren Zeugen so manch eines qualvollen Todes, ob nun in der Gegenwart, der Vergangenheit oder in der Zukunft, ist dabei unerheblich.
Gleichwohl erkannten wir auch die positiven Eigenschaften der Erdenbewohner. Wir sahen sie einander beschützen, erlebten ihren liebevollen Umgang mit Partnern und Kindern und ihre Hilfsbereitschaft anderen gegenüber, verfolgten mit Freude ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit.
Aber die guten Taten der Weisen reichten nicht aus, um die Untaten der Bösen auszugleichen, die mit den atomaren Kräften wie mit Bällen spielten. Wir erkannten – die Erde würde untergehen, denn die Natur missbraucht man nicht ungestraft.
Und es kam – das Unvermeidliche.
Auch diesmal war mein Bruder derjenige, der die Katastrophe zuerst mitansehen musste.

Fortsetzung folgt

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

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