Außer Aneta habe ich nur noch zu meiner jüngsten Schwester Kontakt. Die zwei älteren (noch lebenden) Geschwister wollen von mir nichts mehr wissen. Aus Gründen. Was sie auch über mich denken und sich zurechtlegen – ich habe keinen Einfluss darauf, vor allem, da sie nicht im Geringsten an dem interessiert sind, was ich zu sagen habe. Also lasse ich sie gewähren.
„Wenn du noch da bist“ weiterlesenSchlagwort: Besuch
Aneta
Mit meiner Schwester Aneta, die in Berlin im Pflegeheim lebt, telefoniere ich jeden Tag, oft sogar mehrmals am Tag. Letzte Zeit ist das etwas schwieriger geworden. Ich weiß nicht, ob es an beginnender Demenz liegt oder vielleicht etwas anderem, aber sie hat es fast vollständig verlernt, mit dem Telefon umzugehen, und schafft es noch gerade so, ihren Sohn, mich oder die anderen Geschwister anzurufen. Immer wieder beklagt sie sich über das „blöde Smartphone“, das, wie sie meint, nicht mehr richtig funktioniert oder gar kaputt ist. Wenn ich versuche, ihr beizubringen, wie dies und jenes geht, was sie machen soll, versteht sie es nicht oder macht es falsch. Sie hat im Zimmer auch ein Festnetztelefon, aber die Nummer darauf zu wählen, ist für sie, glaube ich, noch komplizierter. Erstens hat sie Probleme, die gewünschte Nummer aus ihrem Notizbuch herauszusuchen, zweitens – falls sie sich verdrückt, weiß sie nicht mehr weiter, nicht einmal, dass sie dann den Hörer auflegen, wieder aufnehmen und von vorn anfangen muss.
„Aneta“ weiterlesenGestrandet
„Du hast schon lange nichts in deinem Blog geschrieben“, sagte meine Frau neulich, „und auch gar nicht von dem Tag erzählt, an dem wir statt zu Hause unvorhergesehen ganz woanders gelandet sind.“
Stimmt, habe ich versäumt. Dann ist es wohl höchste Zeit, das nachzuholen.
„Gestrandet“ weiterlesenLicht am Ende des Tunnels?
Wir sind wieder zurück aus Berlin, wo wir meine Schwester im Krankenhaus besucht haben. Die Atmosphäre in der Psychiatrie war sehr bedrückend. Weil in der offenen Station kein Bett frei war, befindet sich Aneta in der geschlossenen, und zurzeit ist da auch noch Corona ausgebrochen. Das heißt: Die Patientinnen und Patienten dürfen ihre Zimmer nicht verlassen, werden, sobald sie hinausgehen, wieder zurückgescheucht, und müssen Masken tragen. Also, doppelt und dreifach eingesperrt. Aber wir konnten sie besuchen, wenn auch mit Mundschutz, und sie hat sich sehr darüber gefreut.
„Licht am Ende des Tunnels?“ weiterlesenDamit muss ich leben
Man schreibt mir zu, eine starke und mutige Frau zu sein. Ich selbst würde sagen, dass ich auf jeden Fall kämpferisch bin und nicht so leicht aufgebe. Und doch sitzen so manche Ängste in mir, die sich nicht austreiben lassen. Einige davon sind auf den ersten Blick kaum zu erklären. Dazu gehört die Furcht vor der Dunkelheit, davor, nachts allein schlafen zu müssen. Sie begleitet mich schon seit jungen Jahren, aber ich denke, in Wirklichkeit seit meiner Kindheit. Bloß als Kind konnte ich sie nicht wahrnehmen, da es in der großen Familie praktisch nie dazu kam, dass ich allein im Haus war.
„Damit muss ich leben“ weiterlesenEs bleibt verborgen oder Corona kennt keine Weihnachten
Meine Frau hat es erwischt – das Corona-Virus. Es kam wie angeflogen abends am 23. Dezember, mit den üblichen, bekannten Symptomen. Der Test am Tag danach hat es bestätigt – Covid-19 hat zugeschlagen. Corona kennt eben keine Weihnachten. Alle Feierlichkeiten sind nun gecancelt, Heiligabend bei Freundinnen fällt aus, Familientreffen beiderseits an folgenden Tagen finden auch nicht statt.
Etwas Gutes hat das Ganze. Meine Angst ist weg – diese panische Unruhe, die ich alljährlich im Dezember verspüre und die verschwindet, sobald meine Lieben sich alle bei uns versammelt haben. Dieses Mal hat sich die Panik im selben Moment verflüchtigt, als mir klar wurde, dass der Besuch ausbleibt. Das stärkt meinen Verdacht, dass ich als Kind an so einem Tag des Familientreffens etwas Schlimmes erlebt haben muss. Was es war, gibt allerdings das Unterbewusstsein mir weiterhin nicht frei. Es bleibt verborgen und ich kann nur mutmaßen.
Ja, ich bin trotzdem traurig und bedauere, dass Weihnachten ausfällt, aber das belastet mich bei Weitem nicht so sehr wie diese dunkle undefinierbare Furcht.
Fürwahr – die Psyche des Menschen ist unergründlich.
PS: Meiner Frau geht es heute schon etwas besser, aber die Kraft fehlt ihr. Mich hat das Virus bis jetzt nicht angegriffen. Ich hoffe – es bleibt so.

