Veröffentlicht in Menschsein, Persönliches

Mensch sein

Aus den alten Notizen von 2011

Die Enkelkinder Mikel (zehn Jahre alt) und Julia (vier) waren übers Wochenende bei uns. Wir hatten wieder viel Spaß mit den beiden, obwohl es auch anstrengend war – das Oma-Alter macht sich doch bemerkbar.

Unter allen anderen Beschäftigungen sahen wir uns den Zeichentrickfilm „Sammys Abenteuer“ an. In dem Film geht es um eine Schildkröte und den Begegnungen auf ihrem Lebensweg, auch mit Menschen – guten ebenso wie bösen. Danach führten Mikel, der sich schon von klein auf für alle möglichen Themen interessierte, und ich ein anregendes Gespräch über Menschen und ihre Taten. Julia spielte auf dem Boden. Plötzlich sah sie zu uns auf und verkündete: „Ich bin aber kein Mensch!“ Mikel lachte: „Doch, Julia! Wir alle sind Menschen, also bist du auch einer“. Sie verzog das Gesicht: „Nein – bin ich nicht! Ich bin Julia!“ Dann lief sie ins Arbeitszimmer zu Dagmar: „Daggi, ich will kein Mensch sein!“ Dagmar kam mit der weinenden Julia auf dem Arm zu uns und wir drei mussten der Kleinen erst einmal versichern, dass wenn sie kein Mensch sein will, muss sie es auch nicht. Dann ist sie eben einfach Julia. Das hat sie wieder beruhigt.

Diese kleine Episode machte mich nachdenklich. Warum will Julia kein Mensch sein? Verbindet sie, nach im Film gesehenem und aus dem Gespräch aufgeschnapptem, den Menschen mit etwas Bösem? Oder ist es einfach nur das Wort, das für sie unheimlich klingt? Ich erinnere mich: als ich noch klein war (aber wirklich gaaanz klein 😉 ), hatten manche Wörter für mich auch eine einzigartige Bedeutung. Zum Beispiel das Wort „Heiraten“… Ihr werdet lachen – ich weiß, aber ich sag’s trotzdem. Ich stellte mir unter „Heiraten“ Folgendes vor. Man nehme ein Fahrrad, setze es mit den Rädern nach oben, drehe das Pedal mit der Hand und beobachte, wie die Räder surrend und in der Sonne blinkend immer schneller kreisen. Das war „Heiraten“ für mich – so lange, bis ich begriff, was es in Wirklichkeit bedeutet. 😀

Ich hätte da noch ein paar andere Beispiele aus meiner Kindheit, aber die behalte ich doch lieber für mich. 😉

Notiert im April 2011

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

2 Kommentare zu „Mensch sein

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