Veröffentlicht in Persönliches

Der neue Durchblick

Nun habe ich in meinem rechten Auge eine künstliche Linse. Die von Natur bestimmte hat leider ausgedient und gab mir die Umgebung nicht mehr in aller Pracht wider. Das tat sie (zusammen mit der linken, versteht sich), eigentlich noch nie richtig – wegen der angeborenen Hornhautverkrümmung (Astigmatismus). Ich hätte schon als Kind eine Brille tragen müssen. Aber wen interessierte es damals sonderlich, ob ein Kind gut oder nicht so gut sehen kann? Also kam ich in den Genuss einer wirklich passenden Sehhilfe erst in Deutschland. Aber auch damit erreichte ich bloß 70 % der normalen Sehkraft, gerade so viel, um den Führerschein zu bekommen.

Wie es war

Vor der Operation hatte ich doch ein bisschen Bammel. Als ich das Vorzimmer im OP-Bereich betrat, saßen da schon zwei gut gelaunte, frisch operierte PatientInnen mit den Augenklappen und warteten auf die Abholung von ihren Begleitpersonen. Ein Herr war noch vor mir dran. Ich bekam viermal in gewissem zeitlichem Abstand vier verschiedene Tropfen ins Auge. Bevor es in den OP-Bereich ging, musste ich mich umziehen – in mitgebrachte Hauskleidung, durfte mich dann in einen Sessel setzen und mir wurde die Manschette vom Blutdruckmessegerät am rechten Arm und ein intravenöser Zugang am linken Arm angelegt. Man hat mir erklärt, dass ich gleich ein Medikament verabreicht bekomme, sodass ich bis zum Eingriff schlafen werde, während des Eingriffs jedoch wach bleibe. Während ich auf weitere Handlungen wartete, hörte ich das Schnarchen des Patienten vor mir – der schlief bereits tief und fest. Um 12.00 Uhr wurde ich auf einen Liegesessel verfrachtet und da kam auch schon die Spritze zum Einsatz. Ich spürte einen leichten Schwindel, machte die Augen zu und dachte im nächsten Moment: Warum schlafe ich denn nicht ein? Ich öffnete die Augen wieder und sah die Uhr an der Wand – sie zeigte 12.30. Also doch eine halbe Stunde geschaffen. (Ich nehme an, dass das so praktiziert wird, um den Körper und vor allem das Auge vor dem Eingriff zu entspannen). Ich war auch wirklich die Ruhe selbst, für mich – muss ich zugeben – ziemlich ungewöhnlich. Dann wurde die Liege in einen kühlen Raum geschoben, mein Gesicht mit einem Riesenpflaster abgedeckt, das richtig an der Haut klebte (klar – um nicht zu verrutschen), die Haut um das rechte Auge mit Jod bepinselt. Und los ging es.

Ich nahm das Ganze völlig gelassen hin. Unter dem Mikroskop konnte mein Auge bloß einen blauen Dunst und mittendrin zwei helle Lichtquellen ausmachen. Das Licht kam näher, entfernte sich, kam wieder näher, gelegentlich konnte ich in beiden Augenwinkeln Finger wahrnehmen, die scharfe Instrumente hielten, spürte jedoch nicht den leisesten Schmerz. Nach gefühlten zehn-fünfzehn Minuten war alles vorbei. Man versetzte mir eine Augenklappe und begleitete mich hinaus ins Vorzimmer. Ein wenig wackelig auf den Beinen war ich schon. Nach ein paar Minuten rief ich meine Frau an und um 14.00 Uhr war ich wieder in den eigenen vier Wänden. Alles in allem hat es drei Stunden gedauert.

Am Freitag bei der Kontrolle nahm man mir die Augenklappe ab. Das Auge war erst einmal geblendet von plötzlicher Helligkeit. Ich sah ziemlich verschwommen und das Licht flackerte immer wieder, wie es manchmal der Bildschirm macht, und für den Rest des Tages musste ich die Sonnenbrille aufsetzen – so grell fühlte sich das Tageslicht an. Am nächsten Tag ging es schon ohne Lichtschutz, auch das Sehen hat sich stabilisiert und verschärft. Es ist wahrlich ein großer Unterschied zwischen davor und danach. Als ob ein grauer Schleier abgezogen wäre – heißt es ja nicht umsonst „Der graue Star“.

Jetzt muss ich – nach ausgehändigtem Tropfplan – regelmäßig Augentropfen fünf Wochen lang nehmen, darf aber schon lesen und schreiben, bloß nichts Schweres heben und mich nicht bücken. Und ich muss zusehen, wie ich mit der Brille, die mir sowieso nicht mehr passt, zurechtkomme. Das rechte Auge will sie nicht haben, aber ohne sie kann das linke nicht lesen. Aber in Zusammenarbeit geht es einigermaßen. Das Fernsehen klappt allerdings ohne Brille viel besser.

Am 19. September habe ich den Termin fürs linke Auge. Dem Tag sehe ich ganz gelassen entgegen, weiß ich doch jetzt, wie es läuft.

Meine erste Brille in Deutschland, 1993

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

18 Kommentare zu „Der neue Durchblick

  1. Schön, dass Du eine gute Erfahrung ‚abspeichern‘ konntest und Du nun dem nächsten Termin hoffentlich voller Optimismus und Vorfreude auf ein besseres Seh-Erlebnis entgegenblicken kannst! Weiterhin gute Besserung!

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  2. Es ist lange her, aber ich erinnere mich, als Kind am rechten Auge operiert worden zu sein – da habe ich auch beduselt, aber wach durch die andere Seite des Mikroskops geschaut ;o).

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      1. Na das ging aber schnell!
        Ich bin echt überrascht.
        Danke für deinen detaillierten Bericht. Kann sein, dass ich meine Aussage bei der Augenärztin überdenke. Sie war entsetzt, als ich den OP Termin ausschlug mit dem Bekenntnis: „Ich habe mir vorgenommen, dass ich mir den Grauen Star niemals in meinem Leben operieren lasse.“
        Ich bin ein entsetzlicher Scheißhase, aber, liebe Rosa, das klingt ja doch nicht so unmenschlich.
        Ich freue mich jedenfalls für dich! Toll gemacht!

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      2. Liebe Elsa,
        danke dir!
        Ich möchte dir noch einmal versichern – es war wirklich nicht schlimm, ich hatte überhaupt keine Angst und keine Schmerzen, auch danach nicht. Und man kann sich auch eine Vollnarkose geben lassen, aber meiner Meinung nach ist sie unnötig.
        „Ich habe mir vorgenommen, dass ich mir den Grauen Star niemals in meinem Leben operieren lasse.“ Das klingt nicht gut. Ich will ja nicht belehrend wirken, aber es kann sein, dass du eines Tages erblindest. Oder du entscheidest dich zu spät für die OP. Vielleicht doch sprichwörtlich – Augen zu (oder besser: auf) und durch? 😃 Trau dich!
        Herzliche Grüße
        Rosa
        PS: Ein Angsthase bin ich im gewissen Sinne auch. 😉

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  3. Tja, liebe Rosa, gestern wurde ich auch operiert, aber bei mir ist es schon das 2. Auge und ich kannte den Ablauf. Und doch war ich sehr aufgeregt, ist mein Blutdruck doch sowieso nur mit Medis ein guter. Er stieg und wurde beruhigt 🙂
    Die erste OP fand ich problemloser. Diesmal bibberte ich viel mehr und war heilfroh, als ich die Praxis wieder verlassen konnte.

    Die Nachuntersuchung machte meine Augenärztin heute morgen und war sehr angetan vom Ergebnis . Die Augenabdeckung kam ja ab und ich fühlte mich wieder einigermaßen menschlich.
    Nun wird fleißig geträufelt und nach zwei Wochen brauche ich nur noch meine Pflegegtropfen, juchhu

    Lieber Gruß von Bruni an Dich

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    1. Liebe Bruni,
      dann wurden wir ja fast gleichzeitig operiert. Meine 2. OP war am Montag. Diesmal habe ich alles drumherum mitbekommen und ich spürte leichte Schmerzen. Wahrscheinlich war die Anästhesie nicht ausreichend, denn ich habe auch nicht geschlafen, wie vor der ersten OP. Aber jetzt ist es überstanden. Das linke Auge sieht besser als das rechte, aber zum Weitsehen werde ich eine Brille benötigen. Lesen kann ich jetzt problemlos ohne – das ist ausgezeichnet. Ich muss übrigens 5 Wochen tropfen, aber mit jeder Woche reduziert sich die tägliche Dosis.
      Habe im linken, zuletzt operierten Auge, einen Bluterguss und merke am Rande einen dunklen Schatten, aber das Internet sagt mir – beides nicht schlimm, reguliert sich mit der Zeit.
      Dann wünschen wir uns doch weiterhin einen guten Durchblick!
      Herzliche Grüße 💗
      Rosa

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      1. Und meine OP war Dienstag 😉
        Welch ein Zufall, liebe Rosa .
        Mein linkes, frisch operiertes Auge, ist noch leicht gerötet und eine Woche lang wird 4x am Tag mit einem Antibiotikum geträufelt und zusätzlichen Pflegetropfen. In der 2. Woche wird nur noch zweimal am Tag geträufelt.

        Es gibt scheinbar viele kleine Unterschiede, aber letztendlich zählt ja nur das gute Ergebnis und das werden wir alle beide sicherlich hoffentlich haben, liebe Rosa❗️🙋‍♀️

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