Das waren noch Zeiten, damals 1996! Keine Online-Datings, keine Internet-Chats, keine WhatsApp, kein Messenger-Dienst. Wolltest du jemanden kennenlernen, musstest du raus in die echte Welt. Du hast gehofft, dass dir jemand über den Weg läuft, der dich ansieht, wahrnimmt, Interesse zeigt, und den du zumindest erst einmal sympathisch findest. Oder du hast versucht, Anschluss an eine Interessengruppe zu finden. Mit etwas Glück konnte daraus eine Beziehung entstehen. Und wenn alles nichts half, blieb nur der letzte Weg: eine Annonce in der Zeitung. In meinem Fall in der Rubrik „Sie sucht sie“.
„Wenn Du Dich nach Liebe und Geborgenheit sehnst, mitfühlen, zuhören und verstehen kannst, zärtlich, offen und ehrlich bist und dasselbe von mir (42, 156) erwartest; wenn Du einsam bist und das Gefühl hast, hinter diesen Zeilen versteckt sich die Frau, die Du suchst … dann geh doch einfach Deinem Gefühl nach! Raum MK/Umgebung. Chiffre: 0196120326“
Eine 40-jährige Frau in Dortmund las diese Zeilen und fühlte sich auf seltsame Weise angesprochen. Ja, warum auch nicht? Sie lächelte in sich hinein. Warum sollte sie ihrem Gefühl nicht nachgehen? Sie tat es. Ohne lange zu überlegen, verfasste sie ein kurzes Schreiben an die angegebene Chiffre.
Der Anruf kam, als sie sich nach dem langen Arbeitstag gerade ein Bad gönnte. Sie griff nach dem Telefon, das sie vorsorglich in der Nähe platziert hatte. Eine Frau meldete sich und sagte, sie habe ihre Zuschrift erhalten. Die Stimme klang angenehm, aber den fremden Akzent hörte die Dortmunderin sofort heraus und verzog das Gesicht – eine Ausländerin. Eigentlich wollte sie nie wieder etwas mit einer Ausländerin zu tun haben. Nicht, dass sie fremdenfeindlich war, aber … sie hatte ihre Gründe.
Sie bat die Unbekannte, eine Viertelstunde später nochmals anzurufen, da sie gerade in der Badewanne säße, legte den Hörer auf dem Wannenrand ab, erhob sich, um auszusteigen. Da bewegte sich der Telefonhörer plötzlich und rutschte mit leisem Plätschern unter den Schaum. Das Herz der Frau machte einen Satz und rutschte mit. Ihre Hand schnellte hinter dem Hörer her, natürlich viel zu spät. Fluchend fischte sie ihn aus den nassen Tiefen und hielt ihn in die Höhe. Wasser tropfte aus allen Ritzen. Es war offensichtlich – damit würde sie keinen Anruf mehr entgegennehmen können. Dennoch wollte sie es versuchen und holte den Haartrockner heraus …
Die Aktion brachte keinen Erfolg. Es ertönte zwar das Freizeichen und es klingelte auch, aber nur Meeresrauschen kam der Frau aus dem Hörer entgegen. Ihr „Hallo, hallo!“ blieb ohne Antwort, und so legte sie wieder auf. Auch beim neuerlichen Annehmen des Anrufes blieb das Telefon beharrlich stumm. Frustriert warf sie das unbrauchbare Gerät in die Ecke und überlegte, was sie jetzt tun sollte.Am anderen Ende der Leitung saß ich und starrte ungläubig das Telefon an. Was war denn das gerade? Erst die freundliche und spürbar neugierige Stimme, die mich bat, etwas später nochmals anzurufen, und dann wurde zweimal nach dem Abnehmen wortlos wieder aufgelegt? Hatte die Frau es sich so schnell anders überlegt?
„Die kann mich doch mal!“ Ich war verärgert, ich war wütend, allerdings nicht lange, schließlich hatte ich ja noch ein paar Briefe zu beantworten und Anrufe zu tätigen.Die Dortmunderin zerbrach sich indes den Kopf. Die Sache entwickelte sich für sie zu einer persönlichen Herausforderung, die es zu meistern galt. Zu dumm, dass sie nicht sofort nach der Nummer der Anruferin gefragt hatte. Nun war es zu spät und es half auch nicht, das zu bedauern. Aber vielleicht … vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, sich wenigstens bei ihr zu entschuldigen.
Zwei Tage später entdeckte ich zwischen den neuen Zuschriften einen Brief, dessen Inhalt mich zum Schmunzeln brachte:
„Dortmund, 12.12.1996
Hallo Unbekannte,
ruf’ mich bitte noch mal an – mein Telefon war defekt.
Ich bin ab 20.30 Uhr erreichbar; wenn ich nicht zu Hause sein sollte, hinterlass bitte Deine Telefonnummer auf dem Anrufbeantworter, ich rufe dann zurück.Bis bald!
Dagmar.“Aha, das war also die Erklärung für das merkwürdige Verhalten und das nicht zustande gekommene Telefongespräch! Nun wählte ich neugierig und gespannt die mitgeteilte Nummer noch einmal.
Wir machten ein Rendezvous aus. …„In der sibirischen Kälte“, Auszug aus dem Kapitel „Die Frau an meiner Seite“.

Damit hatte ich GlückMeine Frau bewahrt diesen kleinen, von mir liebevoll eingerahmten und laminierten Schnipsel bis heute in ihrer Brieftasche auf – seit mittlerweile 28 Jahren. Ich wünsche ihr und mir, dass er dort noch viele Jahre, vielleicht sogar für immer, bleiben möge.
Beitragsbild: Fragmente aus der Einladungskarte für unsere Hochzeitsfeier.


so habt ihr euch kennen gelernt, da hat sich etwas wunderbar gefügt…
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