Veröffentlicht in Übersetzung, Memorial

Im Januar 1938

Die Waffen in den Händen der kühnen Tschekisten, mit denen nicht nur Männer, auch Frauen, Kinder und alte Menschen getötet wurden, kühlten keinen Tag lang ab. Die Vollstrecker, treu dem „Führer aller Nationen“ hatten sie dauernd im Gebrauch. Jeder dieser Tage hat sich für immer als blutiger Fleck in die Geschichte Russlands eingebrannt.

Man kann es kaum begreifen, man will es vielleicht nicht glauben, aber es ist die Wahrheit, auch wenn sie einem nicht enden wollenden Albtraum gleicht. Aus einem Albtraum kann man aufwachen – aus diesem konnte man nicht. In diesem wurde man qualvoll vernichtet.

Januar 1938. Die Massenoperation gegen die Kulaken („reiche“ Bauern) ist immer noch im Gange, denn der vorgegebene Plan soll nicht nur erfüllt, sondern auch übertroffen werden. Aber außer den Bauern gibt es noch so viele andere „Feinde“ und „Verräter“, die auf ihre Strafe warten. Die Henker haben alle Hände voll zu tun.
Der älteste der Hingerichteten war 101 Jahr alt … Stepan Kazülin – „ein wandernder Mönch“, wie es in seinem Fall geschrieben steht, mittellos, ohne Dach über dem Kopf, wird plötzlich zum Feind. Vier Tage später wird ein anderer GeistlicherWasilij Zelenskijin Samara ermordet – er war 91 Jahre alt. Am nächsten Tag wird dem 90 Jahre alten Kuzma Jagodinskij auf der Krim in den Hinterkopf geschossen, weil er eine Veranstaltung der Kommunisten ignoriert und andere ebenso dazu aufgefordert haben soll. In Tomsk wird an Weihnachten [in Russland im Januar] der 87-jährige Bestatter hingerichtet; er liegt in irgendeiner Massengrube ohne Sarg, obwohl er sein halbes Leben lang selbst Särge hergestellt hat. In Kabardino-Balkarien wird der 86-jährige „Kulak“ (bereits dreimal enteignet) getötet, „weil er die staatliche Auflage nicht erfüllt hat“, und außerdem hat er es gewagt, einem Kommunisten ins Gesicht zu sagen, was er vom sowjetischen Regime hält …

Hingerichtet … Hingerichtet … Hingerichtet …
Frauen, Kinder, Jugendliche, alte Leute, Männer, Arbeiter, Wissenschaftler, Lehrer, Ingenieure.
„Wen könnte ich denn noch töten?“, fragt sich so ein aufstrebender, mutiger Tschekist im Gebiet Swerdlowsk. „Ha, da habe ich doch eine Akte auf dem Tisch, 16 Jahre alt und schon eine Verräterin.“ Ja, Nadja war erst 16, aber der KGB-Mann wollte unbedingt sehen, wie so ein junges Mädchen stirbt.
In Sandarmoch wird ein 16-jähriger Junge bei seiner Flucht aus der Zone, erwischt. Auch er muss zum Schießgraben gehen. Der gleichaltrige Ivan wird am selben Tag in Slavgorod hingerichtet, er soll ein „Spion“ gewesen sein, der „geheime Daten über die Bewegung der Kuhherde an die Feinde der Sowjets weitergegeben hat.“
Das sind nur ein paar Namen der 35742 ermordeten – im Januar 1938. In einem Monat!
Die Hinrichtungen nehmen kein Ende; jeden Tag, jeden Morgen, jeden Montag bis Sonntag wird Leben ausgelöscht. Bis heute ist niemand dafür zur Verantwortung gezogen. Auch jetzt reißen die KGB-Offiziere immer wieder ihre Mäuler auf, um diese Morde als Notwendigkeit zu bezeichnen. Notwendigkeit???

Die Vergangenheit zu ändern, liegt nicht in unserer Macht.
Aber wir sind verpflichtet, alles zu tun, um den Opfern ihren ehrlichen Namen zurückzugeben, Gerechtigkeit wiederherzustellen und Wiederholungen zu verhindern.

Das Projekt Bessmertny barak ist eine Erinnerung und Warnung an uns und alle nachfolgenden Generationen.

Hinrichtungen im Januar 1937 – insgesamt 35742 Menschen

Nach dem russischen Text, Quelle:
https://bessmertnybarak.ru/article/rasstrelnyy_yanvar_1938/

Das Projekt, vor 5 Jahren von Andrej Schalajew ins Leben gerufen, wird von ihm und ein paar seiner freiwilligen HelferInnen ehrenamtlich geführt. Das Resultat dieser großartigen Arbeit: Fast 2 Millionen Menschen, deren Namen für uns und unsere Nachkommen schon festgehalten sind (und es kommen im Sekundentakt neue hinzu), zahlreiche Berichte über ihre Schicksale und Geschehnisse in der Vergangenheit.
Das Besondere – jeder darf sich auf dem Portal anmelden und eigene Geschichten veröffentlichen. So konnte auch ich von meinem Vater und Großvater erzählen: https://bessmertnybarak.ru/user/1159/

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

3 Kommentare zu „Im Januar 1938

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