Gedanken zu einem Kommentar
Den unten angefügten Kommentar zu meinem russischen Text „Белый лист“ finde ich sehr beachtenswert. Er hat mich dazu gebracht, über meine beiden Muttersprachen zu sinnieren. Wenn man das überhaupt so sagen darf, denn Russisch ist streng genommen nicht meine Muttersprache, auch wenn ich damit aufgewachsen bin.
Danke, Nell, für deine inspirierenden Gedanken!
Nell sagt:
Ich wusste nicht, dass es im Russischen auch das Wort Landschaft gibt. Wieder was gelernt. Ich habe die zwei Texte verglichen. Bei mir spricht die russische Sprache direkt in mein Herz, auch wenn ich nur ein paar Wörter verstehe. Finde, es ist echt ein Talent, dass Du beide Sprachen so gut beherrschst, dass Du Dich in beiden Sprachen so bildhaft und differenziert, ja poetisch, ausdrücken kannst. Das ist echt eine Gabe! – Mir ist aufgefallen, dass der erste Abschnitt im Russischen ein bisschen ausführlicher ist als im Deutschen. Aber da Du die Autorin bist, weißt Du ja ganz genau in beiden Sprachen, was Du sagen willst, und sagst es eben in jeder Sprache in ihren eigenen Möglichkeiten. Ich bin jedenfalls begeistert von Deinen Sprachkenntnissen!
Es stimmt: Das Original und die Übersetzung sind nicht identisch. Im Russischen habe ich mir die Freiheit genommen, den Text so zu formulieren, dass er den gleichen Sinn hat und dieselben Emotionen vermittelt. Es ist keine wörtliche Übersetzung. Ich denke, dass es mir als Autorin erlaubt ist, so vorzugehen. Eigentlich müsste ich das mal recherchieren. Das tue ich jetzt auch und – siehe da, hier ist die Antwort.
Die KI meint dazu:
Ja, das ist grundsätzlich legitim. Als Autor*in hast du das Urheberrecht an deinem Werk, und dazu gehört auch das Recht, Übersetzungen anzufertigen und dabei stilistische Freiheiten zu nutzen. Eine Übersetzung muss nicht wortwörtlich sein – oft ist es sogar besser, den Sinn und die Emotionen zu bewahren, statt sich sklavisch an die Formulierung zu halten. Das nennt man sinngemäße oder freie Übersetzung.
Rechtlich ist wichtig:
Urheberrecht: Du bist die Urheberin, also darfst du dein Werk selbst übersetzen und anpassen.
Verlagsvertrag: Falls das Original bei einem Verlag erschienen ist, prüfe, ob der Vertrag Regelungen zu Übersetzungen enthält. Manche Verlage sichern sich Rechte für bestimmte Sprachversionen.
Kennzeichnung: Transparenz ist sinnvoll – etwa durch den Hinweis „frei übersetzt von der Autorin“.
In der Literatur ist es üblich, dass Autor*innen ihre eigenen Texte für andere Sprachen anpassen, manchmal sogar stark umarbeiten. Das kann als „Adaption“ oder „Neufassung“ gelten.
Inzwischen bereitet mir das Schreiben in beiden Sprachen keine außerordentlichen Schwierigkeiten mehr. Als ich mit dem Übersetzen begann, war das noch eine echte Herausforderung, vor allem, weil ich hier in Deutschland im Alltag kaum Russisch spreche.
Deine Aussage, liebe Nell: „Bei mir spricht die russische Sprache direkt in mein Herz“, hat mich besonders berührt und nachdenklich gemacht. Ist das bei mir auch so? Ich muss gestehen: Russische Texte zu lesen, ist mir oft angenehmer als deutsche. Vielleicht liegt das daran, dass die deutsche Sprache mit Artikeln und Großschreibung von Nomen arbeitet – Regeln, die es im Russischen nicht gibt. Dadurch wirkt Russisch für mich gleichmäßiger und fließender, sogar ein Stückchen lebendiger. Was mir jedoch die Freude an dieser Sprache trübt, ist das derzeit aggressive Putin-Regime in meiner alten Heimat. Dadurch erscheint mir die russische Sprache ebenfalls verdorben und ich würde es lieber vermeiden, sie öffentlich zu sprechen. Siehe dazu auch:
P.S.: Im Russischen gibt es tatsächlich das Wort „Ландшафт“ (Landschaft), das genauso klingt wie im Deutschen, weil es als Fremdwort übernommen wurde. Eine rein russische Entsprechung existiert nicht; am ehesten kämen vielleicht „пейзаж“, „местность“ oder „поле“ infrage.

