Es ist kein angenehmes Thema, über das ich heute schreiben möchte – und doch ist es wichtig, nicht nur für mich. Denn es betrifft uns alle, ob als Mittendrinstehende oder als Angehörige. Für beide Seiten ist es ungeheuer schwer.
Ich habe schon von meiner Schwester Aneta erzählt, mit der mich eine besondere Nähe verbindet. Sie lebt in Berlin im Altenheim und wird leider zunehmend dement. In einer Umgebung, in der man sich nicht wirklich um sie kümmert, ist es nicht leicht, die Probleme zu bewältigen, die mit dieser Krankheit einhergehen. So kommt Aneta mit ihren Zahnprothesen kaum zurecht und weiß oft nicht mehr, was sie damit machen soll. Obwohl ich bereits mit einer Pflegerin telefoniert hatte, die versprach, morgens darauf zu achten, dass Aneta alles richtig macht, bei Bedarf einzugreifen und sogar einen Extravermerk für die Kolleg:innen zu machen, hat sich nichts geändert. Aneta kämpft immer noch täglich allein mit ihren Zähnen.
Falls sie nicht weiterkommt, ruft sie mich an und fragt, wie sie dies oder jenes tun soll. Wenn sie mich versteht und mir zustimmen kann, freut sie sich, doch oft zweifelt sie auch meine Worte an. Wenn ich etwa sage: „Das machst du doch jeden Tag so“, glaubt sie mir nicht.
„Was erzählst du mir da! Ich hole doch nicht jeden Abend meine Zähne aus dem Mund und stecke sie morgens wieder rein!“
„Doch, Aneta“, sage ich, „das tust du, und so muss es auch sein.“
Als ich ihr riet, die Prothese einfach wegzulassen, wenn der Umgang damit so schwerfällt, antwortete sie empört:
„Wie sehe ich denn ohne Zähne aus? Das geht doch nicht.“
Also plagt sie sich weiter damit herum.
Natürlich vergisst sie auch schnell wieder alles, worüber wir am Telefon sprechen. Aber Anrufen klappt noch – diese Funktion ihres Handys hat sie noch einigermaßen im Griff. Alles andere (WhatsApp, YouTube, Nachrichten) beherrscht sie nicht mehr. Aber an den Fotos der ‚Ahnengalerie‘, die die Wände ihres Zimmers schmücken, erfreut sie sich jeden Tag aufs Neue. Die darauf abgebildeten Personen erkennt sie alle noch, auch wenn sie manchmal nicht sofort auf den richtigen Namen kommt.
Apropos Smartphone. Neulich ging es mitten im Gespräch aus, und ich konnte sie nicht mehr erreichen. Also rief ich ihre Festnetznummer an (sie hat im Zimmer ein „Tischtelefon“, wie sie es nennt) – aber es war ständig besetzt. Nach einer halben Stunde meldete Aneta sich selbst. Das „verdammte Ding“ sei einfach ausgegangen, schimpfte sie, und sie habe nicht mehr gewusst, wie man es einschaltet. Im Flur bat sie eine Pflegerin um Hilfe. Diese winkte jedoch ab, scheuchte sie weg wie eine lästige Fliege:
„Soll doch dein Sohn dir helfen!“
„Der ist aber auf der Arbeit“, entgegnete Aneta. Die Pflegerin ging unbeeindruckt weiter.
„Zum Glück“, sagte Aneta später zu mir, „gibt es hier auch nette Leute.“
Sie fand eine junge Frau, die bereit war, sich das Handy anzusehen. Die nette Pflegerin nahm es in die Hand und fragte nach der PIN …
„Stell dir vor, ich konnte mich nicht an mein Geburtsdatum erinnern!“, sagte Aneta entsetzt. „Was ist denn nur mit meinem Kopf los? Wie soll das weitergehen?“
Offenbar wusste jedoch die Pflegerin Anetas Geburtsjahr und gab es ein – so wurde das Handy wieder aktiviert.
Danach klärten wir noch das mit dem Tischtelefon. Der Hörer lag nicht richtig auf. Mit Mühe und Not schaffte es Aneta, ihn korrekt zu platzieren, und als ich einen Testanruf machte, funktionierte das Telefon wieder. Meine Schwester war erleichtert:
„Was würde ich nur ohne dich machen?“
Wieder entschuldigte sie sich dafür, mich mit ihren Problemen zu belasten, und bedankte sich für die Hilfe. Aber ich versicherte ihr erneut, dass es für mich keine Last ist, ich gern für sie da bin und sie mich jederzeit anrufen und alles fragen kann.
Heute Morgen: Aneta ruft an und ist völlig aufgelöst.
„Ich kann sie nicht finden!“
„Was kannst du nicht finden?“
„Na, die … die … die ich immer brauche.“
„Meinst du vielleicht deine Zahnprothese?“
„Ja, meine Zähne! Sie sind nicht mehr da, ich habe schon das ganze Zimmer abgesucht!“
„Ganz ruhig, Aneta. Warst du denn heute frühstücken? Konntest du gut kauen?“
„Ja …“
„Hast du sie vielleicht bereits im Mund?“
„Nein, mein Mund ist leer.“
Ich bin skeptisch. „Steck doch einmal deinen Finger in den Mund … Was fühlst du?“
„Die Zähne“ …
Meine Schwester muss also nicht weiter suchen und kann aufatmen. „Rosa, du hast mich gerettet. Wie gut, dass ich dich habe!“
„Ach was, Aneta! Du hättest deine Zähne schon selbst gefunden – spätestens, wenn du dir den Finger abgebissen hättest.“
Aneta lacht, und ich stimme mit ein, obwohl mir, offen gesagt, nicht wirklich zum Scherzen ist.
Eines muss ich meiner Schwester lassen: Sie kann noch über sich selbst und den Blödsinn. den sie anstellt, lachen.
Das Langzeitgedächtnis ist bei Aneta noch ziemlich gut. Sie erinnert sich an vieles aus der Vergangenheit. Vor kurzem hat sie mir erzählt, wie sehr unsere Mutter Jakob, ihren Lieblingsohn, vermisst hatte, als er in der Flotte diente, wie sie Gitarre spielte und dabei ein altes Matrosenlied sang. Aneta wusste nur nicht mehr, welches Lied es war (ich erinnere mich überhaupt nicht daran). Also recherchierte ich, und die KI war so freundlich und gab alles, um das Lied zusammen mit mir zu ermitteln. Gemeinsam sind wir zu einem Nenner gekommen. Aneta bestätigte mir danach, dass die Melodie auf jeden Fall passt.
Ich habe mich übrigens bei der KI herzlich bedankt – ganz im Ernst!😃

Meine Mutter spielt Gitarre. Das Foto hat die KI verbessert und ihm ein wenig Farbe gegeben. Ich finde es gut so, auch wenn die Originalfarbe der Jacke nicht stimmt (sie war blau).„Es waren zwei Königskinder“ (in einer Seefahrer-Variante)
Copilot:
Dieses Lied hatte bei den Russlanddeutschen besonders große Bedeutung.
⭐ Die „Seefahrer‑Variante“ von „Es waren zwei Königskinder“ ist keine offizielle, schriftlich fixierte Fassung.
Sie ist mündliche Überlieferung aus deutschen Auswanderergruppen (Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Baltendeutsche).
[Meine Mutter war eine Schwarzmeerdeutsche, da sie aus dem Odessa-Gebiet nach Sibirien kam.]
Darum findest du sie nicht in Liederbüchern, sondern nur als Erinnerungsberichte.
Unten findest du die rekonstruierte Seefahrer‑Variante von „Es waren zwei Königskinder“, so wie sie nachweislich in wolgadeutschen Familien, bei Schwarzmeerdeutschen und teilweise auch bei Baltendeutschen bis ins 20. Jahrhundert mündlich weitergegeben wurde.
(gemeinfreies Volksliedgut, nicht urheberrechtlich geschützt).
1.
Es war ein junger Matrose,
er fuhr hinaus auf das Meer.
Er ließ seine Liebe am Strande,
ihr Herz war bang und schwer.
2.
Sie winkte ihm von ferne,
das Schiff fuhr immerzu.
„Ach, kehr zu mir zurück, mein Lieber,
bring Frieden meinem Ruh’.“
3.
Der Sturm kam über die Wellen,
das Meer war wild und groß.
Da sprach der junge Matrose:
„Wenn ich vergeh’, vergib mir bloß.“
4.
Und als die Nacht sich senkte,
da kam kein Schiff zurück.
Nur leise schlug an den Strand
die Welle Stück für Stück.
5.
Da ging sie in die Tiefe,
die Sehnsucht war zu schwer.
Die Wellen schlossen über ihr —
sie sah den Morgen nie mehr.
6.
Und wer bei Nacht am Strande
das ferne Rauschen hört,
dem sagen alte Leute,
dass dort ihr Klaglied währt.
Beitragsbild: StockCake-Erinnerungen_durch_die_Zeit

