Auch wenn der nachfolgende Absatz nur wenige Zeilen enthält, genauer gesagt 53 Wörter, lässt er mich in Gedanken viele Tage und Monate Revue passieren, die zu diesem Augenblick geführt haben.
Es vergingen noch Wochen, in denen die Depression sich an mich klammerte. Eines schönen Frühlingstages aber schaute ich morgens aus dem Fenster und spürte plötzlich, wie etwas Schweres, Dunkles, Hässliches von mir abfiel. Sie war weg, die alte Plage! Von einem Augenblick auf den anderen – genauso wie sie mich damals im Frankfurter Flughafen überfallen hatte. Ein Glücksgefühl füllte den freigewordenen Platz und mit einem Mal wusste ich – ich bin angekommen. Ich bin zu Hause.

Aus dem Kapitel „Angekommen“
„Der Entschluss, Russland zu verlassen, reifte damals nur allmählich in uns. Ich glaube, Eugen und ich diskutierten nicht einmal besonders viel darüber, jeder erreichte mehr oder weniger selbst den Punkt, an dem er seine Gedanken laut äußerte. Wir waren uns einig darin, auszuwandern, auch wenn die Beweggründe nicht unbedingt die gleichen waren.
Mein Mann war von seinem Vaterland, vom sozialistischen System an sich enttäuscht, um es vereinfacht auszudrücken. Die nicht zu beantwortenden Fragen, warum und weshalb das Land diese Entwicklung genommen hatte, ließen ihm keine Ruhe, quälten ihn. Er wollte unbedingt jenes andere, als menschenfeindlich gebrandmarkte System kennenlernen, wollte vergleichen und das Unbegreifliche verstehen.
Bei mir waren es eher die innere Unruhe, die Schwierigkeit, angesichts leerer Kaufhäuser alltägliche wirtschaftliche Probleme zu bewältigen, die Sehnsucht nach der fernen, unbekannten Heimat meiner Vorfahren. Aber all diese Gründe waren von beiden Seiten einem großen Wunsch untergeordnet – dem, unsere Kinder in Sicherheit zu wissen.
Alexej, dem Ältesten, drohte die Einberufung in die Armee, Pawel war asthmakrank und die durch viele Chemiewerke verpestete Luft in Omsk trug nur zur Verschlechterung seiner Lebensqualität bei. Also wollten die beiden Jungs ebenfalls ‚nichts wie weg‘.
Am Anfang dieses Weges stand der Aussiedlerantrag zur Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland – ein umfangreicher Fragebogen, von dem ich leider keine Kopie mehr besitze; ich erinnere mich jedoch, dass es mehr als dreißig Seiten mit vielfältigen Fragen waren. Deren Beantwortung bedeutete eine Menge Arbeit, insbesondere, weil ich viele Informationen mühsam zusammenzutragen hatte und die deutsche Sprache – vor allem das Amtsdeutsch – noch nicht so gut beherrschte.
Alexej musste einen eigenen Antrag stellen, da er schon achtzehn und seit dem sechzehnten Lebensjahr im Besitz eines russischen Passes war. Dieser Umstand wurde ihm allerdings später zum Verhängnis.
Was Eugen betraf: Obwohl er ein ‚waschechter‘ Russe war, hatte er als mein Ehemann die gleichen Einreise- und Einbürgerungsprivilegien wie ich.
Unsere Odyssee begann.“
Und sie dauerte über zwei Jahre lang.
Es ist viel passiert, bevor die Fotografien entstanden, auf denen die freudestrahlende Rosa zu sehen ist. Sehr viel.

In Deutschland - mit meiner älteren Schwester Ida (links), 1993
In Deutschland, Frühjahr 1993Das Buch „In der sibirischen Kälte“ kann in meinem Buchshop (versandkostenfrei), bei Amazon, im Karina-Verlag oder in Buchhandlungen bestellt werden.


Es scheint so, als würdest Du Rückschau halten ;-)
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Ja, immer mal wieder :-)
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Hallo Rosa!
Nachdem du mich schon des Öfteren besucht hast wollte ich doch wenigstens einen kleinen Gegenbesuch bei dir abstatten.
Ich lasse gerne liebe Grüße für dich hier,
Lilo
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Danke! Da grüße ich doch gern zurück 😊 💐
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Hallo Rosa,
ich habe nicht viele Follower, aber selbst die schaffe ich nicht immer zufriedenstellend zu besuchen. Das tut mir immer sehr leid, aber der Tag hat eben zu wenig Stunden. ;)
Es grüßt dich Lilo 🙋
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