Veröffentlicht in Autobiografie, Natur, Persönliches

Mein Herbst …

Es ist September. Seine Zeit ist gekommen. Im Grunde ist der Herbst schon da, er sammelt sich bloß ein wenig, sucht noch das passende Gewand für dieses Jahr aus, die passende Melodie, den passenden Duft …

Ich denke an die längst vergangenen Tage, die Jahrzehnte zurückliegen, an die Tage meiner Jugend. Da war mein Leben noch im Aufbau, die Zukunft schemenhaft; ich tastete mich mal zögernd und schüchtern, mal ungeduldig und stürmisch voran, meine Sinne sowohl nach außen als auch nach innen gerichtet. Ich brauchte die Zustimmung in der Außenwelt genauso sehr, wie die Harmonie, das Gleichgewicht in mir selbst. Die Jahreszeiten waren für mich oft die Abbildung meiner inneren Welt und umgekehrt.

Ich stellte mir den Herbst als eigenartiges Lebewesen vor, das unbegrenzte Macht besaß und gleichzeitig so feinfühlig sein konnte wie ein Mensch, schnell veränderlich in seiner Stimmung.

Herbst kann fröhlich und strahlend glücklich sein. Elegant und festlich gekleidet duftet er nach seltenem, wahrscheinlich teuerstem Parfum, das an die Vergangenheit erinnert und zugleich einen Hauch der Zukunft in sich trägt. Er genießt die Natur in vollen Zügen und ist mit sich selbst äußerst zufrieden. Aber schon am nächsten Morgen ist von dieser Zufriedenheit nichts mehr zu erkennen. Unglücklich und offenbar von etwas zutiefst verletzt, hat er sich im Schornstein verkrochen, heult, jammert und klagt. Mit trüben Augen schaut er mich durch die Fensterscheibe an, sein dunkles Gesicht ist von Tränen überströmt. Er braucht menschliche Hilfe und Zuneigung.

Auch seine tiefe Depression erlebe ich hin und wieder. Schwarze, niedrige Wolken treiben am Firmament. Keine Hoffnung lockt ihn auf blauen Himmel und Sonnenschein. Dem Herbst ist nicht danach – seine Hände sind eiskalt, sein Atem kaum vernehmbar. Er vergießt spärliche, fast gefrorene Tränen auf die harte, graue Erde … Er will niemanden sehen und versteckt sich in den dunkelsten Ecken des Dorfes.

Und wer kennt seine Wutanfälle nicht, in denen er sich mit der Kraft eines wilden, ungebändigten Tieres austobt? Alles Lebende verbirgt sich vor ihm und wartet stumm, dass er endlich todmüde aufgibt und sich wieder beruhigt.

Mein Herbst 1969 … Wie oft suche ich die Einsamkeit in seiner Gesellschaft, flüchte vor Menschen in den aus der Ferne schon goldgrün schimmernden Birkenwald. Dort sitzen wir einander gegenüber auf dem prachtvollen Laubteppich und hören uns aufmerksam zu. Er erzählt mir von schönen, fantastischen, manchmal auch schaurigen Dingen und in seiner eigenen Geschichte erkenne ich oft auch die meine. Ich breite vor ihm meine Sehnsüchte, meine Zweifel, meine Schmerzen aus und er stimmt mir nickend und leise raschelnd zu. Keine meiner Offenbarungen wird ihm zu viel, er versteht mich ohne Worte, wie es keinem anderen Wesen gelungen wäre. Mit leichter Brise streichelt er sanft über mein Gesicht und flüstert mir ermutigende Worte ins Ohr …

Ich schreibe dies und verspüre plötzlich Traurigkeit, sogar so etwas wie Reuegefühl in mir aufkommen. Mein Herbst der längst vergangenen Jahre … im Erwachsenenleben, in der Hektik des Alltags habe ich ihn nicht mehr beachtet, denke kaum noch an ihn. Ich bin von ihm fort und in die weite Welt gegangen. Ich habe ihn zurückgelassen, in den goldgrünen Wäldern und Feldern Sibiriens. Ihm widme ich diese Zeilen. Ich bin sie ihm seit langem schuldig.

(Auszug aus meinem Buch „In der sibirischen Kälte“).

Beitragsbild: Ekaterina Smirnova

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

9 Kommentare zu „Mein Herbst …

  1. So schöne Zeilen über einen Herbst, in dessen Regenpfützen sich auch ein Teil meines Lebens widerspiegelt. Diesen Herbst haben wir zurückgelassen, aber nun steht der unseres gesamten Daseins vor der Tür. Mit all seinen Facetten, den lieblichen, den stürmischen, den nebelgrauen und den sonnengoldenen. Ich möchte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, aber wäre es nicht besser, auch ihn freundlich hineinzubitten?🍂

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  2. Ich will nicht übertreiben, ich will nur sagen, dass deine Worte reine Poesie sind.Ein Gedicht in Prosa. Deine Sprache klingt wie Musik, deine Worte so wohlgesetzt, Und man kann alles nachempfinden, ist ganz gefangen, was dein Inhalt wiedergibt.

    Ich hab alle Herbstgedichte gelesen, aber deins ist das Schönste und es ist ein Gedicht.

    Es ist dazu eine Offenbarung, ein Bekenntnis, ein Stück Lebenslauf. Es ist wundervoll.

    Ich kniee vor dir, dein Sven ❤

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      1. Eigentlich wollt ich dir ja ein Zitat aus deinem Text hier anbringen, damit du siehst, wie bildhaft du schreibst, aber ich hab nochmal alles gelesen und es gibt kein Zitat, weil der ganze Text einfach zitiert sein müsste. Was du geschrieben hast, könnte kein anderer Dichter besser schreiben, kein Thomas Mann und kein Hermann Hesse .. ❤

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    1. Herzlichen Dank euch beiden! 💗
      Aber ich hatte ja schon einmal bei dem Awesome Blogger Award mitgemacht und würde mich diesmal lieber zurückhalten. Bin nicht so ganz in der Stimmung (familiäre Angelegenheiten). Trotzdem ehrt es mich und ich freue mich über eure Nominierung. 😊
      Liebe Grüße
      Rosa

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