Veröffentlicht in Menschsein, Persönliches

Kompromiss (manchmal geht es nicht anders)

An einen lieben Menschen

… Zu unserer Auseinandersetzung möchte ich Dir doch noch ein paar Zeilen schreiben. Eins vorab: ich weiß, dass Du einen Sinn für Gerechtigkeit hast und die Wahrheit Dir wichtig ist, dass Du alles hinterfragst und Antworten suchst. Aber das tue ich auch! Ebenso wie Du, verabscheue ich das grausame und sinnlose Töten, ganz gleich, ob es Ukrainer und Russen sind, die sterben müssen, oder ein anderes Volk.

Letzte Tage habe ich viel nachgedacht, auch darüber, warum Du und ich solcher unterschiedlichen Meinungen sind, und doch bin ich zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen.

Warum sehe ich das, wie es in Deutschland läuft, nicht so negativ wie Du? Ja, Du hast Deine Erklärungen und Medien, aus denen Du Dein Wissen beziehst; ich vertraue anderen Quellen. Hinzu kommen natürlich noch meine persönlichen Erfahrungen.

Ich bin in diesem Land 1992 aufgenommen und von Anfang an unterstützt worden; solange es nötig war – auch finanziell. Das betrifft ebenso meine Familie. Oder würdest Du etwas anderes sagen? Ich fühle mich hier frei, lebe mein Leben, so wie ich es für richtig halte, bin respektiert und sogar als Buchautorin anerkannt und geschätzt.

Alle Russlanddeutschen wurden übrigens für die Zeit in der UdSSR, als sie unter der sogenannten Kommandantur standen (Meldepflicht und Verbot, den Wohnort zu verlassen), finanziell entschädigt, je nach Dauer dieser Diskriminierung für die konkrete Person. Mein Vater bekam seinerzeit mehrere Tausend DM, ich zwar nur ein paar hundert, aber ich war auch erst zwei Jahre alt, als die Meldepflicht aufgehoben wurde. Ich habe wahrlich keinen Grund, mich gegen Deutschland zu stellen, und den will ich nicht einmal suchen.

Nein, unsere Politiker machen nicht alles richtig, aber sie sind bestrebt, Lösungen zu finden, und es gibt auch Unterstützung in dieser schweren Zeit – die bekommst Du, die haben Dagmar und ich bekommen. Die Deutschen sind nicht im Stich gelassen worden, im Gegensatz zu Russlands Bürgern. Und die Regierung … die kommt und geht – wir wählen sie selbst. Wir haben die Wahl! Wir dürfen sie kritisieren und dagegen demonstrieren. Im deutschen Fernsehen gibt es genug hitzige Diskussionen und auch böse Worte gegen die „da oben“ (auch gegen Lauterbach wegen seiner Corona-Politik 😉). Und hast Du auch nur eine russische Propaganda-Sendung gesehen? Ihre Lügen und abartiges Hetzen gegen Гейропа (Gayropa)? Ja, die guten Russen und die perversen Europäer!

Dreh doch einmal den Spieß um und betrachte alles aus anderer Position.

In Russland herrschen Zustände, die Stalins Regime erschreckend nahekommen. Putin hat schon zu Beginn seiner Herrschaft den gefährlichen Weg eines Diktators eingeschlagen. Sogar Stalin wird wieder auf das Podest gehoben, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie und wo endet das alles? Armes Volk, waren ihm die Jahrzehnte der Tyrannei nicht genug?

Apropos Stalin. Natürlich gebe ich Dir recht – Hitler war einer der größten Kriegs-Verbrechern. Doch Stalin hat ihn in diesem Sinne und an eigener Bestialität weit übertroffen. Darüber gibt es viele Informationen im Netz; nicht zu vergessen die Schicksale meiner Großeltern und Eltern.

Noch einmal zum gegenwärtigen Krieg. Ja, Selensky hat sicher auch Dreck am Stecken, aber nichts rechtfertigt einen Überfall auf ein souveränes Land mit dem Ziel, alles Leben dort zu vernichten. Was hat Putin denn erwartet? Dass die Ukraine klein beigibt? Es ist doch klar, dass die Ukrainer zu allem greifen, um sich zu verteidigen und dass die ganze Welt sich auf ihre Seite stellt und Hilfe leistet. Ein kluger Mensch hätte das voraussehen müssen, aber Putin mit seinem Größenwahn war sich wohl seines Sieges zu sicher. Jetzt reißt er mit sich selbst auch sein Land in den Abgrund und das ist nicht mehr zu verhindern. Es werden Jahrzehnte vergehen, bis Russland da wieder herauskommt, wenn überhaupt …

Nein, ich hege keinen Hass gegen Russen und ihr Land. Schließlich ist es immer noch meine alte Heimat, auch wenn ich schon mehr als 30 Jahre in Deutschland zu Hause bin. Eugen war ein „waschechter“ Russe und Du weißt – ich habe ihn geliebt. Ich mag und schätze die russische Sprache, schreibe auch viel auf Russisch. Bestimmt überrascht Dich das. Vielleicht solltest Du Dich etwas näher mit dem befassen, was ich mache? 😉 Lesen, was ich schreibe?

Ich möchte Dir einen Link schicken, zum Text über das Schicksal meines Großvaters Johann Hetterle. Der Artikel ist auf Russisch und, wie Du sehen wirst, habe ich noch mehrere Texte in dieser Sprache. Unter anderem über meinen Vater Jakob Schütz. Er hat in seinem Leben viel durchmachen müssen. Ist Dir bekannt, dass er sieben Jahre in der Трудармия (Arbeitsarmee = Arbeitslager) verbracht hatte, aus der er erst 1949 entlassen wurde? Da war der 2. Weltkrieg längst zu Ende.

О моём дедушке“

Vermutlich kann ich Dich nicht umstimmen und Du wirst bei Deiner Ansicht bleiben. Aber ich bitte Dich, wenigstens einmal in Betracht zu ziehen, dass womöglich nicht die Welt verrückt spielt, sondern hauptsächlich ein bestimmtes Land und sein Führer. Ist das so verwunderlich, wenn man die Geschichte Russlands kennt?

Und wir beide schließen einen Kompromiss und reden nicht mehr über Politik, okay? Das bringt momentan wenig. Vielleicht stellt sich aber schon bald heraus, wer recht hat. Wichtig bleibt für mich – wir sind beide gegen Krieg, gegen Gewalt und gegen das sinnlose Sterben.

PS: Wenn Du Dich ein wenig auf meiner Seite umsiehst, wirst Du vielleicht noch einiges mehr an Lesenswertem für Dich entdecken – in beiden Sprachen. Und Du hast ja meine Bücher …

www.rosa-andersrum.de

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk), lebe seit 1992 in Deutschland. Nach 18 Jahren Bibliotheksarbeit in Omsk und 20 Jahren in der Stadtbücherei Lüdenscheid bin ich nun seit Dezember 2019 Rentnerin. Ich schreibe gern für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum". Einige meiner Texte sind auch als eBooks im Internet frei zugänglich.

8 Kommentare zu „Kompromiss (manchmal geht es nicht anders)

  1. Erneut ein großartiger, persönlicher und für mich komplett unterschreibenswerter Blogartikel von dir, liebe Rosa! Danke dafür! 😻🌞🏵

    Und sollte dies zugleich auch dein 200. sein, was ich stark vermute, dann „PROST DARAUF“ 🍹🍹 und mach bitte ebenfalls weiter so!

    Herzlichste Grüße: VVN 🌈

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Rosa,
    ganz, ganz lieben Dank für diesen Artikel!
    Du spricht mir voll und ganz aus der Seele.
    In Siebenbürgen hatten wir es als Deutsche nicht ganz so schwer wie ihr in Russland – zumindest meine Generation nicht.
    Auch wenn mein Vater, wie die meisten Männer und Frauen zwischen 17 und 45 Jahren nach dem Krieg in Arbeitslager der Sowjetunion verschleppt wurden.
    Dies, ohne selbst im Krieg gewesen zu sein.
    Viele starben – mein Vater kam nach 5 Jahren wieder nach Siebenbürgen zurück.
    Von den Menschen hat er immer nur Gutes erzählt – jedoch über das System redete er sehr selten und ungern. Ich weiß aber viel über die Zeit der Verschleppung.
    Vater hat sehr viel leiden müssen.
    Es hat ihn sein Leben lang geprägt.
    Und leider hat er es mich sehr spüren und fühlen lassen.
    … Der Krieg ist nun so lange her – ich habe ihn nicht erlebt.
    Aber indirekt trage ich immer noch Folgen daraus – kann mit Vater nicht abschließen und bin in Therapie.
    Danke, Rosa! Schreib bitte weiter so!

    Alles Liebe
    Michael

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Michael,

      danke für Deine anerkennenden Worte!
      Ich kann mit vorstellen, was Dein Vater alles in der Sowjetunion erleiden musste, dafür weiß ich zu viel über die Gräueltaten damaliger Zeit. Stalin brauchte massenhaft Sklaven, die umsonst die schweren Arbeiten erledigen und er schreckte für nichts zurück. Und es gab genug Verbrecher, die für ihn Unmenschliches taten. Genauso viele, wie es jetzt Putin-Versteher gibt, die sogar bereit sind, als Kanonenfutter für ihn zu sterben. Die Geschichte wiederholt sich, weil die Menschen in Russland nichts dazu gelernt haben. Es endet in einer Katastrophe, fürchte ich.
      Du schreibst: „Aber indirekt trage ich immer noch Folgen daraus – kann mit Vater nicht abschließen und bin in Therapie.“
      Das verstehe ich gut – so geht es auch vielen Russlanddeutschen, darunter auch mir. Das, was unsere Eltern und Großeltern durchmachen mussten, prägt mich, und ich kann deswegen nicht wirklich zur Ruhe kommen. Der Schmerz meiner Vorfahren lastet auch auf mir.
      Vielleicht möchtest Du mehr darüber wissen, dann empfehle ich Dir diesen Beitrag: https://rosasblog54.com/2019/05/18/meine-mutter-und-ich/
      Herzliche Grüße ❤️
      Rosa

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  3. Liebe Rosa,
    Deinen Eintrag hier, an einen lieben Menschen, habe ich erst jetzt entdeckt.
    Ich kann Deine Haltung Deutschland gegenüber sehr gut nachvollziehen. Ich vermute, dass es zwischen Dir und diesem Menschen unterschiedliche Meinungen zu Deutschlands Haltung gegenüber Russland und der Ukraine geht.
    Deutschland hat Dich und Deine Familienmitglieder bestens aufgenommen. Dass Du in diesem Zusammenhang Dankbarkeit spürst, zeigt, dass Du in Deiner zweiten Heimat angekommen bist. Allerdings räumst Du auch ein, dass es – wie überall – auch in Deutschland Entscheidungen gibt, die hinterfragenswert sind. Das ist doch in jedem Fall eine realistische Einschätzung, der ich auch bestens folgen kann.

    Ich bin schon lange der Meinung, dass es nicht DIE EINE Wahrheit gibt. Wahrheiten sind persönliche Wahrnehmungen und als solche immer auch subjektiv gefärbt.
    Spätestens die Corona-Thematik hat einen großen Spalt in die öst. Bevölkerung getrieben, weil sich die eine Seite auf ihre Medien und Aussagen von Medizinerinnen gestützt hat, wie die andere Seite auf Medien und Aussagen von Ärztinnen pochte, die ihre anderen Haltungen genährt haben. Ich fühlte mich keiner der beiden Parteien zugehörig, ich wollte einfach sachlich formulierte Informationen. Ich habe meine Beobachtungen gemacht und beiden Seiten zu verstehen gegeben, dass jegliche Einschätzungen auch subjektiv transportiert wurden. Ich fand und finde es eigenartig, wie sich über solche Herausforderungen hinweg die Leut‘ gegenseitig am liebsten die Köpfe eingehauen hätten. Eine Krise erhält doch noch mehr an Spannungspotential, wenn die Emotionen derart überschwappen! Damit ist wohl niemandem gedient.
    Ich glaube, dies verhält sich zu vielen Themen der Welt so. Ich kann überhaupt nicht mitreden, was in Russland und in der Ukraine vor sich geht. Ich bin nicht und war niemals an diesen Orten, ich kann die Herzen der Menschen an diesen Orten nicht aus der Ferne lesen.
    Ich mag nicht beurteilen, wer von den beiden „schlimmer“ war – Hitler oder Stalin. Mir ist nur klar: Ich möchte beide nicht als „Menschen“ bezeichnen. Beide haben eine unglaublich mörderische Gefolgschaft hinter sich versammelt, das ist die traurige Folge davon, „Führergestalten“ ohne einen Anflug von Gewissen zu folgen. Es dürfte sich bei Hitler und Stalin um sehr unterschiedliche „Persönlichkeiten“ gehandelt haben, die auch unterschiedlich aufgetreten sind, geeint waren sie sicherlich in ihrem Ausdruck von Hass und Gewalt. Das ist schlimm genug!

    Der Mensch neigt dazu, sich als Bestie zu zeigen – gerne und oft auch aus religiösen Überzeugungen. Wir werden an diesen weltweiten krankhaften Grundstrukturen erst dann etwas ändern können, wenn wir dazu global in der Lage sind, es bereits unseren Kindern beizubringen, dass einem anderen Menschen niemals Gewalt zugefügt werden darf – egal, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt.

    Wenn wir uns alle in diesem einen Punkt einig sind, dann können wir in diesem Sinne auch zu Taten schreiten – und diese Welt zu einem besseren Ort machen!

    Ganz liebe Grüße, C Stern

    Gefällt 1 Person

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